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Identitätskrise im Königreich

Briten vor dem Brexit: Auf der Suche nach sich selbst

London - Noch ein Tag, dann geht es für die Briten an die Wahlurnen. Der Wahlkampf tobt - und auch der innere Kampf einer zerissenen Nation.

Update vom 22. Juni 2016: Am Donnerstag stimmt Großbritannien über den Verbleib in der EU ab. Alle aktuellen Infos finden Sie in unserem News-Blog zum Brexit.

Erst die schottische Unabhängigkeit, nun der EU-Austritt: Gleich zwei historische Volksabstimmungen binnen zwei Jahren offenbaren das Dauerbrennerthema der Briten. Das Königreich tut sich schwer mit seiner Identität und ist zerrissen zwischen dem nostalgischen Gedanken an ein verlorenes Kolonialreich und seiner ungewissen Zukunft. Am Donnerstag stimmen die Briten über genau diese Zukunft ab - der Ausgang ist völlig offen.

Offen, kosmopolitisch - so präsentiert sich das Land und gerade die Hauptstadt London gehört zu den lebendigsten Metropolen weltweit. Doch viele Historiker sind sich einig, dass sich Großbritannien im Inneren nicht wohlfühlt und mit seinem Platz in der modernen Welt hadert. Denn die Zeit des British Empire, das auf seinem Zenit ein Viertel der damaligen Weltbevölkerung beherrschte, ist Geschichte. Nur wollen das einige Briten nicht hinnehmen.

Anspielungen auf Kriegszeiten

"Einen großen Teil der Brexit-Debatte macht die Unfähigkeit aus, sich der Tatsache zu stellen, dass Großbritannien kein Kolonialreich mehr hat", sagt der Historiker Michael Skey von der Loughborough University. Der mögliche EU-Austritt werde dann mit der Sehnsucht verbunden, in eine Zeitmaschine zu steigen und in den 50er Jahren noch einmal von vorn zu beginnen. Das war die Zeit, in der die beginnende Dekolonialisierung und die Suez-Krise das Ende des Empires einläuteten.

Vor allem die ältere Bevölkerung halte an dieser Idee fest, sagt Skey, nach dem Motto: "Wenn wir nur von diesen verdammten Europäern loskommen, werden wir wieder groß sein." Kaum verwunderlich ist es daher, dass die Referendumskampagne mit Anspielungen auf Kriegszeiten und die Vergangenheit gespickt sind.

Überhaupt ist das Kriegserbe in Großbritannien noch immer verbreitet. Bei Luftwaffenshows ist regelmäßig der Kampfbomber Spitfire zu sehen. Bei der Fußball-EM grölen englische Fans das Schlachtlied "10 German Bombers", in dem deutsche Kampfjets von der englischen Luftwaffe vom Himmel geschossen werden. Und der Brexit-Befürworter Boris Johnson verglich die EU jüngst mit Adolf Hitler, weil sie Europa in einen Superstaat pressen wolle.

Globaler Status bröckelt schon länger

Der Kriegshistoriker und frühere "Daily Telegraph"-Reporter Patrick Bishop sagt dazu, der Zweite Weltkrieg sei der letzte Zeitpunkt gewesen, an dem die Briten eine gemeinsame Identität verspürt hätten. Nun aber herrsche eine "tiefe Unsicherheit". Auch Sunder Katwala vom Institut British Future knüpft an das Gefühl nach dem Zweiten Weltkrieg an. Damals sei das Königreich noch unter den drei führenden Weltmächten gewesen und habe das Projekt Europa aus der Ferne betrachten können.

Als der globale Status allmählich zu bröckeln begann, öffnete sich die Insel auch für Europa - doch es war nie eine Liebeshochzeit. Die Briten seien der "Idee eines Europa als moralischem Projekt" zur Einigung und Friedenswahrung viel weniger verbunden als andere Länder, sagt auch der Geschichtsprofessor Robert Tombs von der Cambridge University. Das liege vor allem daran, dass das Land viel weniger "traumatische Erinnerungen" an den Weltkrieg habe.

Vor der Abstimmung: Briten im Brexit-Fieber

"Die Briten neigen dazu, das Ganze als reine Wirtschafts- und Handelsvereinbarung zu betrachten", sagt Tombs. "Und wenn das nicht zu ihren Gunsten verläuft, sind sie auch bereit, davonzulaufen." Sogar Premierminister David Cameron warb immer wieder lediglich mit dem Wirtschaftsargument für einen EU-Verbleib - und gestand ein, dass Brüssel und seine Bürokratie ihn manchmal verrückt machten.

Der Analyst Katwala sieht zudem die Besonderheit, dass das Königreich eine Insel ist, als entscheidend für das Zugehörigkeitsgefühl an. "Es gibt auch in anderen europäischen Ländern eine große Euroskepsis, aber sie beschäftigen sich nie mit der Frage: Gehören wir dazu?", sagt er. "Großbritannien allerdings kehrt immer wieder zu dieser Frage zurück."

afp

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