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Axel Berg: Gibt es ein Leben nach der Politik?

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München - Am 27. September 2009 brach für Axel Berg eine Welt zusammen. Bayerns erfolgreichster SPD-Bundestagsabgeordneter wurde abgewählt. Ein Dreivierteljahr ist seitdem vergangen. Mit 51 Jahren steht Berg vor einem Neuanfang.

„Einen Termin?“, fragt der Mann am anderen Ende der Leitung. „Da kann ich mich nach Ihnen richten. Wissen Sie, mein Leben ist nicht mehr so aufregend wie früher. Viel versprechen kann ich Ihnen deshalb nicht.“ Aber Zeit - klar, Zeit habe er schon, sagt Axel Berg. Er ist ja gerade in Phase drei nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag im vergangenen Herbst. Phase drei ist die der Neuorientierung. Da hat man Zeit.

Wer früher Axel Berg, den zuletzt wohl erfolgreichsten bayerischen SPD-Politiker neben Christian Ude, treffen wollte, tat sich schwerer. Der Mann war viel unterwegs: meist in Berlin, oft im Ausland und nicht selten irgendwo auf den Straßen von Schwabing, Freimann oder Milbertshofen - seinem Wahlkreis. Doch dann kam der 27. September 2009. Der Tag der Bundestagswahl. Der Tag, der aus dem Überflieger den Verlierer der Nation machte. Berg, der zuvor dreimal das Direktmandat im Wahlkreis München Nord gewonnen hatte, unterlag dem CSU-Politiker Johannes Singhammer. Axel Berg flog aus dem Bundestag. War zornig. Verzweifelt. Er weinte.

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Nun sitzt Axel Berg in schwarzer Hose und weißem Hemd auf dem Balkon seiner Schwabinger Wohnung, rührt in seinem Espresso und sagt das: „Ich spüre langsam eine Tiefenentspannung.“ Wirklich arbeiten muss er derzeit nicht. Berg bekommt noch ein paar Monate Übergangsgeld vom Bund, kann es sich leisten, morgens erst einmal einen Cappuccino trinken zu gehen. Sein Handy läutet. Berg lässt es klingeln. „Sehen Sie, das kann ich jetzt“, sagt er, als bräuchte es einen Beweis dafür, dass er entspannt ist.

Seit fast einem Dreivierteljahr ist Berg kein Abgeordneter mehr. Er hat dem Abschied aus Berlin eine Struktur gegeben und in drei Phasen eingeteilt. So, wie es Menschen machen, die von ihrem Partner verlassen wurden und das Drama verarbeiten wollen. „Phase eins“, sagt Berg, „war Wut und Trauer. Zwei bis drei Wochen hat das angehalten.“ Über 1200 Zeitungsartikel seien in dieser Zeit über ihn erschienen. „Der Tenor war immer gleich.“

Es ist die Geschichte von einem erfolgreichen Sozialdemokraten, dem die eigene Partei übel mitspielt. Vielleicht deshalb, weil schon Erfolg in der Bayern-SPD ein Grund ist, dass Genossen misstrauisch werden. Vielleicht, weil Berg als Politik-Quereinsteiger der Stallgeruch der Partei fehlt. Oder möglicherweise, weil er seine Triumphe, zweimal als einziger bayerischer Genosse das Direktmandat in seinem Wahlkreis erobert zu haben, mit ordentlichem Selbstbewusstsein vor sich her trägt.

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Einen sicheren Listenplatz bei der Bundestagswahl 2009 verweigert die SPD ihrem Mann. Schon der Münchner Unterbezirksvorstand setzt ihm zwei Mitbewerber vor die Nase. Berg werde sein Direktmandat schon holen, heißt es da. So hätte die Münchner SPD die Chance, gleich zwei oder gar drei Leute nach Berlin zu schicken. Auf der Wahlliste der Bayern-SPD steht Berg zwar wieder vor den Münchner Mitbewerbern, aber insgesamt doch nur auf Platz 17. Lediglich 16 Genossen aus Bayern schaffen es nach Berlin. Aus München ist kein einziger mit dabei.

Sein Selbstbewusstsein hat Berg nicht verloren. „Ich gehe als aufrechter Verlierer.“ Sein Erststimmenergebnis sei viel besser gewesen als das der Partei. „16 Prozent mehr“, betont Berg. „Ich war mit Abstand der beste Sozialdemokrat.“

Nach der Trauer kam Phase zwei. Berg nennt sie die Aufräumphase. „Ich musste zwei Büros schließen und eine Wohnung in Berlin auflösen.“ Auch seinen „Berg-Bus“, mit dem er durch die Stadtviertel tingelte, hat er verkauft. Da waren aber auch seine acht Mitarbeiter in Berlin und München. Berg sagt, er habe Jobs für sie gesucht. „Sie sind alle super untergekommen.“

Jetzt ist der 51-Jährige in der dritten Phase des Abschieds angekommen, der der Neuorientierung. 40 bis 50 Stellen seien ihm nach seinem Ausscheiden aus dem Bundestag angeboten worden - „Professuren, Vorstandsposten“, sagt er. Einige Offerten wurden zurückgezogen, die anderen hat er abgelehnt. Als Berater und freier Rechtsanwalt will er nun arbeiten. „Nicht vor Gericht. Ich konzentriere mich auf den Energiebereich.“ Ein kleines Büro habe er sich schon eingerichtet - es liegt nicht mehr im Bundestag, sondern gleich neben dem Wohnzimmer. Im November wurde Berg zudem Deutschland-Chef von Eurosolar, einer Vereinigung für erneuerbare Energien. „Das ist ehrenamtlich“, sagt Berg. „Viel Ruhm, viel Ehre, bringt kein Geld.“ Er sei durchaus bereit, bei Münchner Energie-Projekten mitzuarbeiten. „Ich bin aber überrascht von der kalten Schulter, die mir gezeigt wird.“

Berg ist bemüht, nichts Negatives über die SPD zu sagen. „Der Wahlkreis im Münchner Norden steht hinter mir.“ Dort habe man ihn gefragt, ob er 2013 noch einmal antreten wolle. Oder ob er in den Bundestag nachrücken würde, sollte ein bayerischer Genosse ausscheiden. Er habe beides bejaht, sagt Berg. „Ich fühle mich in der SPD wohl.“ Nur den Mitgliedsbeitrag, den habe er, seit er kein Abgeordneter mehr ist, von 250 Euro monatlich auf fünf Euro reduziert. Das ist das Minimum.

Berg faltet die Hände vor dem Gesicht, richtet den Blick ins Grün vor dem Balkon. Die Vögel zwitschern. Ja klar, sagt er, es fehle ihm etwas: So viele spannende Leute zu treffen wie früher. Und zu erleben, wie ein „schwerer Tanker“ wie der Bund langsam in Bewegung komme, dann aber Wucht entfalte. Auch müsse er mit ansehen, wie Union und FDP bei den erneuerbaren Energien das kaputt machten, „was wir aufgebaut haben“. Entspannt sieht Axel Berg gerade nicht mehr aus. „Politisch“, sagt er, „leide ich wie ein Hund.“

Matthias Kristlbauer

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