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Peter Fichtner füttert die Jungtiere in seinem Stall. Bald dürfen sie ganztägig auf die Weide. Die zehn Milchkühe kommen jeden Tag gegen 16.30 Uhr von der Weide zum Melken in den Stall – und bleiben über Nacht dort.

Bundesrat entscheidet am Freitag

Anbindehaltung von Rindern: Glaubenskampf im Kuhstall

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Bad Heilbrunn - In Bayerns Kuhställen geht die Angst um: Das Anbinden von Tieren soll in Deutschland verboten werden. Am heutigen Freitag entscheidet der Bundesrat darüber. Viele kleine Landwirte schauen mit Entsetzen nach Berlin – sie haben Angst um ihre Existenz.

Landwirt Peter Fichtner, 57, macht die Türe zu seinem Kuhstall auf. Adresse: Linden 8, Gemeinde Bad Heilbrunn, Kreis Bad Tölz Wolfratshausen. Es ist Mittagszeit, und seine sechs Jungtiere machen gerade eine Siesta. Sie liegen gemütlich im Stall herum, lassen den Herrgott einen guten Mann sein und blinzeln manchmal in Richtung Sonnenlicht, das durch die Stallfenster strahlt.

Warum der Vorschlag Landwirte in Angst versetzt

Es sieht nach einer kleinen landwirtschaftlichen Idylle aus, wie man sie in Oberbayern noch oft antrifft, einer sorgenlosen Idylle. Aber das Gegenteil ist der Fall: Bei kleinen Landwirten wie Peter Fichtner geht gerade die Angst um. Die Angst vorm Gesetzgeber. „Das wäre der Anfang vom Ende“, sagt Fichtner, der auch noch Kreisobmann des Bauernverbands in seinem Landkreis ist. Denn es ist erstens so, dass die Tiere im Stall des Bauern angebunden sind. Und zweitens ist es so, dass die Anbindehaltung verboten werden soll. Heute berät der Bundesrat darüber, das schwarz-grün geführte Bundesland Hessen hat einen entsprechenden Antrag eingereicht. „Die dauerhafte Anbindung von Rindern erlaubt den Tieren keine Möglichkeit zur Fortbewegung, erschwert das Abliegen und Aufstehen wegen der Fixierung und des meist geringen Platzangebots (...)“, heißt es in dem hessischen Papier, mit dem die ganzjährige Anbindehaltung verboten werden soll.

Seit über 400 Jahren schon gibt es den Hof „Beim Vogl“ in Bad Heilbrunn. Seit 1890 bewirtschaftet ihn die Familie von Peter Fichtner.

Bauer Fichtner wäre davon zwar nicht direkt betroffen. Denn seine Jungtiere kommen in den nächsten Tagen raus auf die Weide, ganztägig. Und seine zehn Kühe, die täglich um die 150 Liter geben, verbringen lediglich die Nacht im Stall. Tagsüber sind sie auf der Weide direkt vorm Hof. Dennoch erschreckt Fichtner die Entwicklung. Er glaubt, dass – falls das Verbot irgendwann Gesetz wird – es möglicherweise nur eine Frage der Zeit ist, bis sämtliche Anbindeställe verboten werden. Außerdem kennt er Kollegen, die reine Anbindeställe haben. Die sagen: „Wenn das Verbot kommt, kann ich zusperren.“

Ein Drittel der bayerischen Küche in Anbindehaltung

In Bayern werden momentan noch ungefähr ein Drittel aller Kühe in Anbindehaltungssystemen gehalten. Vor allem Kleinbauern und Nebenerwerbslandwirte nutzen Anbindeställe, in denen im Schnitt 27 Kühe untergebracht sind. Zum Vergleich: In Laufställen sind im Schnitt 60 Kühe.

Es ist ein heißes Eisen, das das Land Hessen gerade anpackt. Es könnte der kleinteiligen Landwirtschaft, wie sie in Bayern noch die Regel ist, an den Kragen gehen. Viele Nebenerwerbsbetriebe müssten wahrscheinlich schließen, weil sie sich teure Laufställe nicht leisten können oder weil die sich schlicht nicht rentieren würden.

Aber bis dahin ist, und das lässt Fichtner vielleicht ein wenig aufatmen, möglicherweise noch ein weiter Weg. Es ist zwar gut möglich, sagen Experten, dass das Land Hessen heute im Bundesrat Erfolg hat. Doch das Verbot der ganzjährigen Anbindehaltung von Rindern sieht eine zwölfjährige Übergangsfrist für Landwirte vor. Zudem ist es so, heißt es aus dem bayerischen Landwirtschaftsministerium, dass es sich lediglich um einen Entschließungsantrag handelt, der rechtlich nicht verbindlich ist. Was der Bundestag dann mit dem Votum des Bundesrats macht, ist völlig offen. Ein Szenario sieht so aus: Die Grünen könnten schon bald im Bundestag einen Antrag stellen, wonach das Verbot der Anbindehaltung Gesetz werden soll. Sie könnten dann sagen: Schaut her, wir haben die Unterstützung der Bundesländer, das ist eine gute Sache fürs Tierwohl, weg mit den Anbindeställen.

Tierschützer glauben, dass die Anbindehaltung ein schwerer Verstoß gegen das Tierwohl ist. Es ist zu eng im Anbindestall, es quält die Tiere, die Tiere haben keine Bewegung, so lauten die Argumente. Kurzum: Die deutsche Kuh braucht mehr Komfort – und das per Gesetz.

Verbot wäre Schlag ins Gesicht der Milchbauern

Im bayerischen Landwirtschaftsministerium sieht man die Sache freilich anders. Ein Verbot der Anbindehaltung wäre „aus bayerischer Sicht ein Schlag ins Gesicht der Milchbauern“. Vielmehr setze der „Freistaat auf das bewährte Prinzip ,Freiwilligkeit vor Ordnungsrecht‘. Bereits seit 2008 werden Landwirte bei der Umstellung auf Laufställe auch finanziell unterstützt. Bisher haben über 1900 Betriebe das Angebot wahrgenommen und ihren Betrieb umgestellt“.

Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner sagte im Landtag: „Es gibt gute Gründe, die Anbindehaltung differenzierter zu betrachten, als es viele derzeit tun.“ Landwirt Peter Fichtner, dessen Familie den Hof seit 1890 bewirtschaftet, sagt: „Das ist eine Wohlstands-Diskussion, die wir hier führen. Das ist scheinheilig, was hier gemacht wird. Dass es meinen Viechern gut geht, ist doch mein ureigenstes Interesse. Denn es ist einfach so: Eine kranke Kuh gibt keine Milch.“

Noch was stört den Landwirt: Es wird immer nur von der gewerblichen Tierhaltung gesprochen, wenn es um Gesetzesverschärfungen geht, aber die private Tierhaltung wird ausgegrenzt: „Wenn einer in der Stadt im dritten Stock einen Hund hält und fast nie mit ihm rausgeht, dann ist das bestimmt nicht artgerecht“, sagt er. Und: „Die, die sich jetzt über die Anbindehaltung beschweren, das sind die Ersten, die am Sonntag schimpfen, wenn ich meine Tiere auf die Weide austreib’ – und die dann auf der Straße hinter mir im Stau stehen.“ Peter Fichtner steht inzwischen an seiner Weide, neben seinen Kühen Gams, Flocke, Flora und all den anderen. Wenn alle nur noch Laufställe haben, sagt der Bauer, dann gibt es das natürlich irgendwann auch nicht mehr. Kühe, die auf der Weide stehen. Den weiß-blauen Himmel über sich – und das schöne Bayernland im Rücken. Es wäre ein Stückerl Heimat, das verloren ginge, findet Fichtner.

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