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Helmut Schmidt 1940 als Leutnant der Luftwaffe. Dieses Foto mussten Studenten entfernen.

Soldaten-Liederbuch gestoppt

Bundeswehr-Uni lässt dieses Bild von Helmut Schmidt abhängen

Hamburg - In der nach Helmut Schmidt benannten Bundeswehruniversität Hamburg ist ein Bild des Altkanzlers entfernt worden, das ihn in Wehrmachtsuniform zeigte. Auch die Ausgabe eines Bundeswehr-Liederbuches wurde gestoppt.

„Die Vorgesetzten haben die Studenten angewiesen, das Bild abzuhängen“, sagte ein Sprecher der Helmut-Schmidt-Universität am. Hintergrund ist der von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) angeordnete neue Umgang der Bundeswehr mit ihrer Tradition. Zuerst hatte der „Focus“ berichtet.

Kasernen werden nach Wehrmachts-Andenken durchsucht

Nach der Affäre um den rechtsextremen Soldaten Franco A. will von der Leyen die Truppe verändern. Dazu gehört auch die Überarbeitung des sogenannten Traditionserlasses von 1982. Dabei handelt es sich um ein umstrittenes Regelwerk, das seit mehr als 30 Jahren nicht mehr angetastet wurde. Es hält fest, wie die Bundeswehr mit ihren historischen Ursprüngen umgehen soll. Derzeit werden Kasernen nach Wehrmachtsandenken - etwa Stahlhelme oder Gewehre - durchsucht. „Davon sind auch wir nicht ausgenommen“, sagte der Hochschulsprecher.

Helmut Schmidt starb im November 2015.

Der Sprecher wies darauf hin, dass das Konterfei des 2015 gestorbenen Ehrenbürgers Hamburgs bereits seit Jahren in dem Flur des Studentenwohnheims hing. Es sei aufgehängt worden, lange bevor die heute studierenden Soldaten an der Universität angefangen hätten. 

Helmut Schmidt war von 1939 bis 1945 Soldat. Dabei kämpfte er an der Ostfront in einer Panzerdivision, war als Referent für Ausbildungsvorschriften dem Oberkommando der Luftwaffe zugeteilt und zuletzt an der Westfront als Oberleutnant und Batteriechef eingesetzt.

Kritik an Bild-Abhängung

„Dieses Beispiel beweist, dass die Ministerin Maß und Mitte verloren hat und die Truppe tief verunsichert“, sagte der SPD-Verteidigungsexperte Rainer Arnold der „Bild“-Zeitung (Samstag). Einen Kanzler in Wehrmachtsuniform zu zeigen, der vielfach seine Zeit als Soldat kritisch und klug kommentiert habe, sei die beste Art, die Vergangenheit des Militärs unter Hitler aufzuarbeiten. „Unter dieses Bild ein Zitat von Helmut Schmidt - besser kann man nicht zeigen, wie junge Menschen in Hitlers Armee missbraucht worden sind und oft auch zu Tätern wurden“, betonte Arnold.

Ausgabe von Liederbuch "Kameraden singt!" gestoppt

Von der Leyen (CDU) ließ außerdem die Ausgabe des Bundeswehr-Liederbuches mit Stücken wie "Schwarzbraun ist die Haselnuss" stoppen. "Im Rahmen des kritischen und sensiblen Umgangs mit den Inhalten wurde erkannt, dass einige Textpassagen nicht mehr unserem Werteverständnis entsprechen", sagte ein Ministeriumssprecher den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND).

Besonders in der Kritik stehen in dem Liederbuch "Kameraden singt!" enthaltene Stücke wie "Schwarzbraun ist die Haselnuss", das "Panzerlied" oder "Das Westerwaldlied". Sie wurden dem Ministerium zufolge in der NS-Zeit und während des Zweiten Weltkriegs als Ausdruck nationalsozialistischer Überhöhung missbraucht. Zudem finden sich in dem Liederbuch Kompositionen und Texte von NS-Ideologen.

Nach Angaben des Ministeriums wurde das Streitkräfteamt beauftragt, eine völlig neue Form des Liederbuches zu entwickeln. "Alle derzeitig im Liederbuch erfassten Lieder werden unter Einbindung des Zentrums für Innere Führung und des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr erneut kritisch und auch sensibel betrachtet", teilte das Ministerium den RND-Zeitungen mit.

Im laufenden Haushaltsplan des Ministeriums hieß es bislang, "dass an jede Soldatin und an jeden Soldaten auf Wunsch ein Liederbuch der Bundeswehr unentgeltlich abgegeben wird". Die Auflage des seit 1991 unveränderten Liederbuches umfasst 100.000 Exemplare, von denen noch etwa ein Zehntel verfügbar ist.

Bislang war das Singen der Lieder in der Bundeswehr ausdrücklich erlaubt. Im Traditionserlass der Bundeswehr, in dem die Regeln zur Traditionspflege in der Truppe festgelegt werden, heißt es: "Das Singen in der Truppe ist ein alter Brauch, der bewahrt werden soll. Das Liedgut ist im Liederbuch der Bundeswehr zusammengestellt."

Von der Leyen unbeliebter

Nach der Enttarnung des ehemaligen Oberstleutnants Franco A. als mutmaßlichen Rechtsterroristen hat Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen deutlich an Beliebtheit eingebüßt. Im neuen ARD-Deutschlandtrend gaben 38 Prozent der Befragten an, sie seien zufrieden oder sehr zufrieden mit der Arbeit der CDU-Politikerin - ein Minus von 16 Prozentpunkten gegenüber April. 58 Prozent sind weniger beziehungsweise gar nicht zufrieden, wie die am Donnerstag veröffentlichte Umfrage von Infratest-dimap zeigt.

Laut Deutschlandtrend ist auch das Vertrauen in die Bundeswehr geschrumpft: Aktuell haben 49 Prozent sehr großes oder großes Vertrauen in die Bundeswehr. Im Juli 2016 waren es noch 59 Prozent. 65 Prozent der Befragten sind der Auffassung, dass es der Bundeswehr an Führung und Kontrolle fehlt; 25 Prozent teilen diese Auffassung nicht. 35 Prozent glauben, dass rechtsradikales Gedankengut in der Bundeswehr mehr verbreitet ist als im Rest der Gesellschaft; 58 Prozent glauben das nicht.

dpa/afp

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Kommentare

anno2015Antwort
(0)(0)

...und erst die Jahrbücher des Dt.Bundestages zu säubern.
Allein die Bilder der Ritterkreuzträger und hochdekorierten Offiziere herausschnipseln - viel Arbeit
für die ´Freunde der Kulturrevolution´.
>zwinker<

cashmerewolleAntwort
(0)(0)

Herr General, melde gehorsamst, der Filbinger hatte noch nach der Kapitulation als "furchtbarer" Marinerichter in Norwegen einen Matrosen wegen Entfernens von der Truppe zum Tode verurteilt; - eine Strafe, die dann auch umgehend vollstreckt wurde.
Frage: was haben eigentlich solche Leute auf den Bildergalerien in den Kasernen der Bundeswehr zu suchen?

KosmokatzeAntwort
(1)(0)

Zum Erhalt der Fitness bis ins hohe Alter hat er ja eine Geheimwaffe besonderer Art ... haha ...
Demnächst springt er dann aber in der LL LT nur noch über den Oxer.