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Sigmar Gabriel bei seinem Vorlesungsauftakt als Gastdozent an der Uni Bonn.

Ex-Minister auf dem Prüfstand

Dozent Gabriel an Uni ausgebuht - so souverän kontert er

Am Montagmittag hatte Sigmar Gabriel seinen Vorlesungsauftakt an der Uni Bonn. Souverän begegnete er kritischen Fragen und Protest-Bannern. Zum Schluss erntete er Applaus. 

Bonn - Am Montagmittag hielt Ex-Bundesaußenminister Sigmar Gabriel seine Antrittsrede als Gastdozent an der Universität Bonn. Das Thema seiner Vorlesung lautete: „Deutschland in einer unbequeme(re)n Welt - die deutsche Europa- und Außenpolitik vor neuen Herausforderungen“. Bereits als Gabriel sein Amt als Außenminister noch inne hatte, entschloss er sich, den Lehrauftrag für das Sommersemester an der Traditions-Uni zu übernehmen. 

Gabriel füllte den Hörsaal bis zum Anschlag

Der Rektor sei froh, ihn hier zu haben, schließlich verstehe sich die Uni als Scharnier zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Viele andere Politiker waren nach dem Ende ihrer aktiven Laufbahn ebenfalls vorübergehend an die Uni gewechselt: Joachim Gauck, Peer Steinbrück und Joschka Fischer, um nur einige zu nennen.

Der holzvertäfelte Hörsaal im Kurfürstlichen Schloss war gerappelt voll: Bis auf den letzten Platz besetzten 350 Leute die Reihen. Hier traf man jedoch nicht nur auf Studenten, sondern auch auf Senioren. Vielen schien hierbei entgangen zu sein, dass Sigmar Gabriel seine Gastdozenten-Tätigkeit ehrenamtlich ausführt. Aus der achten Reihe vernahm man die Worte: „Mich würde mal interessieren, was ein Herr Gabriel für so einen Vortrag bekommt.“ Der Sitznachbar des ergrauten Skeptikers ergänzte: „Und ob er es als Nebentätigkeit anmeldet.“

Gabriel ließ sich nicht aus der Ruhe bringen

Zum Auftakt der Vorlesung musste Sigmar Gabriel also am eigenen Leibe erfahren, dass ihm nicht alle Gäste wohlgesonnen waren. So wurde er während seiner Rede mehrfach von Demonstranten unterbrochen und sogar ausgebuht. Der Politiker ließ sich hiervon aber nicht aus der Ruhe bringen. Amüsiert wies er seine Hörerschaft sogar auf ein Plakat mit der Aufschrift: „Gegen Iran-Siggi - für Israel“ hin, was wenige Minuten nach Beginn der Vorlesung auf der Empore des Hörsaals 1 von Studenten entrollt worden war. Über den Protest-Banner verlor er lediglich die Worte: „Wenn Sie sich das nicht angucken, sind die enttäuscht.“ 

Sigmar Gabriels Vorlesungsauftakt - Protest-Banner im Hörsaal.

Nachdem erst Flugblätter durch den Hörsaal geworfen worden waren, prasselten schließlich mehrere Fragen auf den Ex-Außenminister ein, darunter: „Herr Gabriel, warum liefern Sie Waffen an die Türkei? Warum arbeiten Sie mit Putin zusammen?“ Gekonnt beruhigte er die Meute und entgegnete seelenruhig: „Passen Sie auf. Was halten Sie davon, wenn ich Ihre Fragen beantworte?“

Gabriel über sein intensives Verhältnis zu Israel

Er hielt, was er versprochen hatte und widmete sich nach und nach den Fragen seiner Zuhörer. Hierbei betonte er, dass es wenige Länder gebe, in die er so oft gereist sei und zu denen er ein so intensives Verhältnis habe, wie Israel. Weiter dröselte er seinen persönlichen Bezug zu Israel auf, indem er erklärte, dass es in seiner Familie sowohl Auschwitz-Leugner als auch Auschwitz-Opfer gebe. Dahingehend schlussfolgerte Gabriel für sich: „Wer in einer solchen Familie groß wird, der kann gar nicht anders, als ein intensives Verhältnis zu Israel zu entwickeln.“ Weiter pflichtete er der Aussage Angela Merkels bei, dass der Schutz und die Sicherheit Israels zur Staatsräson Deutschlands gehöre.  

Hier geht es zum Video der Vorlesung.

Gabriel spannte einen großen theoretischen Bogen 

Im weiteren Verlauf wurde es dann sehr seriös. Gabriel war spürbar darum bemüht, seine Ausführungen theoretisch zu untermauern, so wie es sich gehört an einer Uni, die von Heinrich Heine, Friedrich Nietzsche und Karl Marx besucht worden ist. Er ging zurück bis zu Heinrich dem Seefahrer im 15. Jahrhundert. Er sprach über Europa, Syrien und China, er erwähnte die Krim und den Brexit. Er zitierte Dichter und Politologen, aber auch historische Staatsmänner wie Fürst Metternich und Lord Palmerston. Der ganz große Bogen. Für manchen zu groß. Hier und dort leuchteten Handys unter dem Tisch auf. 

Am Ende erntete Gabriel trotz anfänglicher Reibereien mit Demonstranten, denen er souverän begegnet war, Applaus. Seine persönliche Bilanz, an der er die Reporter teilhaben ließ: „Ich finde es spannend. Ich war ja mal Lehrer, ich hab‘ ja mal einen anständigen Beruf gelernt früher.“ 

Zum Abschluss interessierte sich eine Journalistin noch dafür, ob man ihn demnächst auch in der Mensa treffen könne. Er schloss dies nicht aus und entgegnete der neugierigen Reporterin: „Warum nicht? Kommt drauf an, wie das Essen da ist.“

Lesen Sie auch: „Altmaier verabschiedet eigenwilligen Amtsträger - und Gabriel rechnet öffentlich ab

dpa/ang

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