+
Ein Soldat, der zum Hauptkontingent der "Patriot"-Raketenabwehrstaffel gehört wartet am militärischen Teil des Flughafen Tegels in Berlin mit einem Plüschtier am Rucksack auf den Abflug in die Türkei

Jahresbericht der Bundeswehr

Soldaten "überlastet" und "verunsichert"

Berlin - Die Soldaten sind "überlastet" und "verunsichert". So fasste der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus im Jahresbericht die aktuelle Lage im Heer zusammen. Auch die Zahlen sind besorgniserregend.

Zu viele Auslandseinsätze und schmerzhafte Reformen: Der Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus hält die Bundeswehr für überlastet und tief verunsichert. „Eine Verbesserung der Stimmung in der Truppe zeichnet sich nicht ab“, erklärte er am Dienstag bei der Vorstellung seines Jahresberichts.

Der „Anwalt der Soldaten“ beklagte auch „gravierende Mängel“ bei der Führung der Truppe, unzureichende Unterstützung für Soldatenfamilien und fehlendes Personal für die Betreuung traumatisierter Soldaten. Er warnte angesichts der düsteren Bestandsaufnahme vor übermäßigen Kürzungen im Verteidigungshaushalt.

Der Wehrbeauftragte des Bundestags wertete in seinem Jahresbericht rund 4500 Beschwerden von Soldaten und Erfahrungen von zahlreichen Truppenbesuchen aus. Bereits im vergangenen Jahr hatte er die Unzufriedenheit in der Truppe nach der im Frühjahr 2010 in die Wege geleiteten Bundeswehrreform festgestellt. Bei diesem Urteil blieb er auch in seinem aktuellen Bericht.

Gründe für den Frust der Soldaten sind vielfältig

„Insbesondere die Dienst- und Einsatzbelastung hat vielfach die Grenze der Belastbarkeit erreicht, teilweise bereits überschritten“, erklärte Königshaus. Als Gründe für den Frust in der Truppe nannte er unter anderem Standortschließungen und die Ungewissheit der Soldaten über die eigene berufliche Zukunft. 70 Prozent seien Wochenendpendler. Zusätzlich würden sie oft wochenlang abkommandiert oder müssten monatelang in Auslandseinsätze. Dies führe zu überdurchschnittlich hohen Trennungs- und Scheidungsraten.

Das Ziel, den Soldaten nach vier Monaten im Ausland 20 Monate Einsatzpause zu gewähren, sei auch nach der Bundeswehrreform nicht durchgängig zu erreichen. Führungsversagen sieht der Wehrbeauftragte nicht nur im Umgangston, sondern auch bei der Ahndung von Dienstvergehen, bei der teilweise zweierlei Maß angewandt werde.

50 sexuelle Übergriffe - allein im vergangenen Jahr

Die Zahl rechtsextremistischer Vorkommnisse bei der Bundeswehr ist nach Jahren des Rückgangs 2012 wieder leicht gestiegen. 67 Vorfälle mit Verdacht auf einen rechtsextremen Hintergrund wurden gemeldet, im Jahr zuvor waren es 63 gewesen. Das war der niedrigste Stand seit Anfang der 90er Jahre. Bis 2009 wurden Jahr für Jahr noch mehr als 100 rechtsextremistische Vorkommnisse bei der Bundeswehr registriert.

Auch 50 sexuelle Übergriffe wurden im vergangenen Jahr gemeldet. Vergewaltigungen stellten aber „die absolute Ausnahme“ dar, betonte Königshaus. Bei der überwiegenden Anzahl der Taten handele es sich um unangemessene Berührungen und verbale sexuelle Belästigungen.

Positiv bewertete der Wehrbeauftragte Verbesserungen bei der Ausrüstung der Truppe im Einsatz. Dies habe dazu beigetragen, dass in Afghanistan seit Mitte 2011 kein deutscher Soldat mehr getötet wurde. Auch die Versorgung Verwundeter lobte Königshaus. Allerdings bemängelte er, dass die Behandlung traumatisierter Soldaten weiterhin zu wünschen übrig lasse. Noch immer fehle es an Psychologen und Psychotherapeuten, während die Zahl traumatisierter Soldaten im vergangenen Jahr auf einen Höchststand gestiegen sei.

dpa

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

EU-Ostgipfel: Partner bekommen keine EU-Beitrittsperspektive
Die schwierigen Brexit-Verhandlungen und die deutsche Regierungskrise überschatten den EU-Ostgipfel in Brüssel. Vor allem der ukrainische Präsident Poroschenko hätte …
EU-Ostgipfel: Partner bekommen keine EU-Beitrittsperspektive
Trump und Erdogan sprechen über Syrien
Zwei Tage nach dem Gipfel in Sotschi zum syrischen Bürgerkrieg hat US-Präsident Donald Trump mit Recep Tayyip Erdogan telefoniert. Anschließend ging er golfen.
Trump und Erdogan sprechen über Syrien
G36-Nachfolge: Sig Sauer zieht sich aus Ausschreibung zurück
Nach der jahrelangen Affäre um das Sturmgewehr G36 gibt es nun Ärger bei der Suche nach einer Nachfolgewaffe. Der Hersteller Sig Sauer schert aus dem Vergabeverfahren …
G36-Nachfolge: Sig Sauer zieht sich aus Ausschreibung zurück
Lehrerverband: Islamunterricht in Bayern muss raus aus der Nische
Der Bayrische Lehrerverband hat einen flächendeckenden Islamunterricht an allen Schularten gefordert. Ein entsprechender Modellversuch läuft 2019 aus.
Lehrerverband: Islamunterricht in Bayern muss raus aus der Nische

Kommentare