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Unterwegs für die Gleichstellung: Doris Wagner.

Bundestagswahl 2013

Das sind die Kandidaten für München-Nord

München - Am 22. September ist Bundestagswahl. 916.913 Münchner sind dann aufgerufen, in vier Wahlkreisen ihre Stimmen abzugeben. Doch wen mit der Erststimme wählen? Das sind die Kandidaten im Wahlkreis 218 München-Nord.

CSU: Johannes Singhammer  

Es ist heiß vor dem Café Münchner Freiheit, aber beim Gedanken an den Wahlabend im Herbst 2009 meint man, Johannes Singhammer frösteln zu sehen. „Haarscharf!“, ruft er. „Nervenaufreibend!“, sei das gewesen. Zwei Stunden nach Schließung der Wahllokale dachte er, er könne den damaligen SPD-Abgeordneten Axel Berg – wie bei den Wahlen zuvor – nicht mehr einholen. Am Ende aber war es Singhammer, der haarscharf vorne lag. Die CSU hatte alle bayerischen Wahlkreise direkt geholt. Dieses Mal soll es weniger eng werden.

Singhammer ist da guter Dinge. „Die Leute wollen wissen, was ich für den Wahlkreis tue“, sagt er. Er ist viel in München unterwegs, auch mitten in der Legislaturperiode. Mal diskutiert er mit verunsicherten GBW-Mietern, mal trinkt er eine demonstrative Flasche Bier im Szene-Club „Harry Klein“ – und ziemlich oft isst er Apfelstrudel im Café Münchner Freiheit, wo die Bedienungen sogar schon wissen, dass Singhammer gerne auch im Freien eine Tischdecke bekommt. Vor allem aber ist der 60-Jährige viel im Münchner Norden anzutreffen. Singhammer ist in Giesing aufgewachsen, lebt in Freimann. In Berlin mag die Gesundheitsreform ein großes Thema für ihn sein, Singhammer versteht sich aber auch sehr stark als Abgeordneter für seinen Stimmkreis.

Bundestagswahl 2013: Ergebnisse finden Sie hier!

Eine Unterführung unter der S1 in der Lerchenau oder in Feldmoching zu bauen zum Beispiel ist ein Thema, über das Singhammer minutenlang reden kann. „Da sind Bahnübergänge, die sind 50 Minuten die Stunde zu“, schimpft er. „Das ist unhaltbar!“ Wenn die Stadt endlich einen Antrag stelle, werde er sich um die Bundeszuschüsse kümmern.

Die hat er auch für das Heidehaus in der Fröttmaninger Heide besorgt. So wie er sich – erfolgreich – für Bundesmittel für das geplante Sudetendeutsche Museum eingesetzt hat. Der größte Erfolg der Legislaturperiode dürfte aber die Kappungsgrenze sein, die es den Ländern ermöglicht, die Mietpreiserhöhungen bei 15 Prozent zu deckeln. In der CSU sagt man, Singhammer habe das gegen Widerstände in Partei und Koalition durchgesetzt.

Der Streit mit anderen Parteien sei ihm nicht wichtig, sagt Singhammer. „Die Leute wollen, dass es vorangeht und keine parteipolitischen Konflikte.“ Wenn es nach ihm geht, gibt es den Konflikt nicht mal am Wahlabend. Sondern einen Sieger Singhammer, der ohne abendliches Kopf-an-Kopf-Rennen ins Ziel geht.

Felix Müller

SPD: Florian Post  

Nachdem das Foto für diesen Artikel geschossen ist, macht Florian Post sich kurz Sorgen: „Ist mein Hosentürl zu gewesen?“ Er schaut sicherheitshalber noch mal nach: Ja, war zu. „Überall lauern Fallen“, meint er und lacht. War das jetzt ein Scherz? Eher nicht. Post will keinen Fehler machen. Er weiß, dass nicht nur die Münchner SPD ganz genau auf ihn schaut bei dieser Bundestagswahl.

Denn da waren die Schlagzeilen nach der Delegiertenversammlung 2011: Post, ein 30-jähriger Nobody, stürzt die Lichtgestalt der Bayern-SPD, Axel Berg. Er, nicht Berg, darf kandidieren. Mit Berg habe er inzwischen „ein gutes Verhältnis“, hakt Post das lästige Thema ab. Doch er weiß: „Ich werde an ihm gemessen werden.“

Dementsprechend hängt der gebürtige Oberpfälzer sich rein. „Sehr engagiert“ sei er, loben führende Genossen. Und auch die Plakate, die Post geklebt hat, zeugen von Einsatzwillen: „Post für Sie“, steht da. Er erinnert sich lachend: „Christian Ude hat gemeint: Mensch Flo, mit dem Namen musst du was machen. ,Post nach Berlin‘, oder so. Aber wir führen keinen Wettstreit in Sachen ,Wortspiele‘.“

Bundestagswahl: Diese Koalitionen sind möglich

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Post, der bei den Stadtwerken jung Karriere machte, sang als Bub unter Georg Ratzinger bei den Regensburger Domspatzen. Er lernte dort früh Disziplin: „Jeden Tag Klavier üben und in die Kirche gehen – und trotzdem ist ein Sozialdemokrat aus mir geworden.“ Ein Chorknabe ist er freilich nicht: Für die SPD eroberte er als Wahlkampfhelfer seiner Mutter das Bürgermeisteramt im rabenschwarzen Leuchtenberg südlich von Weiden. „Da ging’s teilweise schmutzig zu“, sagt er. Anders als bei diesem Wahlkampf: „Ich würde nie persönlich werden. Aber inhaltlich schenken Johannes Singhammer und ich uns nichts.“ So kritisiert er dessen Abstimmungsverhalten im Bundestag: „Er muss erklären, warum er gegen die Mietpreisbremse und gegen den Antrag ,Keine Privatisierung von Trinkwasser‘ gestimmt hat.“ Post setzt sich für bezahlbaren Wohnraum, Mindestlohn, die Finanztransaktionssteuer und den Erhalt der Künstlersozialkasse ein. Dass er bei Bergs alter Stammklientel – Bildungsbürgern – durchfallen könnte, glaubt er nicht: „Sie merken: Der meint’s ernst.“ Seine Chancen stehen recht gut: Post steht auf Listenplatz 17, kann womöglich auch so nach Berlin. Doch ein Trostpreis kommt für ihn nicht in Frage. Er will nicht nur als fleißig gelten. „Ich will das Direktmandat.“

Johannes Löhr

Grüne: Doris Wagner  

„Mein erstes Interview!“ Doris Wagner sitzt gespannt hinter ihrem Fitness-Frühstück und harrt der Dinge. Nicht, dass die 50-Jährige ein Neuling wäre: 2001 trat Wagner den Grünen bei. Sie ging ihren Weg durch die Partei bislang allerdings weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Wagner war Beisitzerin im Ortsverband Schwabing. Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft für Frauenpolitik. Ab 2009 leitete sie das Bayern-Büro der Europaabgeordneten Barbara Lochbihler und zwischen 2010 und 2013 in Elternzeitvertretung das Frauenreferat der Bayern-Grünen.

Jetzt also die Premiere im Scheinwerferlicht. Ein bisschen staunt sie immer noch: „Das ist wie eine Welle, die über einen hinwegrollt.“ Ihren ersten öffentlichen Auftritt, Thema „WutbürgerInnen – SpießbürgerInnen – StaatsbürgerInnen“, hatte sie Ende April – gemeinsam übrigens mit ihrem Konkurrenten Johannes Singhammer von der CSU. Sehr angenehm sei das gewesen, meint sie.

Beim Thema Gleichstellung hörten die Gemeinsamkeiten mit der CSU freilich auf. Eine Herdprämie ist mit Wagner nicht zu machen – und sexistische Werbung im Stadtbild macht sie richtig wütend. „Ich bin mit einer starken Mutter aufgewachsen“, erzählt sie. „Sie hat als Krankenschwester mehr verdient, als mein Vater, der Arbeiter war. Sie hat mich auch immer angestupst, selbstständig zu sein.“ Später stupste Wagner selbst andere an: Während ihrer Berufstätigkeit in England und Italien hatte die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin es mit Alpha-Männchen zu tun – was sie nicht davon abhielt, ihren Bossen bisweilen unterm Schreibtisch gegen das Schienbein zu treten. Und diese Energie versprüht sie auch, wenn sie heute auf Wahlkampf durch ihren Bezirk radelt.

Doris Wagner ist zwar neu im Rampenlicht – startet aber vom aussichtsreichen Listenplatz 9. Und wenn sie auch zu abergläubisch ist, um sich schon eine Wohnung in Berlin zu mieten, so steht für sie doch fest: „In meinem Alter dem Leben noch mal eine völlig neue Wendung zu geben, ist der totale Luxus.“

Johannes Löhr

FDP: Ruth Hohenadl  

Ruth Hohenadl wird auf Listenplatz 30 selbst bei erdrutschartigen Gewinnen der FDP nicht in den Bundestag kommen. Damit hat sie aber kein Problem, sagt sie. „Ich bin vielleicht eine Kandidatin, die keine Chance hat. Aber ich bin Repräsentantin meiner Partei, und das von ganzem Herzen.“

Eine Herzensangelegenheit der Liberalen ist – neben einer Image-Kampagne für Pflegeberufe – das Ehrenamt. „Wir müssen Anreize schaffen, damit der Einzelne sich wieder mehr in die Gesellschaft einbringt.“ Hohenadl könnte sich ein Bonussystem bei der Studien- oder Ausbildungsplatzvergabe vorstellen oder Zuschüsse zur Lebensversicherung. „Ich lebe in einer Familie mit starkem Zusammenhalt“, erklärt sie. „Vielleicht setze ich deswegen so auf Engagement.“

Die kuriosesten Wahlplakate aller Zeiten

Die kuriosesten Wahlplakate aller Zeiten

Lange war die 53-Jährige aus der Lerchenau unpolitisch. Dann kam der 11. September. „Der hat mich geschockt.“ Sie habe sich gesagt: „Nur mit dem Nachbarn über den Zaun reden, das kann’s ja wohl nicht sein.“ Die FDP war und blieb ihre politische Heimat. Genau wie die von ihrem Mann Johann. Der wird 2014 für den Stadtrat kandidieren. „Ich werde ihn unterstützen“, kündigt Hohenadl an. Von ganzem Herzen.

 Freie Wähler: Gökhan Deger

Bildung als unseren wichtigsten Rohstoff sichern – das steht ganz oben auf dem politischen Wunschzettel von Gökhan Deger, der für die Freien Wähler auf dem Landeslistenplatz 26 steht. Gleiche Chancen für alle Kinder beim Start ins Schulleben fordert er – und dafür ein gut ausgebautes, kostenfreies Kinderbetreuungs- und Bildungsangebot. Dazu Schulklassen, mit nicht mehr als 25 Kindern. Der 39-Jährige weiß, wovon er redet. Immerhin ist er selbst Vater von zwei Kindern.

Als Vertreter der Freien Wähler möchte er das Thema Integration auf Bundesebene voranbringen. Es dürften keine Parallelgesellschaften entstehen. Unter anderem will er daher Menschen mit Migrationshintergrund stärker in den öffentlichen Dienst einbinden. Wichtig findet er auch, adäquate ausländische Berufsausbildungen öfter in Deutschland anzuerkennen.

„Wer Vollzeit arbeitet, muss auch davon leben können“, findet der Elektromechaniker, der mit seiner Familie in Riem lebt. Deger macht sich deshalb für flächendeckende, regionen- und branchenspezifische Lohnuntergrenzen stark. Den Kampf gegen Altersarmut hat er sich auf die Fahnen geschrieben. Er will „aktives Altern“ fördern und das Wissen und Können älterer Arbeitnehmer besser nutzen.

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Wer noch antritt

Für die ÖDP tritt auf Platz 52 der Diplomingenieur und IT-Berater Michael Sandweg an. Wichtige politische Themen sind für ihn unter anderem Verkehrspolitik sowie Familien- und Bildungspolitik. Der Diplomphysiker Alexander Bock stellt sich für die Piratenpartei auf Listenplatz 2 zur Wahl. Wichtige Themen sind für ihn unter anderem die Europa- und Außenpolitik und die freie und neutrale Entwicklung des Internets. Er fordert außerdem mehr Mitarbeiter für die Bundestagsabgeordneten – also ein größeres Budget für die Parlamentarier. Die Linke schickt den Informatiker Roland Stigge ins Rennen. Er will eine „konsequente Friedenspolitik“, den „Wiederaufbau eines Sozialstaats in Deutschland“, ein Renteneintrittsalter mit 58 Jahren und außerdem die Geheimdienste und „den Kapitalismus“ abschaffen. Für die Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo) geht der Medienberater Martin Thomas Hennig an den Start. Auch die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands (MLPD) versucht sich im Norden. Der Informationselektroniker Klaus Thomas Dumberger tritt an. Die NPD schickt den Rentner Detlef Wacker ins Rennen.

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