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Bundespräsident Jochim Gauck bei seiner Rede zum Tag der Heimat des Bundes der Vertriebenen.

Rede vor Vertriebenen

Gauck: Wir brauchen langen Atem für Integration von Flüchtlingen

Berlin - 14 Millionen Deutsche sind nach dem Zweiten Weltkrieg aus ihrer Heimat geflohen oder vertrieben worden. Jetzt geht es um die Eingliederung hunderttausender Flüchtlinge. Eine große Aufgabe, so der Bundespräsident.

Die Integration von Flüchtlingen in Deutschland wird nach Ansicht von Bundespräsident Joachim Gauck noch Jahre dauern und Kraft kosten. „Wir brauchen einen langen Atem, damit jene, die bleiben wollen und dürfen, das Gefühl der Zugehörigkeit zu diesem Staat und der Loyalität ihm gegenüber entwickeln“, sagte Gauck am Samstag in Berlin beim „Tag der Heimat“ des Bundes der Vertriebenen.

Gauck spricht von kräftezehrendem Prozess

Aus der eigenen geschichtlichen Erfahrung wüssten die Deutschen, dass es Zeit brauche, Flüchtlinge in eine Gesellschaft einzugliedern und Einheimische an eine sich verändernde Gesellschaft zu gewöhnen, sagte Gauck. „Wir beginnen aber erst allmählich zu erfassen, wie langandauernd und wie kräftezehrend auf beiden Seiten der Prozess der Eingliederung ist, wenn Einheimische und Ankömmlinge gänzlich anderen und unterschiedlichen Kulturen angehören.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg vor mehr als sieben Jahrzehnten seien 14 Millionen Deutsche aus ihrer Heimat geflohen oder vertrieben worden. Seinerzeit kamen nach Gaucks Worten Menschen, die dieselbe Sprache sprachen, denselben christlichen Konfessionen und derselben Kultur angehörten: „Heute fällt Einheimischen wie Neuankömmlingen die sprachliche Verständigung schwer, und jede Seite fremdelt mit den Mentalitäten, Religionen und Lebensstilen des jeweils Anderen.“

Im Unterschied zu den Vertriebenen von damals sei Deutschland für die Flüchtlinge von heute auch nicht das Vaterland, sondern der fremde Staat, der sich in vielen Fällen nur als vorübergehender Schutzraum oder zeitweiliges Gastland erweisen werde, sagte Gauck.

Zuwanderung mit Risiken verbunden

Nicht verschwiegen werden solle, dass die aktuelle Flüchtlingszuwanderung mit Risiken verbunden sei: „Kein Land, das Schutzbedürftige aufnimmt, kann völlig ausschließen, dass sich unter die Fliehenden auch Personen mischen, die dem Aufnahmeland Schaden zufügen wollen oder die sich nach der Aufnahme radikalisieren.“ Das mache es heute für viele Menschen noch schwieriger als damals, wirklich Hilfsbedürftigen mit Offenheit und Empathie zu begegnen.

Deutschland stehe noch viel Arbeit bevor. Flüchtlinge wie Mehrheitsgesellschaft würden sich verändern, Deutschland als Ganzes werde sich verändern. „Und doch werden wir auch bleiben, wer wir sind, weil wir entschlossen sind, diesen Prozess zu gestalten: in dem Geist und auf die Art und Weise, die uns und unserem Land entsprechen“, sagte das Staatsoberhaupt weiter. „Wir werden festhalten an unseren Grundlagen der Demokratie und des Rechts.“ Offenheit, Hilfsbereitschaft und Mitmenschlichkeit gegenüber Verfolgten, Vertriebenen und Entrechteten bleibe das Markenzeichen Deutschlands: „Das wollen wir nicht, das werden wir nicht aufgeben.“

Bundespräsident dankt Heimatvertriebenen

Gauck dankte Vertretern der Heimatvertriebenen für deren Bemühungen bei der Flüchtlingsintegration. Unter den ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern komme ein Drittel selbst aus einer Vertriebenenfamilie. Dies sei prozentual weit mehr, als ihrem Anteil in der Bevölkerung entspreche. „Wer wüsste besser als die Vertriebenen, dass schneller in neuer Umgebung ankommt, wer neben staatlicher Unterstützung auch gesellschaftliche Offenheit erfährt.“

dpa

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