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Thilo Sarrazin als Ideengeber

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Von: Marc Schreib

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In der Sozialdemokratie daheim – war Gerold Otten in seinem Elternhaus, und auch seine Großmutter war in den 1930er-Jahren Sozialdemokratin. Otten selbst hat seine politische Heimat in der AfD. © Schreib

Vor der Bundestagswahl am 24. September porträtieren wir die Direktkandidaten. Heute: Gerold Otten (61) aus Solalinden. Er kandidiert für die AfD.

Putzbrunn – Demokratietauglichkeit ist Gerold Otten von höchster Stelle in der Bundeswehr attestiert worden: Der Bundestagskandidat für die AfD musste sie vor seiner Ausbildung zum Kampfpiloten gründlich nachweisen und einen Eid leisten. In diesem Punkt ist er der politischen Konkurrenz also etwas voraus, zumindest was die Beweisführung angeht.

Im Sturzflug mit dem Eurofighter

Dass er ein politisch streitbarer Geist ist, das gibt der 61-Jährige beim Besuch im Reihenhaus in Solalinden unumwunden zu. Vor eineinhalb Jahren zog er hierher. Knapp 20 Jahre lebte Gerold Otten nebenan in Ottobrunn, und seine Kindheit verbrachte er in einem kleinen Weiler in der Nähe von Bremen. Von dort wollte er schon als Kind immer raus, und der Wunsch erfüllte sich. Während sein Bruder zur See ging, eroberte Gerold Otten den Luftraum. Er kennt das Innenleben und das Triebwerk eines jeden Eurofighters und weiß, wie es sich anfühlt, mit einem Tornado im Sturzflug nach unten zu gehen. Die letzten drei Jahre in den 1990ern bei der Bundeswehr war er im englischen Cottismor stationiert, ein Ausbildungszentrum der Royal Airforce für die Tornado-Schulung. Dort kam er mit der Dasa in Kontakt und wechselte nach Ottobrunn. Heute ist er für den internationalen Vertrieb des Eurofighters zuständig.

Lieblingsthema Sicherheit

In Hamburg hat er das Bundeskriminalamt im Jet aus der Luft unterstützt, um bei einer Geldübergabe in einem Erpressungsfall das Gebiet einer Müllhalde per Infrarot auszuleuchten. Beim Deichbruch hat Otten selbst Sandsäcke geschleppt. Da ist es folgerichtig, dass er den Einsatz der Bundeswehr im Inneren zustimmen kann – nicht nur, wenn es um humanitäre Unterstützung wie beim Oderbruch geht. Sondern bei Bedarf auch bei Terrorlagen. Und da ist es auch gleich, das Lieblingsthema von Gerold Otten: die Sicherheit.

Aufgewachsen in politischem Umfeld

Politik spielte schon im Elternhaus der Ottens eine tragende Rolle – war allerdings nicht konservativ, sondern durch und durch sozialdemokratisch. „Mein Vater hat als Betriebsingenieur auf einer Werft in Bremerhaven gearbeitet, ist früh in die Gewerkschaft eingetreten.“ Er war 25 Jahre Bürgermeister in der Gemeinde Lübberstedt. Die Großmutter hatte als Sozialdemokratin in den 1930er-Jahren einen schweren Stand, die Mutter noch heute mit über 80 politisch tätig, in der Arbeiterwohlfahrt. Sie respektiert die politische Haltung ihres Sohnes.

Als Ideengeber für die Argumente, die Gerold Otten vorbringt, dient ganz entscheidend ein anderer Sozialdemokrat: der verstoßene Sohn der SPD, Thilo Sarrazin. Dessen Schriften und Analysen schätzt der Putzbrunner Bundestagskandidat hoch. Allen voran „Deutschland schafft sich ab“. Auch die Folgeschriften stehen prominent im Wohnzimmerregal und sind alle gelesen. Otten bezeichnet die Lektüre als Schlüsselerlebnis, den Inhalt als heilsamen Tabubruch. „Es hat gezeigt, dass in diesem Land unter der Decke schon vieles brodelt.“

Angst, in rechte Ecke gestellt zu werden

Die Form der Ausgrenzung unwillkommener Ansichten und ihrer Überbringer habe seither nicht ab-, sondern zugenommen. Gerold Otten erlebt es unablässig, in die rechtsextreme Ecke gestellt zu werden. Mitglieder zu mobilisieren (es sind 125 im Landkreis), an die Infostände zu gehen gestaltet sich schwierig. „Viele haben wirklich Angst. Sie befürchten Farbbeutel-Attacken, Eierwerfer, tätliche Gewalt. Andere wollen nicht in ihrem Wohnort am AfD-Stand gesehen werden, sorgen sich vor beruflichen Nachteilen.

Jüngster Stein des Anstoßes war die Ausgrenzung durch den Taufkirchner Gemeinderat, der in nicht öffentlicher Sitzung mehrheitlich beschloss, keine Räume an die AfD zu vermieten (wir berichteten). In einer solchen Situation Wahlkampf zu betreiben, hält Otten für eine Herausforderung, der sich die übrigen Parteien auch nicht ansatzweise stellen müssten.

Aber was ist mit dem völkischen Qualm, den Sarrazin anspricht? Gerold Otten sieht die AfD in der bürgerlichen Mitte verwurzelt, mit vielen ehemaligen CSU-Wählern, aber auch Nichtwählern. „Das Label der Ausländerfeindlichkeit passt einfach nicht.“ Ablehnung gegenüber der ungeregelten Zuwanderung, gerade auch in die Sozialsysteme, das ja. „Das wollen wir nicht.“ Stattdessen ein Einwanderungsmodell nach kanadischem Vorbild.

Forderung nach einem Südring

Zurück in den Landkreis: Hier wünscht sich der AfD-Kandidat, der beste Aussichten auf ein Bundestagsmandat hat, dass sich die Verkehrsinfrastruktur verbessern muss. Die A 99 werde zwar im Osten richtigerweise vierspurig erweitert. Es müsse aber einen Ringschluss geben. Ihm ist klar, dass er sich mit seiner Forderung nach einem Südring nicht nur Freunde macht. Aber das ist für ihn Mut zur Wahrheit: „Sie können nicht Everybody’s Darling sein.“

Dieselbe Lösung einer Ringform hat Gerold Otten für den öffentlichen Nahverkehr im S-Bahnbereich parat. Dabei erkennt er durchaus das Hindernis der zugebauten Wohngebiete gerade im südöstlichen Landkreis. „Man müsste eine Lösung in der Nähe der Autobahnen suchen.“ Auf sozialer Ebene ist die Position des 61-Jährigen weniger kantig: Die Gemeinden sollten nach seinem Dafürhalten einen eigenen Grund zur Verfügung stellen und teilweise vergünstigt für den Sozialwohnungsbau einsetzen – mit Belegungsrecht für die sozial Schwächeren, die sich München nicht mehr leisten können. „Es findet eine massive Verdrängung statt.“ Deshalb solle auch das Wohngeld erhalten und der soziale Wohnungsbau gestärkt werden. „Ich komme aus einem eingefleischt sozialdemokratischen Haushalt. Für mich ist das ein ganz existenzielles Anliegen.“

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