Interview Staatssekretär im Verteidigungsministerium

20 Jahre war die Bundeswehr am Hindukusch im Einsatz: Rückzug zwischen Sorge und Stolz

  • Christian Deutschländer
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20 Jahre war die Bundeswehr am Hindukusch im Einsatz. Nun endet, von der deutschen Öffentlichkeit kaum beachtet, der aufwändigste Einsatz der Nachkriegsgeschichte.

München - Tausende Tonnen Material werden nach Deutschland geflogen, bis September sollen alle gut 1000 Soldaten wieder zuhause sein. Über den Rückzug – Kapitulation? Erfolg? Ernüchterung? – sprechen wir mit dem Staatssekretär im Verteidigungsministerium, Thomas Silberhorn (52, CSU).

Viele Menschen fragen sich: Was hat der Aber-Milliarden-teure Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan gebracht?
Das ursprüngliche Ziel war: Von Afghanistan darf keine Gefährdung mehr durch Terroranschläge für uns und unsere Partner ausgehen. Dieses Ziel ist erreicht. In den letzten Jahren haben wir uns auf die Ausbildung und Beratung der afghanischen Streitkräfte konzentriert. Auch dieser Auftrag des Bundestags ist erfüllt. Wir verlassen Afghanistan mit einigem Stolz.
Rückwärtsgang: Ein Bundeswehr-Hubschrauber wird nach Deutschland geflogen.
Sagt der Staatssekretär. Aber sagt der erfahrene Außenpolitiker in Ihnen nicht auch: Der internationale Rückzug ist zu früh?
Wir reden über ein Land, in dem seit 40 Jahren Bürgerkrieg herrscht. Als der internationale Einsatz Ende 2001 begonnen hat, waren manche Ziele idealistisch...
...Demokratie nach West- Muster, Frieden, Freiheit...
So ist es. Militärische Einsätze brauchen ein realistisches Ziel. Streitkräfte können nur den äußeren Rahmen setzen für einen Versöhnungsprozess in der Gesellschaft. Vieles, was militärisch möglich war, haben wir und die internationalen Partner erreicht. Aber ich weiß, es bleiben Fragen offen. Im Rückblick wird die Bewertung davon abhängen, was von unserem Engagement Bestand hat.
Sie haben oft Kontakt mit Soldaten im Einsatz: Wie fühlt es sich an, jetzt abgezogen zu werden? Erleichternd? Frustrierend?
Es sind gemischte Gefühle, so nehme ich das wahr. Erleichterung über das Ende, auch Zufriedenheit mit den Erfolgen gerade bei der Ausbildung. Die Bundeswehr hat viel gelernt in diesem Einsatz. Auf der anderen Seite haben viele Soldatinnen und Soldaten schon die Sorge, dass eine Rückkehr der Taliban an die Macht viele Bemühungen dieser 20 Jahre zunichtemachen würde. Das belastet vor allem die Familien der 59 gestorbenen Soldaten.
Nun läuft die Rückverlegung. Wie viel Tonnen fliegen Sie nach Hause?
Wir rechnen in Container-Äquivalenten. 600 verlegen wir noch zurück. Das ist eine riesige Herausforderung, auch weil wir den Schutz unserer Kräfte verstärken.
Staatssekretär Thomas Silberhorn bei einem Besuch in Afghanistan 2019.
Der Militärpfarrer bringt seine Taufschale nach Hause. Aber auch die Truppe ihre Fahrzeuge und Hubschrauber. Sagen Sie Laien: Wie geht das?
Da läuft eine logistische Meisterleistung. Das Material wird verladen und ausgeflogen – vor allem mit Antonov-Maschinen, den größten Transportflugzeugen der Welt.
Was verbleibt in Afghanistan, wird vielleicht sogar verschenkt?
Die afghanischen Streitkräfte haben Interesse, das Bundeswehr-Camp Marmal in Masar-e-Sharif zu übernehmen. Zivile Güter verwerten wir vor Ort. Wenn der Rücktransport teurer wird als der Restwert, lohnt sich das für uns nicht.
In der Truppenküche von Camp Marmal: Angela Merkel im März 2012.
Seien wir ehrlich: Dauert es drei Wochen oder drei Monate, bis die Taliban dann das Camp überrennen und ausschlachten?
Ich hoffe insgesamt, dass die afghanischen Streitkräfte dem Druck der Taliban standhalten. Was sich sicher verändern wird nach einer Übergabe: Unsere Lebensweise in diesem Feldlager werden die Afghanen nicht übernehmen. Wir werden weiter Kontakt halten und beraten. Aber die Infrastruktur, von Wasser bis Strom, wird in dieser Form nicht weiterbestehen.
Sie standen selbst am Ehrenhain in Masar-e-Sharif, dem Gedenkort für die getöteten deutschen Soldaten. Was passiert damit?
Wir haben beim Einsatzführungskommando bei Potsdam einen Wald der Erinnerung. Der Ehrenhain wird dort wieder aufgebaut und der Gedenkstein aus dem Camp dorthin verlegt. Das Gedenken ist für alle Soldaten eine hochemotionale Frage, das nehmen wir sehr ernst.
Welches Erlebnis in Afghanistan werden Sie nicht vergessen?
(denkt lange nach) Am meisten hat mich immer wieder der Flug über den Hindukusch beeindruckt – die Weite dieses zerklüfteten Landes aus der Luft zu erleben. Dieser Gebirgszug prägt das Land, die Bevölkerung lebt oft in den schwer erreichbaren Tälern. Wer das sieht, versteht allmählich, wie extrem schwierig die Zusammenarbeit der vielen Ethnien und Stämme sein muss. Und dass es kaum möglich ist, die Verhältnisse in diesem Land nur zentral von Kabul aus zu steuern.

Interview: Christian Deutschländer

Rubriklistenbild: © Jan Woitas/dpa

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