Die einsame Kanzlerin: Angela Merkel ist nach ihrem furiosen Wahlsieg so mächtig wie nie. Aber die Suche nach einem Koalitionspartner wird schwierig. SPD und Grüne zieren sich.

Nach der Wahl

Jetzt beginnt das große Taktieren

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Berlin - Wer regiert Deutschland? Klar: Angela Merkel. Aber mit wem? Die Freude der Kanzlerin über den Wahlsieg ist der Ernüchterung gewichen. Zu kompliziert ist die Konstellation nach der Bundestagswahl. Die Verhandlungen dürften sich länger hinziehen.

Einen Champagner-Schädel am Montag kann sich die CDU-Chefin wahrlich nicht leisten. Unmittelbar nach der Wahl muss sie weiter um ihren Verbleib im Kanzleramt kämpfen und sich eine Koalition gegen eine rechnerisch mögliche rot-rot-grüne Mehrheit schmieden. Zweieinhalb Optionen nur bleiben ihr, um Deutschland zu regieren: Die SPD zu einer Großen Koalition zu bewegen, den Erzfeind Grüne anzuwerben oder, was sie implizit ausschließt, sich mit einer Minderheitsregierung von einer Abstimmung zur nächsten zu schlängeln. Deutschland brauche eine stabile Regierung, betont sie. „Ich werde keinerlei Verzögerungen anstreben“, verspricht Merkel. Sie werde aber „eine gewisse Zeit benötigen“.

Eine gewiss längere Zeit. Denn die triumphale Siegerin der Wahl vom Sonntag ist längst nicht in einer so glücklichen Position, wie ihr Ergebnis nahe an der absoluten Mehrheit vermuten ließe. Das merkt sie schon am Morgen. Da nimmt Merkel Kontakt auf mit SPD-Chef Sigmar Gabriel, erreicht ihn erst nach zwei Stunden. Viele Menschen im Land gibt es nicht, die mal zwei Stündchen für die Bundeskanzlerin nicht zu sprechen sind. Es soll dann kein unfreundliches Gespräch gewesen sein, aber ein eher kurzes. Denn Gabriel lässt die Kanzlerin abblitzen. Sie solle den SPD-Konvent am Freitag abwarten, bescheidet er knapp.

Das ist ein Vorgeschmack auf die nächsten Tage, wo ein gewaltiger Machtpoker über die Regierung des Landes entscheiden wird. Es geht darum, wer wen wie stark unter Druck setzen kann. Gelingt es der Union, Sondierungsgespräche mit den Grünen zu führen, kann die SPD weniger laut verhandeln. Könnte die SPD der Union ein Scheitern von Koalitionsgesprächen anlasten, gäbe es sicher neue Stimmen, die doch für ein Linksbündnis werben. „Wenn das passiert, dann sind wir Idioten“, sagt ein hoher Unions-Mann düster.

Für Strategiefüchse wie Merkel und CSU-Chef Horst Seehofer ist das spannend. Seit der Wahlnacht, wo beide schon betont zurückhaltend auftraten, wägen sie jeden Halbsatz. Man müsse sich „engstens abstimmen“, bittet Seehofer, „mit klarem, klugen Kopf“. Sein Kopf glänzt, müde wirkt der Bayer nach einer wohl kurzen Nacht, die Krawatte hängt schief. Das Endergebnis mit all den vielen CSU-Mandaten kam erst frühmorgens.

Intern haben sich CSU-Granden nachts verständigt, dass sie mit den Grünen nichts anfangen wollen. Auch im Parteivorstand, der am Montagvormittag tagt, erhebt kein Einziger die Stimme für Schwarz-Grün. Seehofer aber hält sich das offen, weil er auch die machtpolitischen Nachteile einer Großen Koalition genau kennt. Mit den Realo-Grünen, da nennt er den bodenständigen Nachbar-Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, kommt er gut aus. Seehofers Aufruf an seine Partei: Man müsse ein „milder Sieger“ sein.

Auch Merkel fährt auf Sicht. Am Tag nach der Wahl steht sie wieder auf der gleichen Bühne, statt singender Freunde hat sie aber 200 nachrichtenhungrige Journalisten aus aller Welt vor sich. Der Versuch mit Gabriel „schließt weitere Kontakte nicht aus“, fängt sie vorsichtig an. Alle demokratischen Parteien müssten koalitionsfähig sein. Und sogar inhaltlich gibt sie sich flexibel: „Über rote Linien möchte ich heute nicht reden.“

Das tun andere, halblaut. „Die sollen sich erst mal von dem Trittin trennen“, raunzt ein CDUler an der Pforte seiner Parteizentrale über die Grünen: „Sonst ist das aussichtslos.“ Ähnlich denken viele in der CSU. Die rote Linie Steuererhöhungen zieht schon am Morgen der CDU-Wirtschaftspolitiker Michael Fuchs im Stakkato: „Wird’s mit uns nicht geben. Muss sich der Koalitionspartner mit abfinden.“ Wenn’s nur so einfach wäre: Für die Grünen scheint der Weg zu einem Bündnis mit den Schwarzen unendlich weit – aller Rhetorik zum Trotz. Und auch in der SPD hadern sie mit dem Schicksal.

Über dem Willy-Brandt-Haus hängen an diesem Montagmorgen Wolken. Schwarze Wolken! Mehr Symbolik geht nicht. Die Laune ist bescheiden. „Schöne Scheiße“, raunzt einer. „Wir haben zwei Prozent dazugewonnen, aber eigentlich ist es schlimmer als vorher“, sagt Matthias Platzeck. Der ehemalige brandenburgische Ministerpräsident hat sich am Morgen die Wahlkarte mal näher angeschaut. Ein einziges Direktmandat errang seine Partei in ganz Ostdeutschland, das des Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier. „Das hätte ich nicht für möglich gehalten.“ Und jetzt? Platzeck, der selbst schon mit der Linken regiert hat, atmet tief durch. „Ich empfehle, dass wir drei Nächte drüber schlafen – nicht nur eine.“

Das ist die Stimmungslage an diesem Morgen. „Cool bleiben, Nerven behalten“, empfiehlt Hubertus Heil. „Wer jetzt zuckt, der verliert“, sagt ein Insider. Die SPD steckt in einer Zwickmühle – und es könnte sein, dass ausgerechnet die Kanzlerin die Leidtragende wird. Sie wollen eigentlich keine Große Koalition. Erst recht wollen sie keine mit der Linkspartei. Klar, irgendwann mal vielleicht, wenn die Linke ihre Außen- und Europapolitik überdacht hat. Jetzt aber ist die Parteilinke Hilde Mattheis die Einzige, die sich so etwas vorstellen kann. Noch weniger wollen die Genossen aber schwarz-grünen Bündnissen den Weg ebnen. Und erst recht wollen sie keine Neuwahlen – dann käme am Ende die FDP wieder in den Bundestag.

Aber für irgendetwas werden sie sich am Ende entscheiden müssen. Und Merkel wird der SPD entgegenkommen, quasi als Entscheidungshilfe. Ziemlich absurd ist das. 2005 waren beide Volksparteien Verlierer und konnten sich einigen. Damals saßen Schwarze und Rote überhaupt erstmals an einem Tisch und stellten fest: So übel sind die gar nicht. Heute kennt jeder die Schwächen des anderen. Die Machtverhältnisse wären klar verteilt: 14 Prozentpunkte liegen zwischen Schwarz und Rot. Doch Rot wird die härteren Forderungen stellen. Unerbittlich. Sonst dürfte die Parteibasis dem Bündnis nicht zustimmen.

Vielleicht haben Peer Steinbrück und Sigmar Gabriel deshalb so schlechte Laune, als sie am frühen Nachmittag vor die Presse treten. Auch sie stehen auf jener Bühne, auf der Gabriel seinem Spitzenkandidaten am Vorabend noch emotional Komplimente machte („Bist’n Pfundskerl“). Die Kuschelstimmung ist verflogen. Einsilbig raunzen die beiden die Journalisten an, die sich zu fragen erdreisten, wer denn künftig das Land regieren könne. Inhalte? „Sie werden dazu von mir nix hören.“ Personalien? „Kein Kommentar!“ Rote Linien? „Nein.“ Ob das jetzt das Ende der Lagerwahlkämpfe war? „Ich gehöre nicht zu jenen, die eine Glaskugel vor sich haben.“

Als es gerade richtig gemütlich wird, sagt Gabriel plötzlich doch noch einen Satz, mit dem man etwas anfangen kann. „Wenn Frau Merkel zu einem Gespräch einlädt, dann wird die SPD nicht sagen: Wir reden nicht miteinander.“ Also doch! Aber Steinbrück stellt umgehend klar: „Die SPD drängt sich nicht auf.“

Dieser verbale Ringkampf liefert einen Vorgeschmack darauf, worauf sich das Land in den nächsten Wochen einstellen darf. Wie war das? Wer zuerst zuckt, verliert. Immerhin kann man sich manches zusammenreimen: Gabriel lässt durchblicken, dass er gerne Parteivorsitzender bleibe und für Frank-Walter Steinmeier als Fraktionschef votiere. Auch Steinbrück könnte an Bord bleiben („Das wird sich herausstellen“) – aber nicht als Minister in einer Großen Koalition. Womöglich wird er den Schröder geben: 2005 hatte der scheidende Kanzler hart verhandelt, um sich danach zurückzuziehen. Angeblich ist darüber aber gestern auch hinter den Kulissen nicht gesprochen worden.

Presse: "Merkel, Merkel über alles"

Presse: "Merkel, Merkel über alles"

Jetzt schlafen sie erstmal drüber. Ein paar Mal. Genauer: bis Freitag. Abends trifft sich in Berlin der Konvent – knapp 200 Delegierte, zwischen den Parteitagen das wichtigste Gremium. Die Führung will nichts ohne Zustimmung der Basis unternehmen. Doch das genaue Procedere bleibt unklar: Womöglich holt sich der Vorstand nur ein allgemeines Mandat für Gespräche. Womöglich werden aber auch inhaltliche Linien gezogen: Abschaffung der Betreuungsgeldes, Einführung eines Mindestlohns oder ein Nein zur Pkw-Maut. „Wir gehen jetzt nicht den taktischen, sondern den inhaltlichen Weg“, sagt Bayerns SPD-Chef Florian Pronold. Beim Ablauf sei vieles denkbar. Sogar, dass der Konvent im Laufe von Gesprächen mehrfach einberufen wird. Angela Merkel muss viel Geduld mitbringen – nicht nur bei Gabriels Rückrufen.

Wenigstens die Zeit drängt die Union nicht. Bis ein neues Bündnis formiert ist, bleiben die alten Minister geschäftsführend im Amt. „Da ist wahrscheinlich Allerheiligen vorher“, heißt es in der CSU.

Werden Union und SPD also zusammenfinden? „Es braucht mental eine gewisse Drehung“, sagt ein erfahrener CSU-Abgeordneter: „Wir haben jetzt lange gegeneinander gekämpft.“ Merkel kümmert sich darum, selbst mit kleinsten Gesten niemanden zu vergrätzen. Morgens sei sie vor dem Schrank gestanden, erzählt sie Journalisten, und habe sich gefragt: „Was machst Du?“ Weder einen roten noch einen leuchtend grünen Blazer habe sie greifen wollen. „Ich habe mich für etwas sehr Neutrales entschieden.“ Sie bitte, das zu beachten.

Christian Deutschländer und Mike Schier

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