Claudia Roth spricht im Bundestag: Die Grünen-Politikerin kritisiert Olaf Scholz, der ihrer Meinung nach Angela Merkel kopiere.
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Claudia Roth spricht im Bundestag: Die Grünen-Politikerin kritisiert Olaf Scholz, der ihrer Meinung nach Angela Merkel kopiere.

Merkur-Interview

Claudia Roth will Baerbock nicht aufgeben und empört sich über „zwei sich anzickende Männer“

  • Marcus Mäckler
    VonMarcus Mäckler
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  • Mike Schier
    Mike Schier
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Grünen-Politikerin Claudia Roth bereitet sowohl die FDP, als auch die Linke Bauchschmerzen, wenn sie an mögliche Koalitionen denkt. Olaf Scholz reitet ihrer Meinung nach auf der Merkel-Welle.

München – Sie gehört zu den bekanntesten Grünen* der Republik: Bayerns Spitzenkandidatin Claudia Roth, 66, will wieder in den Bundestag. Im Interview spricht sie über ihre Erfahrungen mit der CSU und mögliche Bündnisse. 

Frau Roth, Annalena Baerbock wirkte beim Triell am Sonntag wie befreit. Ist es vielleicht sogar gut, dass sie die Kanzlerschaft emotional abgeschrieben hat?
(lacht) Sie hat die Kanzlerschaft nicht abgeschrieben, sie hat sich als würdige Kandidatin präsentiert. Annalena war souverän, klug, kompetent. Sie hat nach vorne argumentiert und gesagt, wie sie Themen wie Klimaschutz, Kinderarmut oder unsere Daseinsvorsorge zukünftig anpacken will. Das war der große Unterschied zu zwei sich anzickenden Männern.
In einem Wahlkampf der Nebenschauplätze nützt ihr das aber wenig. Stört Sie die Inhaltsleere?
Natürlich. Mich stören auch die Fehler, die uns passiert sind, aber wir müssen uns schon fragen, warum einige in so herausfordernden Zeiten lieber über Lebensläufe und Lacher diskutieren als über Konzepte und Lösungen. Vielleicht, weil den anderen die Inhalte fehlen.
Oder auch, weil die Umbruchstimmung fehlt, wie es sie 1998 gab, als Helmut Kohl abgewählt wurde...
Also das erlebe ich ganz anders. Das hier ist mein elfter Bundestagswahlkampf – der erste war 1983, damals war ich mit der Band unterwegs [Roth war ab 1982 Managerin der Polit-Rockband Ton Steine Scherben, d. Red.]. Zu der Zeit gab es das Gefühl, dass sich was ändern muss, dass Frauen und Umwelt eine Stimme im Parlament brauchen. Die Stimmung ist heute ähnlich, mit einem Unterschied: Das Wort Veränderung ruft keine kollektiven Ängste mehr hervor.

Claudia Roth: „Die Union hat unterschätzt, welche Bindungswirkung Angela Merkel hat“

Aber die Leute haben offenbar das Gefühl, dass sie Veränderung mit Scholz billiger bekommen als mit Baerbock...
Ja, das ist das Phänomen Scholz. Die Union* hat unterschätzt, welche Bindungswirkung Angela Merkel* hat und Scholz kopiert sie bis in die Körpersprache hinein (Roth macht die Raute). Schauen Sie auf seine Politik der letzten Jahre: Er steht nicht für echte Veränderung, hat seine eigene Ministerin beim Klimaschutz stets ausgebremst. In vielen Zukunftsfragen unterscheidet er sich kaum von Armin Laschet, wie beim Kohleausstieg.
Sie haben ja schon ein paar Mal mit der Union sondiert, auch nach der Wahl 2018 in Bayern...
(lacht ausgiebig) Dass wir in Bayern zweitstärkste Kraft wurden, war für die CSU* ein Weltwunder – und für uns auch. Mir sagte damals eine sehr nahe am Ministerpräsidenten stehende Person: „Frau Roth, Jahrzehntelang waren die Grünen das Feindbild schlechthin und jetzt sollen wir plötzlich eine Regierung hinkriegen. Wie soll das denn gehen?“ Da habe ich gesagt: „Bei uns ist das genauso.“ Rein kulturell unterscheiden wir uns schon sehr. Wobei ich sagen muss: Mit Joachim Herrmann habe ich 2017 in Berlin nächtelang über Innenpolitik verhandelt und das lief auf eine sehr respektvolle Art und Weise.

Claudia Roth über mögliche Koalitionen: „Ich habe auch Bauchweh bei der Linken“

Wo würden Sie heute die grüne Parteiseele verorten: eher bei Rot-Grün oder eher bei Jamaika?
Wir haben viele Kritikpunkte an der SPD, etwa was die Außenpolitik eines Heiko Maas angeht. Aber uns liegt ein Klimabündnis mit ihr sicher am nächsten. Ich glaube aber nicht, dass es eine Austrittswelle gäbe, wenn wir mit der Union zusammenarbeiten würden. Am Ende geht es um Inhalte, darum, mit wem wir echten, sozial gerechten Klimaschutz umsetzen können.
Wie viel Bauchweh haben Sie bei der Linkspartei?
Ich habe bei der FDP großes Bauchweh, wenn ich mir deren Vorstellungen zur Klima- oder Steuerpolitik ansehe. Und ja, ich habe auch Bauchweh bei der Linken, vor allem nach ihrem nicht nachvollziehbaren Verhalten zum Evakuierungsmandat für Afghanistan. Aber klar ist: Die Linke ist eine demokratische Partei, anders als die Demokratiefeinde der AfD. Das Gerede vom Hufeisen ist Quatsch und relativiert Rechtsextremismus.
Würde eine grün geführte Bundesregierung Schutzsuchende aus Afghanistan nach Deutschland holen?
Der Abzug aus Afghanistan war ein Totalversagen der deutschen Politik, im Land gibt es eine humanitäre Katastrophe. Jetzt muss alles versucht werden, gefährdete Menschen herauszuholen, möglichst auf verschiedenen Wegen. Iran und Pakistan müssen ihre Grenzen aufmachen, wir sollten sie im Gegenzug finanziell unterstützen. Und wir müssen auch bereit sein, ein Kontingent bei uns aufzunehmen.
Wir sollten mehr aufnehmen als nur die Ortskräfte?
Ja. Kanada will 20 000 Menschen aufnehmen und ich sage Ihnen: Auch hier sind die Leute dazu bereit. Kommunen und Länder haben sich angeboten. Man kann nicht immer nur auf Europa zeigen und sagen: Wir machen nichts, weil die anderen nichts machen.

Interview: M. Mäckler, M. Schier *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA

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