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Wagenknecht schwänzt Linke-Sitzung und attackiert eigene Partei - „Grüner als die Grünen“

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Von: Andreas Schmid

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Die Linke gehört zu den großen Verlierern der Bundestagswahl. Sahra Wagenknecht fordert daher ein elementares Neudenken innerhalb der Partei.

Berlin - Die Linke am Tag der Bundestagswahl eine Zitterpartie durchlitten: Die Partei rutschte mit 4,9 Prozent der Stimmen unter die Fünf-Prozent-Hürde, die eigentlich den Eintritt in den Bundestag regelt. Aufgrund der sogenannten Grundmandatsklausel ist die Linke dennoch im Bundestag vertreten, weil sie sich die erforderlichen drei Direktmandate sicherte.

Zufrieden kann die Partei freilich nicht sein. 2017 war die Linke noch auf 9,2 Prozent gekommen. Zwei Tage nach der Bundestagswahl begann die stark geschrumpfte Fraktion nun mit der Aufarbeitung der Wahlschlappe - ohne Sahra Wagenknecht.

Bundestagswahl: Wagenknecht rügt Kurs der eigenen Partei - „grüner als die Grünen“

Wagenknecht, die über die Landesliste in den Bundestag eingezogen ist, nahm an der konstituierenden Sitzung nicht teil. Stattdessen kritisierte sie den Wahlkampf ihrer Partei. In der Welt monierte sie den ihrer Meinung nach zu starken Fokus auf ein rot-grün-rotes Bündnis mit SPD und Grünen. Zwar sei das Signal, die Linke sei bereit, in einer Regierung „des sozialen Zusammenhalts“ mitzuarbeiten, und der Fokus auf soziale Themen richtig gewesen. „Aber die wenig selbstbewusste Art, uns wieder und wieder bei SPD und Grünen als Koalitionspartner anzudienen, obwohl von beiden Parteien fast nur abweisende Reaktionen kamen, hat uns sicher nicht attraktiver gemacht“. Zudem habe man versucht, „grüner als die Grünen“ zu wirken, etwa in puncto Klimapolitik. „Wenn wir überziehen, nehmen die Leute uns aber nicht mehr ernst.“

Sahra Wagenknecht
Sahra Wagenknecht war für die Linke nordrhein-westfälische Spitzenkandidatin für den Bundestag. © Martin Schutt/dpa

Diese Kritik bekräftigte die frühere Fraktionschefin auch im MDR. Man dürfe „nicht versuchen, die Grünen zu überholen“, sagte Wagenknecht bei „MDR Aktuell“. Das sei nicht glaubwürdig. Das Thema Glaubwürdigkeit spielt laut der gebürtigen Thüringerin auch beim Umgang mit Rot-Grün-Rot eine Rolle. Wenn eine Partei wie die Linke immer intensiver mit diesem Bündnis flirte und nur noch davon spreche, dann dränge sich in der Bevölkerung der Eindruck auf, man wolle mit aller Macht regieren. Die Menschen stellten sich dann die Frage: „Wer weiß, ob die dann überhaupt noch zu ihren Positionen stehen?“

„Wir müssen so sprechen, dass uns normale Menschen verstehen.“

Linke-Politikerin Sahra Wagenknecht.

Sahra Wagenknecht: „Die Linke läuft Gefahr, in die politische Bedeutungslosigkeit zu rutschen“

Darüber hinaus kritisierte Wagenknecht einen generellen Wandel innerhalb ihrer Partei. Man verliere den Kontakt zur eigentlichen Klientel. „Es gibt eine ganze Reihe von Umfragen, in denen gerade die Menschen, die nicht in Großstädten wohnen und nicht akademisch gebildet sind, sagen: Die Linke ist nicht mehr meine Interessensvertretung.“ Menschen im Niedriglohnsektor sowie Rentner habe die Linke zuletzt zu stark außer Acht gelassen. „Wenn viele von diesen Leuten das Gefühl haben, dass ihre Probleme nicht mehr ernst genommen werden, ist das etwas, was wir sehr ernsthaft zur Kenntnis nehmen müssen.“

Man dürfe nicht mit dem Zeigefinger auf andere deuten, denn „wenn Leute das Gefühl haben, Linke wollen sie belehren statt ihnen zuzuhören, dann wenden sie sich ab.“ Das sei ein langfristiger Prozess, den es nun aufzuhalten gelte. „Wir sind dringend dazu angehalten, das zu korrigieren, weil sonst die Linke Gefahr läuft, in die politische Bedeutungslosigkeit zu rutschen.“ Ohne den Begriff Gendern in den Mund zu nehmen, nannte Wagenknecht als Gegenmaßnahme etwa: „Wir müssen so sprechen, dass uns normale Menschen verstehen.“

Die Linke: Wagenknecht auf Konfrontationskurs - „das sollten wir so nicht weiter machen“

Wagenknecht, Ehefrau des früheren Linkenchefs Oskar Lafontaine, hatte zuletzt immer wieder Kritik an ihrer eigenen Partei geübt. Im April 2021 veröffentlichte sie das nicht nur bei den Linken viel beachtete Buch „Die Selbstgerechten“. In dem Bestseller wirft sie der Linkspartei vor, mit Gender-, Klima- und Bio-Essen-Debatten ihre Kernwähler zu verprellen. Einige in der Linken strebten daraufhin Wagenknechts Parteiausschluss an, da sie der Partei „schweren Schaden“ zugefügt habe.

In dem Buch spricht Wagenknecht auch von „Lifesytle-Linken“, in deren Mittelpunkt „nicht mehr soziale und politökonomische Probleme stehen, sondern Fragen des Lebensstils, der Konsumgewohnheiten und moralische Haltungsnoten“, wie Wagenknecht schreibt. Die 52-Jährige finde es zwar gut, dass etwa akademische geprägte Studenten die Partei wählen würden. „Aber die Linke ist gegründet worden als eine Partei für Arbeitnehmer, kleine Selbstständige, Ältere und vor allem für Menschen, die nicht auf der Sonnenseite des Lebens stehen. Und nicht primär eine Partei für ein Studi-Milieu in den Großstädten.“ Man müsse aufpassen, nicht immer nur über Themen zu sprechen, die „für viele Menschen an ihren existenziellen Lebensproblemen vorbeigehen“. Wagenknechts Forderung: „Das sollten wir so nicht weiter machen.“ (as)

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