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CSU-Legende: Trotzdem muss Peter Gauweiler das Direktmandat erobern, um im Bundestag zu bleiben.

Bundestagswahl 2013

Das sind die Kandidaten für München-Süd

München - Am 22. September ist Bundestagswahl. 916.913 Münchner sind dann aufgerufen, in vier Wahlkreisen ihre Stimmen abzugeben. Doch wen mit der Erststimme wählen? Das sind die Kandidaten im Wahlkreis 220 München-Süd.

CSU: Peter Gauweiler   

Was wurde nicht schon alles über ihn geschrieben. Schwarzer Peter wird er genannt, Querkopf, Euro-Rebell, Einzelkämpfer. Heute ein Freigeist, morgen Krawallmacher – je nachdem, wie der Wind sich dreht. Peter Gauweiler ist vor allem eins: Sich treu geblieben. Ohne Rücksicht auf Verluste.

Peter Gauweiler ist längst eine Legende der CSU – und trotzdem nicht über die Liste abgesichert. Wenn es ihm nicht gelingt, das Direktmandat im Münchner Süden zu erobern, ist er raus aus dem Bundestag. „Wenn ich abgewählt werde“, sagt er, „muss meine Frau sechs Wochen lang einen beleidigten Menschen ertragen.“ Zur Beruhigung von Frau Gauweiler soll gesagt sein: Bei der letzten Wahl stand ihr Peter saubere zehn Prozent vor seinem SPD-Konkurrenten Christian Vorländer.

Gauweiler ist ein politisches Phänomen. Kaum ein Anderer wird so oft in eine Schublade gesteckt, dabei kann er das selbst nicht ausstehen. „Ich wollte mich nie in Schablonen pressen lassen“, murrt er. „Die Gedanken sind frei!“ Seine waren stets so frei, dass er sich immer wieder mit der eigenen Partei anlegte. Er war gegen die Abschaffung der D-Mark, gegen Militäreinsätze im Irak und Afghanistan, gegen die Euro-Rettungsschirme. Gauweiler ist Stammgast bei den Verfassungshütern in Karlsruhe, ist streitlustig und selbst umstritten. Als er im Bundestag gegen den EU-Reformvertrag von Lissabon kämpfte, „habe ich gegen 610 Abgeordnete angeredet – da schlägt Ihnen eisige Ablehnung entgegen. Das ist hart“. Doch fragt man ihn, warum er trotz aller Härten so oft gegen den Strom rebelliert, taucht ein Schmunzeln unter Gauweilers weißem Schnurrbart auf. „Ehrlich gesagt“, flüstert er, „es macht mir so mehr Spaß.“

Bundestagswahl 2013: Ergebnisse finden Sie hier!

Bis heute hat der 64-Jährige einstige Ziehsohn von CSU-Übervater Franz Josef Strauß Spaß am Job. Gauweiler steht für niedrige Steuern, Law-and-Order-Politik, Euroskepsis und bayerisches Selbstbewusstsein. Warum man ihn wählen sollte? Der Rebell holt kurz Luft: „Wenn Sie wollen“, hebt er an, „dass die Euro-Rettung ein kritisches Gegengewicht hat, dass das Prinzip der Bürgerentscheide erweitert wird, dass jemand seine Überzeugungen nicht wie einen alten Hut an der Garderobe der Parteidisziplin abgibt, dann geben Sie mir bitte Ihre Stimme.“

Thomas Schmidt

SPD: Christian Vorländer  

Diesen markanten Typen kennen Sie irgendwoher? Das sagen viele. Die meisten kennen Christian Vorländer (39) aber nicht als Politiker, sondern als TV-Anwalt – aus der Sendung „Richter Alexander Hold“. Was soll’s, bekannt ist bekannt. „Viele kennen mich eben als Fernsehstar“, sagt er. Vorländer ist einer, der nicht von der Politik allein lebt. Er ist eben auch Schauspieler – und Rechtsanwalt, er führt eine eigene Kanzlei.

Trotzdem: Diesmal will er es unbedingt schaffen. Er will in den Bundestag, auch wenn ihn seine Partei nur mit dem Listenplatz 29 bedacht hat. 2009 unterlag er seinem Widersacher Peter Gauweiler mit fast zehn Prozent Abstand. Doch dieses Mal hat sich Vorländer was ausgedacht: Gerade hat er 500 Plakate im Design der Grünen geklebt. Auf den Plakaten wirbt er um die Erststimmen der Grünen-Wähler, die eigentlich Jerzy Montag gehören. Könnte er einen Großteil derjenigen, die 2009 Montag wählten, überzeugen, hätte er das Direktmandat. „Easy peasy“, wie er sagt. Abgesprochen mit den Grünen hat er die Kampagne nicht. Die sind jetzt ziemlich sauer.

Vorländer ist in Beirut im Libanon geboren, wo seine Eltern – beide evangelische Pfarrer – an einer theologischen Hochschule lehrten. 1981 floh die Familie vor dem Bürgerkrieg nach München. Eine Erfahrung, die ihn bis heute prägt: „Das Thema Frieden treibt mich um“, sagt er. „Wir brauchen Europa, wir haben Europa 60 Jahre Frieden zu verdanken.“ Die Eurodebatte sei da kleinkrämerisch. Kein SPDler fasse das Europa-Thema an, sagt er. Er schon.

Angela Merkel: Ein Porträt in Bildern

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Wichtig ist ihm der Kampf gegen Rechts. Seit 2010 ist Vorländer Mitglied der Weiße-Rose-Stiftung. Und: Er tritt ein für die Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften. Ein Stromlinientyp ist dieser Vorländer nicht. Er selbst sagt, er sei eine „starke, unabhängige Persönlichkeit“. Die Genossen haben ihn kürzlich wieder in den Vorstand der München-SPD gewählt.

Wenn es um den NSA-Skandal geht, wird Vorländer laut. Seine Forderungen: Deutschland müsse den direkten Konflikt mit den USA suchen – und Edward Snowden Asyl gewähren. Seine erste Amtshandlung im Bundestag, verspricht er: Einen Antrag stellen, damit das Parlament den Geheimdienst künftig besser kontrollieren kann.

Caroline Wörmann

Grüne: Jerzy Montag   

Ob Jerzy Montag (66) wieder in den Bundestag kommt, wird nicht durch die Erststimmen entschieden. Ein Grüner, das ist schließlich eine der Weisheiten, die in Bayerns Politik immer noch gilt, landet in keinem Stimmkreis auf Platz eins. Und doch führt der Rechtspolitik-Experte einen engagierten Wahlkampf in München. 12 500 Menschen haben ihm bei der Wahl 2009 ihre Stimme gegeben, das weiß er genau. „Denen will ich symbolisieren, dass es mir nicht egal ist.“

Wie sollte irgendwer glauben, dass Montag, dem Überzeugungs-Politiker, irgendetwas egal ist. Montag, der seit Jahren für ein Gesetz kämpft, das Abgeordneten-Bestechung unter Strafe stellt, der der Meinung ist, dass die Union ihre Ideen zum Mieterschutz von ihm geklaut hat, Montag, dem das deutsch-israelische Verhältnis eine wahre Herzenssache ist.

Der Mann hat Prinzipien und kämpft nicht um die Stimmen der Mehrheit, das zeigt sich auch im Stimmkreis. Wie kürzlich, als er mal wieder mit seinem alten Kontrahenten Peter Gauweiler auf einem Podium saß. Gauweiler kennt er seit Studienzeiten – „er hat Flugblätter verteilt für den RCDS und ich daneben für die linke Fachschaft“. Auf dem Podium, erzählt Montag, habe Gauweiler sich einen „billigen Applaus“ holen wollen. „Eine Politik, die nicht mehr zwischen wir und die unterscheiden kann, hat es nicht verdient, gewählt zu werden!“, habe Gauweiler gerufen. Er, Montag, habe sich gemeldet und gesagt: „Das Auseinanderdividieren von wir und die ist Politik von gestern.“ Es komme darauf an, das Leben für alle fair zu gestalten. „Wir leben doch in einem bunten Land!“

Montag regt sich darüber auf, dass Schwarz-Gelb die Bestechung von Abgeordneten nicht schärfer bestrafen wolle. Wichtig ist ihm auch der Verbraucherschutz. Federführend hat er einen Gesetzentwurf erarbeitet, mit dem Sammelklagen auf Schadensersatz erleichtert werden sollen.

Ob er weiter im Bundestag um seine Ideen werben kann, ist fraglich. Seine Partei hat den Anwalt bei der Listenaufstellung durchfallen lassen. Der in Berlin hochgeschätzte Montag steht nur auf Platz 16 der Landesliste. 15, 16 Prozent müssten die Grünen holen, damit er erfolgreich wäre. „Politik ist grausam“, hat die linke „Taz“ das kommentiert, die Montag einmal als „ministrabel“ bezeichnet hat. Er selbst hält einen Wiedereinzug für „ambitioniert-realistisch“ . Bei allem Respekt vor den Erststimmenwählern: „Es geht um die Stärkung der Fraktion.“ Diesmal ist das auch für ihn persönlich entscheidend.

Felix Müller

FDP: Randhir Dindoyal  

Frische Energie aus dem Süden will Randhir Dindoyal (38) in den Bundestag bringen. Der Kandidat der FDP München-Süd scheut sich nicht, Klartext zu reden. Auch wenn er wisse, dass er sich als Mitglied im Bezirksausschuss 19 mit seiner Forderung nach Nachverdichtung auch in Münchens Gartenstädten – immerhin wohnt er selbst in Solln – nicht nur Freunde mache. „Wir müssen alle zusammenrücken, wenn wir mehr Wohnraum schaffen wollen.“ Wenig Verständnis hat er für Politik-Kollegen, „die den Menschen nur nach dem Mund reden“. Ebenso wenig für das „Mia-san-mia“, das oft transportiert werde. „Eine Großstadt wie München sollte sich immer wieder neu erfinden“, sagt er. Der Vater von zwei Töchtern ist „immer offen für Neues“. Die Idee Europas trage er gerne mit – „ohne jedoch sein Schicksal an das des Euro zu knüpfen“. Bewegung will Dindoyal in die deutsche Arbeitsmarktpolitik bringen. Vor allem der starre Kündigungsschutz hemme den Arbeitsmarkt. Überfrachtet findet er den Sozialstaat, der zu oft Bonbons verteile, statt andere wichtige Säulen zu stärken: innere und äußere Sicherheit und eine funktionierende Rechtsprechung. Als Rechtsanwalt versucht er, seinen Teil dazu beizutragen.

do

Freie Wähler: Martin Blasi

Offen und pragmatisch: Das sei seine Art, sagt Martin Blasi. Der 45-jährige Mathematiker, der als Anwendungsentwickler bei der Bayerischen Landesbank arbeitet, kandidiert für den Bundestag im Wahlkreis München-Süd für die Freien Wähler.

Ursprünglich kommt Blasi aus der Landshuter Gegend. Bei einem Unfall auf dem Bauernhof seiner Eltern verlor er als Kind ein Bein, seither sitzt er im Rollstuhl. Als er zehn Jahre alt war, zog seine Familie nach München. „Ich bin traditionell verwurzelt, aber auch ein Großstadtmensch“, sagt Blasi. „Ich denke, ich kenne das ganze Spektrum in der Gesellschaft.“

Der Bundestags-Wahlkampf 2013

Der Bundestags-Wahlkampf 2013

Seine Themen im Wahlkampf: Die Durchsetzung kommunaler Interessen auf Bundesebene – und die Eurorettung. „Es muss eine breite Debatte darüber geben, wie damit umgegangen wird, wenn Italien pleite ist“, fordert er.

Blasi ist erst seit zwei Jahren bei den Freien Wählern aktiv. Im Stimmkreis München-Süd dürfte der Kandidat deshalb noch nicht allzu bekannt sein. Mit Info-Ständen vor Ort will er nun auf sich aufmerksam machen. „Das Volksbegehren zu G8 oder G9 ist ein gutes Thema, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen“, sagt er. Dass sein Einzug in den Bundestag – er steht auf Listenplatz 37 – eher unwahrscheinlich ist, sieht er ganz realistisch: „Allzu große Chancen rechne ich mir nicht aus“, sagt er und lacht.

Wer noch antritt

Sieben weitere Bewerber stellen sich zur Wahl für das Direktmandat im Münchner Süden. Die Linke schickt die gebürtige Münchnerin Nicole Gohlke (37) ins Rennen. Die Kommunikationswissenschaftlerin sitzt bereits im Bundestag – und hat auf Platz 3 der Landesliste durchaus Chancen, wieder ins Parlament einzuziehen. Für die Piraten tritt der Diplom-Physiker Nikolaus Jaroslawski (53) an, der sich auch „Geldpirat“ nennt. Durch das Rauchverbot in Bayern im Jahr 2010 ist Sebastian Frankenberger (32) bekannt geworden. Nun geht der gebürtige Passauer für die ÖDP als Spitzenkandidat ins Rennen. Im Münchner Süden kämpft Frankenberger um das Direktmandat. Für die Bürgerrechtsbewegung Solidarität (BüSo) geht die Fremdsprachenkorrespondentin und stellvertretende Landesvorsitzende Christa Kaiser (60) an den Start. Die erst im Frühjahr 2013 gegründete Anti-Euro-Partei „Alternative für Deutschland“ (AfD) hat den Wirtschaftsprüfer und Steuerberater André Röhm (52) für die Wahl nominiert. Für die NPD tritt die Fremdsprachensekretärin Renate Werlberger an.

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