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Judith Grohmann, Österreich-Korrespondentin des Münchner Merkur.

Korrespondentin in Wien

Kommentar: „Österreich fällt ein Stein vom Herzen“

Die Wahl in Österreich ist entschieden. Die FPÖ um Kandidat Hofer hat ihre Niederlage bereits eingestanden. Van der Bellen triumphiert. Ein Kommentar von Judith Grohmann, Österreich-Korrespondentin des Münchner Merkur.

Österreich fällt ein Stein vom Herzen. Denn Alexander Van der Bellen, der parteilose Bundespräsidentschafts-Kandidat und ehemalige Sprecher der Grünen, hat die Wahl zum Bundespräsidenten in der Alpenrepublik schlussendlich gewonnen. Was die Amerikaner bei ihrer letzten Präsidentschaftswahl im November nicht geschafft haben, scheinen die Österreicher nun bewiesen zu haben. Man kann zwar unzufrieden mit der gesamten Politik sein, doch wenn es hart-auf-hart geht, dann halten die Ösis zusammen und wählen offenbar lieber den positiven, den besonnenen Kandidaten, anstelle des Dramatisierers und Egomanen, der mehr verspricht, als er zu halten vermag. Es ist ein historischer Tag, eine historische Zäsur, denn erstmals wurde ein "ehemaliger Grüner" - nach über 70 Jahren rot-schwarzer Kandidaten - zum Präsidenten gewählt.

Hofer nach TV-Duell noch vor Van der Bellen

Für viele kam das Resultat der Wahl am Sonntagabend dennoch unerwartet, denn zuletzt stand Norbert Hofer von der FPÖ bei den Zusehern der Politikduelle im Fernsehen vor Alexander Van der Bellen: egal ob es ATV, OE24.at oder der ORF war. Die Konfrontationen zogen sich dahin wie ein schlechter Strudelteig. Doch vor allem das letzte Aufeinandertreffen der beiden Kandidaten im ORF entpuppte sich nach der zuletzt eher "streichelweichen, soften" Begegnung auf ATV als knallhartes Streitgespräch. Da wurde ausgeteilt, kritisiert und aufgetrumpft und zwar so dramatisch, dass sogar die erfahrene ORF-Moderatorin und Journalistin Ingrid Turnherr der Mut verließ. Man sah Thurnherr nur mehr ständig den Kopf schütteln, während sie den beiden Kontrahenten ihre Fragen stellte. Doch in Wahrheit stellten beide Männer im Fernsehen vor allem noch einmal klar, worin sie sich unterscheiden: nämlich in fast jedem inhaltlichen Punkt, der angesprochen wurde. Sie sind wie Tag und Nacht.

Alle aktuellen Entwicklungen zur Wahl in Österreich finden Sie hier in unserem Live-Ticker.

Eines ist aber an diesem Sonntag-Abend auch klar: Ein Jahr Wahlkampf scheint den Österreicherinnen und Österreichern genügt zu haben. Die Puste ist nun draußen. Es reichte vielen Wählern schon. Am Sonntagabend war endgültig Schluss mit der Ungewissheit. Man versteht nun die Worte von Van der Bellen-Wahlkampfleiter Lothar Lockl in einer ersten Stellungnahme im ORF nur zu gut, denn er meinte: "Unglaubliche Dankbarkeit und Erleichterung herrsche bei den Anhängern Van der Bellens." Nicht nur, Europa schließt sich vermutlich den Ösis gerne an. Ganz Europa atmet mit Österreich auf. Die nächste Wahl steht im Mai 2017 in Frankreich vor der Tür: spätestens dann könnte es wieder spannend werden.

Von Judith Grohmann

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