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Bundestagswahl 2021 in Deutschland: So blickt das Ausland auf die Wahl und die Kandidaten

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Von: Patrick Freiwah

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Schachfiguren in Schwarz, Grün und Rot: Kanzlerkandidaten in den Wochen vor der Bundestagswahl (Symbolbild)
Schachfiguren in Schwarz, Grün und Rot: Kanzlerkandidaten in den Wochen vor der Bundestagswahl (Symbolbild). © Sascha Steinach/Imago

Kurz vor der Bundestagswahl 2021 dreht sich in Deutschland alles um die große Wahl. Doch wie bewertet das Ausland eigentlich die deutschen Kanzlerkandidaten?

München – In der heißen Phase vor der Bundestagswahl kämpfen die Parteien um unentschlossene Wähler. Während in den hiesigen Nachrichten zuweilen sogar die Corona-Debatte in den Hintergrund gerät, blickt auch das Ausland mit zunehmender Spannung in Richtung deutscher Wahlkampf. (Wahldaten, Liveticker, Hintergrundberichterstattung - alle Infos rund um die Bundestagswahl 2021 bekommen Sie in unserem Politik-Newsletter.)

Kein Wunder: International gehört die Bundesrepublik Deutschland als Industrienation zu den größten Taktgebern der gesamten Erde. Der hierzulande eingeschlagene Regierungskurs der nächsten Legislaturperiode wird unweigerlich auch Auswirkungen auf die Europäische Union sowie den Rest der Welt nach sich ziehen.

Bundestagswahl 2021: Baerbock, Scholz und Laschet „Elternsprecher in einer Kita“

Vergleicht man Einschätzungen und Bewertungen internationaler Publikationen, drängen sich angesichts der Wahl 2021 in Deutschland bestimmte Eindrücke auf, wie man sie auch aus der Heimat kennt: Die Kanzlerkandidaten der aktuell größten Parteien im Land, Annalena Baerbock, Armin Laschet und Olaf Scholz, lassen es für den Geschmack vieler Berichterstatter an Ausstrahlung vermissen. Im Bundestags-Wahlkampf - und speziell den TV-Triellen - gehe es zu diplomatisch und unsachlich zu. Die Neue Zürcher Zeitung schreibt: "Baerbock, Laschet und Scholz führen sich auf, als sollen sie nicht Kanzler einer europäischen Grossmacht, sondern Elternsprecher in der Kita werden."

Es gibt Behauptungen, der Regierungskurs der Volksparteien würde sich nach der Bundestagswahl ohnehin stark ähneln. So würde es keinen großen Unterschied machen, ob CDU/CSU, SPD oder Grüne an die Macht kommen. Könne man nicht einfach losen, wer die Nachfolge von Angela Merkel antritt? „Besser würde es damit zugegebenermaßen nicht, vermutlich aber auch nicht schlechter“, urteilt die NZZ.

Der polnische Korrespondent Lukasz Grajewski schildert gegenüber Redaktionsnetzwerk Deutschland eine ähnliche These: „Für polnische Verhältnisse sind die deutschen Parteien relativ ähnlich.“ In polnischen Wahlkämpfen wären die Unterschiede größer, es würde hitziger zugehen und es wird sich häufiger beschimpft. Ob das Deutschland voranbringen würde? Zweifelhaft.

Und was denken ausländische Medien speziell über die Kanzlerkandidaten Baerbock, Scholz und Laschet?

Annalena Baerbock (Grüne): Verfehlungen, aber „Option für Wandel und Zukunft“

Grüne-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock leide unter den Nachwehen ihrer Verfehlungen, die vor wenigen Monaten ans Licht kamen. „An der grünen Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock klebt eine ganze Pannenserie, wie Öko-Honig, der sich nicht abrubbeln lässt“, erklärt Der Standard aus Österreich. Die NZZ attestiert Baerbock, der AfD ein „Wahlgeschenk“ gemacht zu haben, aufgrund ihrer Asyl-Äußerungen nach den Vorkommnissen in Afghanistan: „Baerbocks Ansatz mag moralisch sympathisch sein. Politisch zu Ende gedacht ist er nicht (...). Im Falle einer Umsetzung wäre es ein Stresstest für den Zusammenhalt der europäischen Staatengemeinschaft.“

Die Vorsitzende der Grünen sei jedoch im TV-Triell die prägnanteste Kandidatin gewesen, findet dagegen El Pais aus Spanien. Zwischen den beiden Männern am Rednerpult habe Baerbock „fast immer mit einem Lächeln im Gesicht“ reagiert. Außerdem habe sie getan, was von ihr erwartet wurde: „Auf die beiden Vertreter des Establishments einschlagen und sich als Option für den Wandel und die Zukunft für Deutschland positionieren.“

Olaf Scholz (SPD): Söders Schlumpf-Zitat und der plötzliche Aufschwung

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz sei laut NZZ lediglich ein „Scheinriese“, der nur deshalb glänzen könne, weil er von der Schwäche der Konkurrenz profitiere. In die gleiche Kerbe schlägt der frühere US-Botschafter in Deutschland. John Kornblum erklärt in der NY Times: „Der Typ, den alle am liebsten mögen, ist der langweiligste Typ bei der Wahl – vielleicht sogar im ganzen Land.“ Ähnlich sieht es „Der Standard“: Der SPD-Mann sei in Deutschland „plötzlich sexy, weil so solide und staubtrocken. Man hätte vor ein paar Monaten noch keinen Cent auf ihn gewettet. Doch die Konkurrenz habe einfach zu viele Minuspunkte gesammelt.“

Die polnische Dziennik Gazeta Prawna sieht den Sozialdemokraten Scholz ebenfalls als Favorit auf den Regierungsvorsitz: „Er hat keine spektakulären Ausfälle wie Laschet, und anders als Baerbock hat er Erfahrung im Regieren.“ La Republicca aus Italien schildert über den Aufschwung von Scholz: „Er solle nicht so schlumpfig grinsen, hatte der bayerische Ministerpräsident Markus Söder damals gesagt. (...) Es war März, und Olaf Scholz sah wie ein chancenloser Kandidat aus.“ Dann habe der Bundesfinanzminister jedoch anfangen können, zu punkten - „Ohne etwas zu tun. Nur weil es ihn gibt“.

Armin Laschet (CDU): „Deutsche scheinen von seiner Langweiligkeit abgestoßen“

Union-Kanzlerkandidat Armin Laschet: Den CDU-Politiker bewerten viele Auslandsmedien ähnlich (un-)charismatisch wie Scholz: Der Daily Express schrieb, er sei ein „Möchtegernnachfolger von Merkel“ und habe die Aura eines „regionalen Bankmanagers“. Aufgrund des Sinkfluges der Umfragewerte kommt die Financial Times zu dem Schluss: „Die Deutschen scheinen von Laschets Langweiligkeit abgestoßen zu sein.“ Corriere della Sera aus Italien attestiert Laschet die geringsten Siegchancen: Neben „aufsehenerregenden Patzern“ wüsste der NRW-Landeschef weder die gemäßigten Wähler zu mobilisieren, noch sich als
„wahrer Erbe der Stimmen von Angela Merkel zu profilieren.“

Der Abschwung von Laschet habe begonnen, „nachdem der nordrhein-westfälische Ministerpräsident gefilmt wurde, wie er am Ort der Tragödie feixte.“ Das wachsende Gefühl, dass der Erbe von Angela Merkel nicht das nötige Gewicht hat, um Kanzler zu werden, sei laut La Republicca für viele Deutsche Gewissheit geworden.

In Österreich hat ein TV-Sender das zweite TV-Triell der Kanzlerkandidaten analysiert. Es geht um den kometenhaften Aufschwung der Sozialdemokraten, „Peinlichkeiten“ der Konkurrenz - und drohende Probleme beim Bilden einer Koalition:

Während Annalena Baerbock und Olaf Scholz zuletzt Kilometer machten, blieb Armin Laschet im Hintergrund. Die Wahlkampf-Pläne der Union scheinen vielsagend. Auf Merkur.de erfahren Sie vorab immer aktuell, was die Umfragen für die Bundestagswahl 2021 sagen. Darüber hinaus finden Sie hier eine interaktive Karte mit allen Ergebnissen für Wahlkreise und Gemeinden. (PF)

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