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Claudia Tausend tritt für die SPD an.

Bundestagswahl 2013

Das sind die Kandidaten für München-Ost

München - Am 22. September ist Bundestagswahl. 916.913 Münchner sind dann aufgerufen, in vier Wahlkreisen ihre Stimmen abzugeben. Doch wen mit der Erststimme wählen? Das sind die Kandidaten im Wahlkreis 219 München-Ost

CSU: Wolfgang Stefinger 

Wer Wolfgang Stefinger herausfordern möchte, stellt ihm die Frage, ob er denn mit 28 Jahren nicht etwas zu jung für den Bundestag sei. Stefinger sitzt im Biergarten des Hofbräukellers, vor sich ein Radler, und lächelt nachsichtig. „Klar habe ich nicht die Lebenserfahrung eines 55-Jährigen“, meint er dann. „Aber ich bringe eine andere Sichtweise rein. Auf die Mischung kommt es an!“

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Es sind nicht die kleinsten Fußstapfen, in die Wolfgang Stefinger tritt. Er folgt auf Herbert Frankenhauser, der seit 1990 – da war Stefinger fünf Jahre alt – sechs Mal den Wahlkreis für die CSU gewann. Übertriebene Siegesgewissheit will Stefinger nicht versprühen, doch er stellt klar: „Der Anspruch muss sein, das Direktmandat zu holen.“ In Waldperlach geboren und aufgewachsen, sieht sich Stefinger im Münchner Osten fest verwurzelt. „Ich wohne dort“, betont er. Einige seiner Wahlkreiskonkurrenten nicht, das soll da natürlich auch mitschwingen.

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Freiwillige Feuerwehr, Trachtenverein und Oberministrant – Stefingers Lebenslauf liest sich wie die Mustervita eines jungen Konservativen. Mit 16 tritt er in die CSU ein, seit 2009 ist er Kreisvorsitzender München-Ost. Als vergangenes Jahr bekannt wurde, dass Frankenhauser nicht mehr antritt, zögerte Stefinger nicht lange und warf seinen Hut in den Ring. In einer Kampfabstimmung setzte er sich gegen CSU-Stadtrat Robert Brannekämper durch. Er sieht sich als Teil eines Generationswechsels: „Es ist schön, dass auch in der CSU ein Umdenken einsetzt.“

Bundestagswahl 2013 in Zahlen und Fakten

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Den Spagat zwischen christsozialer Parteiräson und sanfter Rebellion kriegt Stefinger schon ganz gut hin. Etwa beim Thema Betreuungsgeld. „Das Betreuungsgeld war richtig“, sagt er, um dann einzuschränken: „Ich hätte damit gewartet, bis der Krippenausbau abgeschlossen ist.“ Den Ausbau von Betreuungseinrichtungen hat sich Stefinger auf die Fahne geschrieben. „Auch bei der Ganztagsbetreuung hakt es ganz gewaltig“, das erzählten ihm Bürger. Zudem werde die Altenpflege ein „Riesenthema“. Menschen, die ihre Angehörigen selbst pflegen, will der Diplom-Betriebswirt noch stärker entlasten.

Den altgedienten Abgeordneten Frankenhauser nannten sie im Wahlkreis nur noch „unseren Berti“, erzählt Stefinger. Sein Ziel sei es, dass bald auch von „unserem Wolfi“ die Rede sei. Angelo Rychel

SPD: Claudia Tausend

Alle guten Dinge sind tausend. Nein, das ging anders. Alle guten Dinge sind drei. So stimmt’s! Beim dritten Anlauf will Claudia Tausend endlich Berlin erobern. Zwei Mal schon trat sie im Münchner Osten an. Chancenlos. 2005 wurde der Bundestag vorzeitig aufgelöst. Da blieb kaum Zeit für die „Neue“, sich beim Wähler bekannt zu machen. Beim nächsten Urnengang 2009 fuhr die Bundes-SPD das mieseste Ergebnis der Nachkriegszeit ein – und auch Münchner Genossen mussten dafür bluten. Aber jetzt . . .

Die Chancen sind prächtig, dass Tausend zumindest über die Liste (Platz 14) ins Parlament rutscht und sich bald eine Wohnung in Kreuzberg oder Neukölln sucht. „Ich will in kein Schickimicki-Viertel“, betont die 49-Jährige. Tausend wirkt adrett und intellektuell, großstädtisch und kultiviert – in die Wiege gelegt wurde ihr das nicht. Aufgewachsen auf einem Einödhof in Niederbayern, kam sie mit elf Jahren in ein Klosterinternat. „Von 120 Schülern kamen sieben aufs Gymnasium“, erinnert sich die Busfahrer-Tochter. Ein Arbeiterkind. Aus einfachen Verhältnissen ins Zentrum der Macht.

Auf ihrem weiten Weg hat Tausend reichlich Erfahrung gehortet. Seit 17 Jahren sitzt sie im Stadtrat, gehört dort zum Spitzenpersonal der SPD. Die Geographin geht analytisch vor, kümmert sich nicht nur um Visionen, sondern auch um Details, die viele Politiker lieber der Verwaltung überlassen. Sie ist kein Lautsprecher, eher ein Durchdenker. Höflich, selbstbewusst, präzise.

Ihre politischen Schwerpunkte sind typisch für München: Mieten, Wohnen, Stadtplanung. Tausend fordert einen gesetzlichen Deckel von Mieterhöhungen bei Neuverträgen, wie es ihn derzeit nur für Bestandsmieten gibt. Sie will die Gelder für sozialen Wohnungsbau erhöhen, die Mittel aber stärker regional steuern, damit nur dort gebaut wird, wo es echten Bedarf gibt. Außerdem fordert sie steuerliche Verbesserungen für Bauherren. Bezahlen will sie das – getreu der SPD-Linie – über die Anhebung des Spitzensteuersatzes sowie die Einführung der Vermögens- und Finanztransaktionssteuer.

„Derzeit sitzt kein SPDler aus München im Bundestag“, klagt Tausend. Wer kämpft im Bund schon gegen Probleme, die die meisten Städte nicht kennen? „München braucht wieder eine Stimme in Berlin“, sagt sie. Diese Stimme, die will sie sein. Thomas Schmidt

Grüne: Ulrike Goldstein 

Energiewende und Klimaschutz – Ulrike Goldstein setzt sich dafür ein. Klar, sind das doch „urgrüne Themen“, wie die 36-Jährige sagt. Und daran habe sich seit langem nichts geändert. Aber Goldstein will mehr: Mit den Forderungen nach bezahlbarem Wohnen und einer inklusiven Gesellschaft kämpft die gebürtige Münchnerin um ein Mandat.

Gerade in München habe sich der Wohnungsmarkt in den vergangenen Jahren zu einem essenziellen Thema entwickelt, meint Goldstein, die selbst seit zwölf Jahren in Haidhausen lebt. „Ich kenne es aus dem Freundeskreis – viele finden einfach keine Wohnung.“ Rasant steigende Mieten und damit einhergehende Verdrängung der ansässigen Bevölkerung – dagegen will sie sich einsetzen. Und Goldstein weiß, wovon sie spricht. Als Rechtsanwältin im Bereich Miet-, Sozial- und Familienrecht ist sie einmal wöchentlich beim Mieterverein München als Beraterin tätig.

Jetzt – genau wie 2005 und 2009 – will die 36-Jährige in den Bundestag. An politischer Erfahrung mangelt es ihr nicht: Seit 14 Jahren ist Goldstein bei den Münchner Grünen, zwei Jahre lang war sie Kreisvorsitzende. Seit 2002 sitzt sie im Bezirksausschuss Au-Haidhausen, ist außerdem Ortsverband-Sprecherin und im Bezirkstag Oberbayern.

„Ich weiß, dass meine Kinder nicht so aufwachsen werden wie ich“, sagt die zweifache Mutter und legt deshalb Wert auf Umweltschutz, erledigt beispielsweise alle ihre Fahrten mit den öffentlichen Verkehrsmitteln. Wichtig sei auch die Vereinbarung von Beruf und Familie. „Denn zwischen Theorie und Praxis ist da noch ein großer Sprung.“

Chancen auf den Einzug in den Bundestag hat sie auf Listen-Platz 27 wohl kaum. Doch egal, wie es ausgeht: „Ich werde auf jeden Fall politisch aktiv bleiben.“ Dabei könnte sie sich eine Koalition mit vielen Partnern vorstellen. Wenn man bei Sachthemen übereinstimme, könnte man Gespräche mit allen gewählten Parteien führen. „Schließlich geht es um die Inhalte.“ Andrea Steiler

Freie Wähler: Stephanie Hentschel

Sie weiß es wohl nicht, aber Kanzlerin Merkel hat eine Gemeinsamkeit mit der Chefin des Bezirksausschusses Trudering-Riem: Beide sind Naturwissenschaftler. Zuhören, analysieren, entscheiden, so funktioniert Politik, sagt Stephanie Hentschel. „Als Naturwissenschaftler gehen wir anders an Probleme ran“, meint die Chemikerin (49).

14 Jahre lang engagierte sich Hentschel als Kommunalpolitikerin bei der CSU, doch 2012 wechselte sie die Seiten und ging zu den Freien Wählern. Irgendwann kam sie einfach nicht mehr mit dem Frauenbild innerhalb der CSU zurecht, berichtet die Mutter einer Tochter. Dabei war es gerade der Umgang der Gesellschaft mit Frauen, der sie einst in die Politik getrieben hatte. „Als verheiratete Frau“, sagt sie, „habe ich mich diskriminiert gefühlt.“ Eine Pause für die Familie einzulegen dürfe nicht das Ende der Karriere bedeuten.

Ihre Chancen, in den Bundestag gewählt zu werden, „sind nicht die größten“, gibt sie zu. „Aber ich schließe es nicht aus.“ Am Herzen liegt ihr vor allem Familienpolitik, Integration und die Energiewende. „Ich will mich einmischen.“  tom

FDP: Manfred Krönauer

Früher, verrät Manfred Krönauer, sei er ja mal Mitglied der CSU gewesen. „Doch dann kam Stoiber, und ich bin ausgetreten.“ Zu altbacken, zu konservativ, ein antiquiertes Familienbild, das habe ihm nicht gepasst. Krönauer wechselte zur FDP. Bei den Liberalen setzt er sich jetzt für die Gleichstellung Eingetragener Lebenspartnerschaften ein – und ist gegen Videoüberwachung, Vorratsdatenspeicherung und Internetzensur.

Der 38-Jährige stammt aus dem Bayerischen Wald und startete seine Karriere als Finanzbeamter. Inzwischen arbeitet er bei einem großen Münchner Versicherungskonzern und nebenbei als Steuerberater. Mit Zahlen kennt er sich aus. Sollte er den Sprung in den Bundestag schaffen, „würde ich gern in den Finanzausschuss“. Krönauer ist für die stufenweise Abschaffung des Solidaritätszuschlags und eine Vereinfachung des Steuerrechts. „Wir müssen die Ausnahmen entrümpeln“, fordert er. Das sagen zwar so ziemlich alle Parteien, „aber der Politik hat bislang der Mut gefehlt“, kritisiert der stellvertretende FDP-Kreisvorsitzende.

Krönauer scheut sich auch nicht, eine Gegenposition zu seinem FDP-Minister Martin Zeil zu vertreten: „Ich bin gegen den Bau der zweiten Stammstrecke“, sagt er, „und für den Südring.“ Ob er es nach Berlin schafft? Mit Platz 8 auf der Liste „sind die Chancen in meinen Augen sehr hoch“. Thomas Schmidt

Wer noch antritt

Piratenpartei: Politik anders machen als die Etablierten, Basisdemokratie und Transparenz, dafür steht Holger van Lengerich. Der Informatiker (41) wurde dreimal zum Chef des Kreisverbands gewählt. Eine seiner Forderungen ist ein Bürgerhaushalt, bei dem jeder mitbestimmen darf.

Die Linke: Oguz Lüle hat ein bewegtes Leben hinter sich. Laut seinen Angaben hat er in der Türkei 18 „vom Militärgericht zum Tode verurteilten“ Gefangenen zum Ausbruch verholfen und saß dafür drei Jahre hinter Gittern. 2007 gründete er ein freies Kulturzentrum in Haidhausen.

ÖDP: Klaus Buchner tritt sowohl für den Bundestag als auch für den Landtag an. Bis 2010 war er ÖDP-Bundesvorsitzender und damit der am längsten amtierende Bundeschef seiner Partei.

Bayernpartei: Als passionierte Qualmerin hat Christa Philipp präventiv tausende Unterschriften gegen ein Rauchverbot in Biergärten gesammelt. „Wir werden mehr und mehr entmündigt“, klagt sie die etablierten Parteien an.

BüSo: Erich Kaisersberger, Malermeister.

NPD: Karl Richter, Publizist.

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