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Im Mittelpunkt: Die Spitzenkandidaten Alexander Gauland und Alice Weidel bei der Wahlparty in Berlin.

Bundestagswahl

Eine ganz eigene Art des Triumphs für die AfD

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Die AfD wird im Bundestag die drittstärkste Kraft. Schon am Wahlabend wird deutlich, dass die Partei ihre provokante Rhetorik beibehalten wird. Neben „knallharter Oppositionsarbeit“ wird sie aber zunächst mit sich selbst beschäftigt sein.

MünchenAusgerechnet, als Alice Weidel im Fernsehen spricht, dreht die AfD in München den Ton ab. Im Restaurant ganz in der Nähe der Universität kleben die Helfer gerade noch die Fenster zur Straße mit AfD-Plakaten ab, aber ihre Spitzenkandidatin hätten sie hier schon ganz gern gehört. „Wir machen jetzt Soundcheck“, ruft der Techniker. „Es ist mir egal, wer hier was sehen will.“ Statt Wahlanalyse aus Berlin gibt’s ein lautes „Test, Test, Test“. Da ist es schon 19.13 Uhr.

Es wirkt absurd: Ausgerechnet den Triumph gegen die etablierten Parteien, den krachenden Einzug in den Bundestag als drittstärkste Kraft, feiert die AfD in München nicht. Kein Public Viewing wie bei den anderen Parteien, kein gemeinsames Runterzählen bis zur Prognose, keine Jubelschreie, kein Sekt. Gefeiert werden soll erst nach 20 Uhr, die Kandidaten haben sich zunächst in den Wahllokalen aufgeteilt – zur Beobachtung von möglichem Wahlbetrug. Das wollen sie tatsächlich machen. Es ist ein letzter Nadelstich in einem hart geführten, erfolgreichen Wahlkampf.

Wie keine andere Partei hat die AfD polarisiert, bundesweit kommt sie auf knapp 13 Prozent, in Bayern auf gut zwölf Prozent. In Sachsen liegt sie je nach Hochrechnung sogar knapp in Führung. Und in einer Reihe von bayerischen Wahlkreisen avancierte sie bei den Zweitstimmen vor der SPD zur zweitstärksten Kraft, zum Beispiel in Freising, Traunstein, Rottal-Inn und Deggendorf.

Auch der Landesvorsitzende Petr Bystron erfährt von diesen Zahlen ohne Parteifreunde, ohne Frau und Kinder. Er steht allein mit ein paar Journalisten im Wahllokal an der Türkenstraße in München. Bevor er die Auszählung beobachtet, tippt er auf seinem Handy herum. Als Bystron die Zahlen sieht, schweigt er, bestimmt zehn Sekunden lang. „Ui“, sagt er und kommentiert zunächst das schwache Unionsergebnis. Dann findet er seine neue Rolle als Abgeordneter. „Wir werden knallharte Oppositionsarbeit machen“, sagt er. Zum ersten Mal lächelt er, als er vom Untersuchungsausschuss zu den Verfehlungen der Kanzlerin spricht, den die AfD anstrebt.

In Berlin im Traffic-Club am Alexanderplatz feiern sie da schon lang – und geben einen Einblick, wie die AfD die politische Debatte verändern wird. Als die Prognosen auftauchen, singen die Parteianhänger die Nationalhymne. Alexander Gauland tritt ans Mikrofon, wie gewohnt mit einer Hündchen-Krawatte und braunem Tweedsakko. „Wir werden die Regierung vor uns her treiben“, poltert er vor den Anhängern. „Wir werden Frau Merkel jagen.“ Und: „Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.“

Bis es so weit ist, muss sich die AfD aber intern sondieren. Mit der eurokritischen Protestpartei von vor viereinhalb Jahren hat sie weder personell noch inhaltlich viel gemein. Sie ist mit ihren „Merkel muss weg“-Rufen das Sinnbild des Protests gegen die Flüchtlingspolitik geworden. Sie ist das Ventil der Wut. Das Problem: Die Partei weiß selbst nicht so recht, wie rechts sie sein will. Es ist schon lange kein Geheimnis mehr, dass auch einige Funktionäre Antisemiten als Mitglieder dulden. Parteichefin Frauke Petry, die vor zwei Jahren für den ersten deutlichen Rechtsruck sorgte, steht inzwischen für ihren vergleichsweise liberalen Kurs selbst in der Kritik.

Petry punktet mit einem starken Ergebnis in Sachsen und wird sich wohl um den Fraktionsvorsitz bewerben, hat aber mit Gauland und Weidel zwei starke Konkurrenten, mit denen sie seit Wochen nicht mehr geredet haben soll. Dass Petry gewinnt? Unwahrscheinlich. Mit einem Platz in der zweiten Reihe aber wird sie sich nicht zufriedengeben wollen. Es gibt deshalb Unkenrufe, dass sich die Fraktion spalten könnte. Am Wahlabend wollen sie von sowas natürlich nichts wissen.

Bayerns Spitzenkandidat Martin Hebner erwartet spannende Tage in Berlin. Auch er ist abends im Wahllokal, am Montag wird er sich in den ICE nach Berlin setzen. Die Landesgruppe tagt. Das Wahlergebnis sei „eine klare Quittung“ für die Union, sagt er. Auch CSU-Mitglieder hätten die AfD gewählt. „So konnte es nicht weitergehen.“ Wie viele Abgeordnete aus Bayern wie Hebner ein Büro kriegen, ist noch offen, es dürften in jedem Fall mehr als zehn werden. Die Mehrheit, heißt es, seien Unterstützer von Petry.

Petr Bystron ist eine Stunde lang bei der Wahlbeobachtung. Dann schlüpft er vom Anzug in die Lederhose. Um 20 Uhr, als die späte Wahlparty in dem Lokal nahe der Uni offiziell startet, steht er pünktlich in der Tür. Etwa 100 AfD-Anhänger klatschen, im Lauf des Abends kommen viele weitere hinzu. Der Ort war lange geheim gehalten worden, aus Angst vor Störungen. Die gibt es auch: Eine Antifa-Gruppe demonstriert. Ein AfD-Anhänger wird angegriffen, als er das Lokal verlässt.

Unter anderem in Frankfurt, Köln und Berlin sind die Proteste größer. Rund 1000 Personen versammeln sich etwa am Alexanderplatz, sie skandieren „Ganz Berlin hasst die AfD“ und „Nazis raus“. Polizisten werden mit Flaschen und Steinen beworfen. Es gibt einige Festnahmen.

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