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Der Tory-Abgeordneten Anna Soubry ist im Brexit-Streit der Kragen geplatzt.

Harte Kollegen-Schelte

Video geht viral: Britische Abgeordnete rechnet in drastischer Brexit-Wutrede ab

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Eigentlich gehört sie zu Theresa Mays Regierungsmehrheit - aber im Brexit-Streit platzt der Abgeordneten Anna Soubry der Kragen. Sie rechnet mit Kollegen mit „vergoldeten Pensionsbezügen“ ab.

London - Der Brexit-Streit in Großbritannien mag lediglich wie eine weitere Skurrilität der eigenwilligen Insulaner im Nordwesten Europas wirken. Aber im Kern geht es um wichtige universelle Fragen unserer Zeit: Kann ein Land im Jahr 2018 abgeschottet besser (über-)leben als in der EU? Lohnt sich der Schritt zurück zu nationaler Souveränität? An solche Streitpunkte rührte letztlich auch die Asyl-Debatte Horst Seehofer im Juni.

In Großbritannien kochen die Emotionen mittlerweile hoch - aber auch die Sorgen und Ängste. Der konservativen Abgeordneten Anna Soubry, als Tory Mitglied der Regierungsmehrheit von Premier Theresa May, ist am Montag im Unterhaus der Kragen geplatzt. Sie lieferte eine Wutrede ab, in der sie unter anderem mit der ihrer Ansicht nach selbstgefälligen und heuchlerischen Politik vieler Kollegen abrechnete. Allein ein Twitter-Video der BBC kassierte binnen kurzer Zeit mehr als 20.000 Likes - und wurde mehr als eine Million Mal abgerufen.

Wenn sich keine Lösung für eine Zoll- und Handelsunion finde, „werden tausende Jobs verschwinden“, warnt sie: „Und ehrenwerte Mitglieder dieses Hauses wissen darum, wie sie in privaten Unterhaltungen zugeben.“ Soubry plauderte weiter aus dem Nähkästchen: „Und was sie in diesen privaten Unterhaltungen gesagt haben ist, dass der Gewinn von Souveränität den Verlust von hunderttausenden von Jobs wert sein wird.“

Abgeordnete mit „vergoldeter Pension“ als Job-Diebe?

„Das dürft ihr den Menschen in meinem Wahlkreis erklären!“, ruft die aufgebrachte Abgeordnete dann. „Niemand hat mit ‚leave‘ gestimmt, um ärmer zu werden, und niemand hat mit ‚leave‘ gestimmt, damit ihm jemand mit einer vergoldeten Pension und ererbten Wohlstand den Job wegnimmt!“

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Auch mit May ging Soubry hart ins Gericht. Nötig sei eine Zollunion - oder ein „magischer dritter Weg“, den May zu liefern hoffe. „Viel Glück dabei!“, tobte die Abgeordnete.

Hardliner treiben May vor sich her - Zollunion wird zunehmend unwahrscheinlicher

Gerade im Ringen um eine Zollunion spitzt sich der Brexit-Streit immer weiter zu. May hatte am Montag überraschend mehrere Änderungsanträge des Brexit-Hardliners Jacob Rees-Mogg zum neuen Zollgesetz akzeptiert. Nach Ansicht von Kritikern ist es damit nahezu unmöglich geworden, dass Brüssel Mays Vorschläge für ein Zollabkommen mit Großbritannien abnickt. Rees-Mogg führt eine etwa 60-köpfige Gruppe von Befürwortern eines harten Brexits innerhalb der Regierungsfraktion an.

May streitet zwar ab, dass die Änderungen am Zollgesetz wesentlichen Einfluss auf ihre neue Brexit-Strategie haben werden, doch die EU-freundlichen Kräfte in ihrer Partei sind verärgert. Sie wollen nun zurückschlagen. Am Dienstagabend könnten sie der Regierung mit Unterstützung der Opposition eine Niederlage bei der Debatte zum Handelsgesetz zufügen. Sie wollen einen Passus durchsetzen, der Großbritannien dazu verpflichtet, in einer Zollunion mit der EU zu bleiben.

Im Streit um den neuen Brexit-Plan, der eine engere Bindung an die EU vorsieht, hatten sowohl Brexit-Minister David Davis als auch Außenminister Boris Johnson vergangene Woche ihren Hut genommen. Mehrere Abgeordnete traten von ihrem Posten als Staatssekretär oder von Parteiämtern zurück. Der Druck auf May scheint gewirkt zu haben.

In seinem eigenen Tätigkeitsfeld, der Sicherheitspolitik, hatte übrigens auch Seehofer für eine fortgesetzte enge Zusammenarbeit über die nationalen Grenzen hinweg nach dem Brexit geworben - über den Kopf Angela Merkels hinweg.

Lesen Sie auch: Trump wollte May den Brexit erklären - „aber sie hat nicht gehört“

fn/dpa

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