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Servus, Bayern! Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wurde zwei Monate nach seiner Vereidigung auch von einer Gruppe Schüler aus Odelzhausen (Kreis Dachau) im Landtag begrüßt – und grüßte gut gelaunt zurück in die Runde.

Antrittsbesuch des Bundespräsidenten

Steinmeier-Besuch in München: Ein Grundkurs Bayern

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Antrittsbesuch in Bayern: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schlägt sich gut – trotz Nieselregens. An nur einem Tag lernt er Bairisch, er trifft die Gebirgsschützen, Horst Seehofer und sogar die unterfränkische Rosenkönigin. Eine Analyse.

München – Damit es keine Verständigungsprobleme gibt, dolmetscht der Chef in Bayern höchstpersönlich. Der Tölzer Knabenchor hat gerade ein Lied im Dialekt geschmettert, da tritt Gastgeber Horst Seehofer ans Mikro. „Der Inhalt des Liedes: Griaßde Gott“, sagt er trocken. „Ich will das übersetzen für den Bundespräsidenten: Das heißt Grüß Gott.“ Diese Lacher gehen auf sein Konto. 1:0 für Seehofer, den Bayern, gegen Frank-Walter Steinmeier, den gebürtigen Nordrhein-Westfalen.

Natürlich ist so etwas wie der Antrittsbesuch des Bundespräsidenten kein Wettstreit, aber Steinmeier frotzelt sogar selbst, dass er mit Bayern bisher gar nicht so viel zu tun hatte: Studium in Hessen, Büroleiter von Gerhard Schröder in Niedersachsen, Minister in Berlin, Fan des Fußballklubs Schalke 04. „Dass ihr so einen Bundespräsidenten empfangt“, sagt er am Mittwochvormittag in München, „dafür habe ich zu danken.“

Steinmeier in Bayern: Ein Antrittsbesuch mit vielen Stationen

Vor zwei Monaten war er schon mal in der Landeshauptstadt, aber nur als Kandidat und nicht als gewählter Präsident. Gleich geblieben sind der akkurat sitzende schwarze Anzug und das schlohweiße Haar, neu ist die Schar an Personenschützern um ihn herum. Und dass Steinmeier diesmal nicht mit den Landtagsabgeordneten spricht, die ihn wählen sollten, sondern mit den Bürgern. Das ist seine Mission: Raus zu den Leuten in allen 16 Bundesländern, „eine Reise ins Leben unserer Demokratie“, jeweils zwei Tage lang. Die erste Etappe: Bayern. Und die hat es in sich.

Gedenken: Steinmeier legt an der „DenkStätte Weiße Rose“ der Ludwig-Maximilians-Universität einen Kranz nieder.

Der Tag beginnt vor der Staatskanzlei. Seehofer hat den roten Teppich ausrollen lassen, das Musikkorps der bayerischen Polizei spielt die Deutschland- und die Bayernhymne – drumherum Absperrgitter und viel Polizei. Das ist staatstragend, so muss es eben sein, aber dem Zweck von Steinmeiers Reise ist das hinderlich: Erst sind gar keine Zuschauer da, dann versammeln sich doch noch 30 Schaulustige, weit weg hinter der Absperrung beim Hofgarten. Eine Frau streckt ein Plakat in die Luft, aber das ist so klein, dass man es nicht lesen kann. Sonst: keine Freudenrufe, keine Fahnen, keine Euphorie. München vergeht bei Nieselregen und zwei Grad offenbar die Lust auf eine große Präsidentenparty.

Warum kam Steinmeier ausgerechnet zuerst nach Bayern?

Grüße aus Oberbayern: Steinmeier (li.) und Seehofer (Mi.) bei den Gebirgsschützen.

Zehn Monate dauert Steinmeiers Tour durch die Bundesländer, Bayern ist als erstes dran. Warum? Manche sagen mit einem Augenzwinkern, CSU-Chef Seehofer hätte bei der Präsidentenwahl nur seine Stimme für den Sozialdemokraten rausgerückt, wenn der postwendend nach München kommt. Die Wahrheit ist wohl, dass die Bayern einfach mit dem Einladen am schnellsten waren.
 
Drin in der Staatskanzlei gibt es jetzt reichlich nette Worte und Geschenke: Bücher, Bier und Blumen. Von den Gebirgsschützen ist Landeshauptmann Karl Steininger aus Oberbayern da, aus Niederbayern der Fliegerlied-Erfinder Donikkl, ja sogar die Rosenkönigin aus Unterfranken. Die Gäste kommen aus allen sieben Regierungsbezirken. Seehofer sagt: „Es ist existenziell, dass man alle kennt. Und alle gleich behandelt.“ Steinmeier sagt: „Der Empfang setzt Maßstäbe für die nächsten 15 Bundesländer.“

Bundespräsident in Bayern: Immer wieder geht es um die Demokratie

Er spricht an diesem Tag immer wieder über Demokratie – das Leitbild seiner Präsidentschaft. Demokratie bedürfe des fortwährenden Engagements der Bürger, sagt er, „man kann nicht einfach zuversichtlich sein, optimistisch, dass es schon gut gehen wird“. Obwohl er selbst unglaublichen Optimismus versprüht.

Das macht er beim Bürgerempfang in der Allerheiligen Hofkirche, das macht er bei den Firmen, die er besucht, und vor Studenten an der Ludwig-Maximilians-Universität. Die sitzen in der großen Aula, hören ehrfürchtig zu und applaudieren fleißig, wo sie sonst schon mal im Kapuzenpulli auf der Stuhllehne dösen. Um Demokratie geht es auch bei den Projekten, die ihm Schüler vorstellen, zum Beispiel von der Mittelschule Odelzhausen, Kreis Dachau.

Gespräche: Steinmeier mit Schülern im Landtag. Bei seiner Bayern-Reise führt er viele Diskussionen über Demokratie.

Steinmeier ist dann am besten, wenn er aus dem Protokoll ausbricht

Steinmeier ist dann am besten, wenn er aus dem Protokoll ausbricht, nachfragt, die eingeplante Zeit überzieht. Wenn es persönlich wird. Er und seine Ehefrau Elke Büdenbender, 55, wirken wie ein perfekt eingespieltes Gespann: Sie hören zu, lächeln charmant und posieren ganz nebenbei optimal für die vielen Kameras, ohne dass das groß auffällt. Sie verhalten sich so, als hätten sie solche Reisen schon hundert Mal gemacht, als wären sie schon immer das deutsche Bundespräsidenten-Ehepaar. Dabei ist Steinmeier erst seit 38 Tagen im Amt.

Nur einmal geht das mit der lockeren Atmosphäre fast nach hinten los: Flüchtlinge einer Berufsintegrationsklasse aus München erzählen gerade, was sie über Demokratie gelernt haben. Dann sagt einer: „Wir haben an der Schule große Probleme, weil viele abgeschoben werden. Das ist nicht demokratisch.“ Steinmeier will das Thema offenbar nicht diskutieren. Er schweigt.

In Formation: Der polizeiliche Geleitschutz des Bundespräsidenten in München.

Nach dem Tag in München geht es heute noch ins Chiemgau und nach Rosenheim. Wer nicht geladen ist, bekommt davon aber nur wenig mit – außer auf der Straße vielleicht. Denn wenn der Tross aus schwarzen Limousinen und Blaulicht-Motorrädern über die Straßen flitzt, müssen die normalen Autos anhalten. Es gibt Staus. Aber so ist das, wenn ein Bundespräsident seine Bürger kennenlernt.

dor

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