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„Distanz zum politischen System“: Die Alten klären die K-Frage - Jungwähler außen vor?

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Von: Andreas Schmid

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Die Bundestagswahl wird von alten Menschen entschieden. Ist das der Grund dafür, dass die Politik die Jugend nur unzureichend im Blick hat? Eine kommentierende Analyse.

München - Bei der Bundestagswahl sind rund 5,1 Millionen Jungwählerinnen und Jungwähler, also Menschen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren zur Wahl aufgerufen. 2,8 Millionen von ihnen machen dieses Jahr das erste Mal in ihrem Leben ihr Kreuz bei einer Bundestagswahl. Was tut die Politik für diese Bevölkerungsgruppe? Hat sie sie überhaupt im Blick?

Bundestagswahl: CDU/CSU profitiert massiv von älterer Wählerschaft

Fakt ist: Die jungen Erwachsenen haben in Deutschland den mit Abstand geringsten Einfluss auf das Wahlergebnis. Die Altersgruppe der unter 30-Jährigen macht weniger als neun Prozent der Wahlberechtigten aus. Bei der Bundestagswahl 2017 stellte die Generation 60 plus mehr als doppelt so viele potentielle Wähler wie die unter 30-Jährigen. Jeder fünfte Wähler wird bei dieser Bundestagswahl älter als 70 Jahre alt sein. Für die um den Einzug in den Bundestag konkurrierenden Parteien bedeuten diese Zahlen überspitzt formuliert: Der Fokus gilt den Älteren, die Jüngeren sind zumindest kurzfristig vergleichsweise unwichtig.

Vom Wahlverhalten älterer Menschen in Deutschland profitiert insbesondere die Union. 45 Prozent der über 70-Jährigen votierten 2017 für die CDU/CSU. Zum Vergleich: Bei den 18- bis 24-Jährigen waren es nur 24 Prozent. Die Diskrepanz zwischen Jung und Alt ist bei keiner Partei so groß wie bei der Union. Ihre besten Ergebnisse holte zwar auch die SPD bei der Generation 70 plus, allerdings ist der Unterschied zu den unter 25-Jährigen weitaus geringer (25 zu 19 Prozent).

Wahlkampf-Tour von Olaf Scholz
SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz im Gespräch mit einer älteren Dame. © Michael Matthey/Imago

Bundestagswahl: Junge Menschen wählen eher Grüne, FDP und AfD

Junge Menschen machen ihr Kreuz mehrheitlich bei den Grünen. Schon 2017 waren sie mit 13 Prozent der stärkste Block der Öko-Partei, in diesem Jahr wird ihr Anteil Umfragen zufolge deutlich steigen. Laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der Süddeutschen Zeitung favorisieren 44 Prozent der Erstwähler Annalena Baerbock als Bundeskanzlerin. Die Grünen profitieren wohl unter anderem davon, dass die Klimapolitik für junge Menschen immer wichtiger wird - auch abseits von Fridays for Future. Laut der aktuellsten Shell-Jugendstudie haben 71 Prozent der jungen Menschen am meisten Angst vor Umweltzerstörung. In den Jahren bis 2015 nahm der Klimaschutz noch eine untergeordnete Rolle ein.

Zudem profitiert auch die AfD von jüngeren Menschen. Bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt war die Partei bei den Jungwählern stärkste Kraft. Inwieweit das Ergebnis des traditionell AfD-starken Bundeslandes für die Bundestagswahl steht, ist zwar fraglich. Aber auch in anderen Bundesländern erzielte die Partei nicht zu vernachlässigende Prozentanteile bei den jungen Erwachsenen. Außerdem hat die Jugend ein Faible für die FDP. Den Freien Demokraten scheint es gelungen zu sein, sich als Partei für Digitalisierung zu positionieren. Zudem dürfte ihr zeitgenössischer Social-Media-Wahlkampf sowie das Auftreten des wortgewandten Christian Lindner (vor kurzem zum besten Wahlkampfredner gekürt) bei der Jugend gut ankommen.

Bundestagswahlkampf: Social-Media-Wahlkampf - Interesse an Jugend auch nach der Wahl?

Der FDP-Chef hat mit 275.000 Abonnenten auf Instagram übrigens deutlich mehr digitale Follower als Unions-Kanzlerkandidat Armin Laschet (81.500) oder SPD-Anwärter Olaf Scholz (57.900). Beide Ü60er fremdeln etwas mit dem Inszenieren in sozialen Medien. An der Spitze des Abonnenten-Rankings der Kanzler-und Spitzenkandidaten thront Grünen-Kandidatin Annalena Baerbock mit 306.000 Abonnenten. Nun wird die Bundestagswahl freilich nicht dadurch entschieden, wer das schönste Foto auf Instagram teilt, bedeutend für den Wahlkampf ist Social Media allemal. Gerade für die Jugend. Denn Menschen unter 45 Jahren konsumieren mittlerweile mehr Nachrichten über soziale Medien als über klassische Angebote wie das Fernsehen.

Daher betrieben sämtliche Parteien auch aktiven Wahlkampf im Internet - und richteten ihr Wort direkt an junge Menschen. Die SPD etwa veröffentlichte das Motto „Garantie auf Zukunft. Jugend in und nach Corona“. Es drängt sich jedoch der Verdacht auf, dass es sich bei derartigen plakativ formulierten Botschaften nur um leere Worthülsen handelt - unabhängig der Partei. Denn abseits des Zeitraums vor einer wegweisenden Bundestagswahl interessierte sich die Politik zuletzt nur wenig für junge Menschen.

Junge Menschen müssten mehr miteinbezogen werden, fordert etwa Emma Louisa Döhler. Sie sitzt im Jungen Rat in Kiel, durch den die Stadt Kindern und Jugendlichen eine Stimme geben möchte. „Also ich finde einfach, wenn man beispielsweise über das Abitur spricht oder das Konzept, wann was geöffnet wird, wäre es einfach wirklich wichtig, Kinder und Jugendliche mit einzubeziehen“, sagte Döhler zuletzt im Deutschlandfunk. Dass nur 0,7 Prozent der Abgeordneten im Deutschen Bundestag in den 1990er Jahren geboren sind, dürfte derweil nicht zwingend dabei helfen, den Blick auf die Jugend zu schärfen.

Bundestagwahl: Die jüngsten Abgeordneten im 19. Deutschen Bundestag

Name (Partei)Geburtstdatum
Roman Müller-Böhm (FDP)12. Dezember 1992
Philipp Amthor (CDU)10. November 1992
Marcel Emmerich (Grüne)12. Mai 1991
Markus Frohnmaier (AfD)25. Februar 1991
Matthias Büttner (AfD)4. November 1990
Bela Bach (SPD)30. September 1990
Michael Brandt (Linke)14. Juli 1990

Bundestagswahl: Klima im Fokus - zwei Drittel der Jugendlichen fühlen sich im Stich gelassen

Inwieweit die Politik in Deutschland an den Älteren ausgerichtet ist, zeigt sich etwa in der in weiten Teilen unkonkreten Klimapolitik. Nun sind gewiss nicht alle jungen Menschen Hardcore-Klimaaktivisten. Den meisten dürfte die Zukunft des Klimas dennoch wichtiger sein als den Senioren, die den Großteil ihres Lebens bereits hinter sich haben.

„Die Jugend traut der älteren Generation nicht zu, dass sie etwas tut, um die Klimakatastrophe abzuwenden“, sagt Dr. Marc Calmbach vom Sinus-Institut. Eine repräsentative Umfrage des Instituts hatte ergeben, dass sich zwei Drittel der Jugendlichen beim Thema Klimawandel im Stich gelassen fühlen - wohl mit ein Grund dafür, dass Tausende junge Menschen am Wochenende vor der Wahl gegen die Klimapolitik demonstrierten. Laut einer aktuellen Forsa-Studie bewerten 60 Prozent der Erstwähler den Klimawandel als wichtigstes Problem der aktuellen Zeit. In der Gesamtbevölkerung liege der Anteil bei rund einem Viertel.

Bundestagswahl: Corona-Politik auf dem Rücken der Jüngsten

Neben der Klimapolitik beschäftigte die Jugend zuletzt auch der Umgang mit der Coronavirus-Pandemie. Covid-19 hat eindrucksvoll gezeigt, dass die Jüngsten der Gesellschaft die kleinste Lobby in diesem Land haben. Monatelang hielt sich die Mehrheit der Jugend an die geltenden Corona-Maßnahmen und verzichtete auf soziale Kontakte, um die Älteren zu schützen. Zugleich wurden sie von Teilen der Gesellschaft als partywütige Superspreader stigmatisiert. Schülerinnen und Schüler ärgerten sich derweil in der Digitalisierungs-Baustelle Deutschland mit Homeschooling herum. Präsenzunterricht blieb ihnen lange Zeit verwehrt. Dass das negative Folgen für die Kinder und Jugendliche haben kann, wird mittlerweile immer öfter artikuliert. Auch Studenten blieben lange unberücksichtigt.

In den unzähligen Ministerpäsidentenkonferenzen spielten Schülerinnen und Schüler eine untergeordnete Rolle. In vielen Schulen der Bundesrepublik ist man von der Installation von Luftreinigern auch nach monatelanger Diskussion noch weit entfernt. Weil Kinder und Jugendliche in den letzten eineinhalb Jahren so wenig Gehör fanden, gründete sich im Frühjahr 2021 sogar eine neue Partei. Die Partei für Kinder, Jugendliche und Familien, Lobbyisten für Kinder, kurz LFK. Ihr politischer Einfluss ist natürlich gering.

„Kinder und Jugendliche haben einfach keine Lobby. Wenn sie schlau wären, dann würden sie ihr Taschengeld zusammenlegen und einfach einen eigenen Lobbyisten einkaufen“

ARD-Moderator Christian Ehring in seiner Satire-Sendung extra 3.

Bundestagswahl: Mehrheit der Jugend fühlt sich von Politik nicht gehört

Der verstärkte Blick auf die ältere Bevölkerung ist aus strategischer Sicht mehr als nachvollziehbar, gleichzeitig aber auch extrem bitter für junge Erwachsene. Zur Wahrheit gehört derweil auch, dass die Wahlbeteiligung 2017 bei der Gruppe der 21- bis 24-Jährigen am geringsten war. Ob das allerdings nur am im Vergleich zu den Älteren geringeren politischen Interesse liegt oder gegebenenfalls auch damit zusammenhängt, dass sich Jüngere von der Politik nicht (mehr) gehört fühlen, ist eine Frage, die es sich zu stellen lohnt. Laut einer Studie aus dem Jahr 2019 geben sieben von zehn Jugendlichen an, nicht das Gefühl zu haben, dass sich „Politiker darum kümmern, was Leute wie ich denken“.

Ein verheerendes Signal für die Politik, das sich laut Experten verfestigen könnte. „Was nicht zu erwarten ist, ist, dass sich an dieser grundsätzlichen Parteienverdrossenheit etwas ändert. Die den Parteien zugeschriebenen Problemlösungskompetenzen sind einfach gering“, meint der Politikwissenschaftler Mathias Albert, Mitautor der Studie. Vergangene repräsentative Studien hatten zudem gezeigt, dass Jugendliche den etablierten Parteien wenig vertrauen. Das Deutsche Jugendinstitut schreibt zu den Ergebnissen: „Trotz dieser Distanz zum politischen System sind junge Menschen aber nicht unpolitisch. Im Gegenteil: Sie wollen mitgestalten.“

Es scheint an der Zeit, junge Menschen stärker in die Politik zu integrieren - und das keineswegs nur während eines Bundestagswahlkampfs. Denn Wähler von heute sind nicht die Wähler von morgen. In der Zukunft werden die Parteien auf die Stimme der heutigen Jugend angewiesen sein. Auch, wenn das für die Bundestagswahl 2021 noch nicht gilt. Sie wird von den Senioren entschieden. (Andreas Schmid)

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