1. Startseite
  2. Politik

Internetforen wie „Bunkerchan“ versuchen Online-Nazis zu deradikalisieren - mit völlig neuen Taktiken

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Foreign Policy

Kommentare

Ein Mann schreibt auf der Tastatur eines Laptops.
Aktivisten gehen gegen Rechtsextreme im Netz vor - mit neuen Methoden. (Symbolbild). © Fabian Sommer/dpa

Rechtsextreme Seiten vermehren sich zwar, doch Aktivisten dringen in ihr Revier ein. Um Online-Nazis zu deradikalisieren, gehen sie geschickt vor.

Washington - „Dollars“ ist bescheiden, wenn man ihn nach dem Einfluss seines Forums auf Besucher von 4chan oder 8chan fragt. „Ich denke, dass gute 15 % vielleicht etwas lernen, nochmal drüber nachdenken.“ Er wird ein wenig optimistischer: „Vielleicht sogar 30 %.“

Dollars, der zu seiner eigenen Sicherheit anonym bleiben möchte, ist seit langer Zeit auf einigen der umstrittensten Seiten im Internet aktiv. Seit mehr als 15 Jahren sind 4chan und seine Ableger dafür bekannt und später berüchtigt, dass sie Top-Domains im Internet besetzen. Die Imageboards bieten alle möglichen Arten der Gemeinschaft für Millionen von jungen Männern (und wenigen Frauen) weltweit. Von Pornos bis Politik, von Anime bis Okkultismus – die Imageboards ermöglichen es den Nutzern, anonym miteinander zu chatten und Bilder auszutauschen.

„Bunkerchan“ will Online-Nazis deradikalisieren: Tauziehen um rechtsradikale Internetseiten

4chan und die anderen „Chans“ sind mit der chaotischen Geschichte des Internets verwoben. Sie sind der Ursprung der Aktivistengruppe Anonymous. Am laufenden Band wurden hier sowohl Memes von Katzen als auch Kinderpornografie produziert. 4chan war auch der Geburtsort der QAnon-Verschwörungsbewegung, während 8chan für deren Ausdehnung eine maßgebliche Rolle spielte. Beide trugen dazu bei, die Incel-Bewegung zu nähren (ein Kofferwort aus „involuntary celibate“, zu Deutsch: „unfreiwilliges Zölibat“).

Als 8chan zum Hotspot für Amokläufer und Inlandsterroristen wurde, die auf der Seite ihre Manifeste und Verbrechen hochluden, gab es Forderungen, die Seite vom Netz zu nehmen – von wem genau, war nicht eindeutig, aber es folgte rasch eine Debatte über die Aufhebung von Abschnitt 230 des US-amerikanischen Internetgesetzes. Auf der anderen Seite wurden die Chans als freie Meinungsäußerung verteidigt, deren Sprache man zwar verabscheuungswürdig findet, die aber trotzdem geschützt werden sollte. Dieses Tauziehen geht weiter.

Problematische Online-Websites sperren? „Dollars“ hat Lösung für Problem parat

Die größte Wirkung hatten letztlich jedoch die „Einheimischen“ des Internets, die Druck auf die Internet-Provider ausübten, 8chan zu sperren. Zumindest zeitweise.

Dieses Vorgehen wiederholte sich inzwischen für eine Reihe von problematischen Online-Websites: für die Neo-Nazi-Website The Daily Stormer, die Twitter-Klone Parler und Gab sowie für eine Reihe von QAnon-Fanseiten. Sie alle wurden ins Visier und vom Netz genommen, nur um dann mithilfe eines ideologisch nahestehenden Webhost wieder aufzutauchen, teilweise außerhalb der US-amerikanischen Gerichtsbarkeit. Und sie bringen immer noch wütende, radikalisierte junge Männer hervor.

Dollars hat vielleicht teilweise einer Lösung hierfür parat – und sie kommt von 8chan selbst, von einem Board, das bis zum letzten Jahr eine tragende Säule der Seite war: Bunkerchan. Was 8chan für rechtsextreme Politik ist, ist Bunkerchan für Marxismus und linke Themen. Dollars, der Bunkerchan betreibt, und seine Mitstreiter werfen eine interessante Möglichkeit auf: Kann Online-Radikalisierung durch altmodische politische Diskussion verhindert werden?

Rassistische und verschwörerische Kommentare verschwinden von Facebook - hin zu anderen Seiten

In den letzten Jahren wurden Kommentatoren, die rassistische, fremdenfeindliche, transphobe, antisemitische und verschwörerische Ansichten verbreiten, auf Seiten wie Facebook, Twitter und anderen zunehmend verbannt oder unerwünscht und fanden Zuflucht auf 4chan und 8chan. Obwohl beide Seiten früher politisch sehr vielfältig waren, sind die Nutzer, die keine Lust auf rechtsextreme Politik haben, jüngst geflohen, wodurch die ideologische Gleichförmigkeit nur noch verstärkt wurde. Das /leftypol/-Board hielt länger durch als die meisten anderen. Aber das zunehmend toxische Umfeld zwang sie, gepaart mit einer Reihe von Dienstunterbrechungen, schließlich dazu, ihre eigene Website zu erstellen: Bunkerchan.

Bunkerchan sieht seinen Vorgängern ziemlich ähnlich. Der große Unterschied ist das Logo: Zwei Kränze umgeben drei graue, runde Bunker, darüber ein rot-schwarzer Stern. „Willkommen in Albanien“, wird auf der Landing-Page verkündigt. Dollars erklärt, der Slogan sei eine Anspielung auf Enver Hoxha, das langjährige Oberhaupt des kommunistischen Staates inmitten eines ideologischen Zerwürfnisses mit der Sowjetunion. Hoxha baute über 170.000 Bunker in ganz Albanien, um sich gegen eine Invasion von außen zu schützen, und die Bunker sind heute ein beliebtes Meme in stark linken Internetforen.

Im Video: „Christchurch-Appell“ gegen Terror im Internet - Auch die USA machen mit

Bunkerchan als linke Antwort auf 8chan - Doch die Regeln sind strikt

Bunkerchan ist gewissermaßen einfach die linke Antwort auf 8chan. Aber es gibt große Unterschiede. „Unsere Regeln sind sehr konkret. So sind Spamming, Beiträge mit geringem Aufwand gegen die Regeln, ebenso wie der Versuch, reaktionäre Ideen mit Pro-Arbeiter-Sprache zu tarnen“, sagte Dollars. In der Praxis bedeuten diese Regeln, dass Antisemitismus, Homophobie und andere beleidigende Beiträge, die unter Online-Stammtischtheoretikern der extremen Linken nicht unbekannt sind, nur flüchtig und selten vorkommen. „Aber wenn du /pol/-Nutzer bist, sogar wenn du Nazi/Faschist bist, diskutieren wir ernsthaft mit dir und versuchen, dich davon zu überzeugen, dass du falsch liegst.“

Im Jahr 2018 wollten Forscher die Auswirkungen von Online-Politblasen untersuchen. Sie gingen zu Reddit und analysierten zwei verschiedene Subreddits: r/The_Donald (für Unterstützer von Donald Trump) und r/HillaryClinton. Beide Kanäle, so stellten die Forscher fest, setzten ihre Homogenität durch – Kritik an dem bevorzugten Kandidaten war praktisch verboten. Die Forscher fanden heraus, dass die Benutzer in ihren Clubhäusern recht zufrieden waren. „Im Allgemeinen erscheinen Anhänger in politisch homogenen Umgebungen im Vergleich zur Interaktion in übergreifenden Kommunikationsräumen offener und glücklicher und als ob sie sich wohler fühlen“, schrieben die Forscher.

Und doch blieben die Nutzer nicht nur in ihren sicheren Räumen. Mehr als drei Viertel der r/HillaryClinton-Nutzer und mehr als 60 Prozent der r/The_Donald-Poster blieben in allgemeineren Subreddits aktiv, was bedeutet, dass sie sich auch in Räumen bewegten, die nicht eindeutig auf ihre Weltanschauung ausgerichtet waren. Dazu gehörten Subreddits, in denen die „Trump-Stans“ und die „Clintonistas“ zusammentreffen konnten.

YouTube bastelt an Algorhythmus: Werden extremistische Videos empfohlen?

„Wir haben herausgefunden, dass nur eine Minderheit der Nutzer, die in politisch homogener Kommunikation aktiv ist, ihre Teilnahme ausschließlich auf solche Umgebungen beschränkt“, schlussfolgerten die Forscher. Diese Feststellung ergibt Sinn. Der Versuch, sich komplett von allen fremden Denkweisen im Internet zu isolieren, gestaltet sich als ziemlich schwierig. Man kann den Kommentarbereich des Lieblingsvideos nicht abschirmen oder die Antworten auf einen lustigen Tweet nach Ideologie filtern.

Als sich die Bedrohung durch digitale Kokons als echtes Problem herausstellte, ergriffen Unternehmen Maßnahmen, um diesen Trend zu bekämpfen. YouTube hat an seinem Algorithmus herumgebastelt, um zu verhindern, dass er verschwörungstheoretische und extremistische Videos empfiehlt. Facebook verstärkte die Moderation aller Gruppen, auch der privaten. Twitter empfiehlt den Nutzern, Konten zu folgen, die außerhalb ihres beschränkten Weltbildes liegen, und die Startseite von Reddit bietet ein vielfältiges Netzwerk von Interessen und Themen, und so weiter. All diese Entwicklungen kamen erst spät und unter immensem Druck der Öffentlichkeit zustande, aber es lässt sich kaum verneinen, dass sie sich dämpfend auf den digitalen Extremismus ausgewirkt haben.

Ideologie-Probleme online: Wer zeigt die Mainstream-Kultur?

Aber während alle Nutzer und sogar radikalisierte Nutzer auf Twitter, Reddit und Facebook naturgemäß der Mainstream-Kultur und unterschiedlichen Standpunkten ausgesetzt sind, werden Nutzer auf Gab oder 8chan durchgehend mit Informationen versorgt, die ihre Ideologie bestätigen. Die Uniformität rechtsextremistischer Philosophie ist kein Fehler auf diesen Seiten, sie ist das Design.

Ein halbes Deplatforming dieser Websites bringt ein ganz neues Problem mit sich. „Aktuell sind sie in diesen geschlossenen Ökosystemen und reden größtenteils mit sich selbst“, so Amarnath Amarasingam, Assistenzprofessor für Religion an der Queen‘s University und Forscher zu Radikalisierung und Extremismus. „Ich denke, dass ein Teil der Herausforderung für Menschen, die in diesem Bereich arbeiten, darin besteht, dass die Öffentlichkeit davon ausgeht, dass es alles oder nichts sein muss.“

Der Westen beginnt diese Lektion bei seinen frustrierenden Bemühungen, die Rekruten des Islamischen Staates zu entprogrammieren, zu erlernen. „Viele Programmierungen haben ein gewisses Maß an Erfolg gezeigt“, sagt Amarasingam. „Aber es kommt darauf an, wie man Erfolg definiert.“ Selbst der Versuch, den Einfluss einer extremistischen Ideologie auf eine Person zu brechen, kann fehlschlagen, wenn sie sich in denselben Chatrooms aufhält oder dieselben Videos ansieht. Sie neigen dazu, auf die gleichen Abwege zu geraten.

Natalie Wynn auf YouTube: „Wir vernichten Kreationisten mit Fakten und Logik“

Dollars und seine Kameraden sind nicht die einzigen, die neue Taktiken ausprobieren. Als Natalie Wynn ihre Anfänge auf YouTube machte, gab es dort nach ihrer Aussage hauptsächlich „Mitte-Rechts-Inhalte, die sich schnell in Richtung rechtsextremer Nationalismus bewegten.“ Wynn wurde als „Oscar Wilde von YouTube“ bezeichnet und ist eine aufstrebende Philosophin, die ihre Promotion abgebrochen hat, aber dank ihrer langen, unterhaltsamen und scharfsinnigen Monologe über Politik, Gender und Extremismus eine riesige Fangemeinde besitzt.

YouTube war zwar schon immer die wichtigste Plattform für Videos von Streichen und Musikvideos, seine frühe politische Kultur war jedoch eigenwillig. Die Plattform war eine beliebte Anlaufstelle für Atheisten und Biologen, die sich der zunehmenden Diskussion um die Rolle von Religion im US-amerikanischen Leben stellten. Es gab auch einige linksgerichtete und feministische Vlogger, aber es war schwer, eine bestimmte YouTube-Ideologie auszumachen. „Es begann mit: ‚Wir vernichten Kreationisten mit Fakten und Logik‘‘, so Wynn.

Gamergate startet Kreuzzug gegen Frauen - Wynn gründet YouTube-Account ContraPoints

Dann kam Gamergate. Videospiel-Fans starteten unter dem wenig überzeugenden Schlachtruf „Ethik im Journalismus“ einen Kreuzzug gegen Frauen in der Videospiel- und Medienbranche. Die Kampagne gewährte zunehmender antifeministischen Hetze Deckung, was sich deutlich im Wachstum der rechten Inhalte auf YouTube zeigt. Inmitten der Gegenkultur-Reaktion auf Gamergate gewannen Ben Shapiro, Jordan Peterson, Steven Crowder, Lauren Southern und Milo Yiannopoulos an Bedeutung. Nach Aussage von Wynn war das neue Ethos: ‚Wir vernichten Feministinnen mit Fakten und Logik‘.

Als YouTube zur Heimat für einen explodierenden Club von jungen, aalglatten, reaktionären Identitären wurde, wurde die Plattform plötzlich für diejenigen, die nicht in die neue Ordnung passten, weniger wohlwollend. Feministen und Liberale waren schlagartig nicht mehr erwünscht. Videos, die nicht der neuen YouTube-Doktrin entsprachen, erhielten einen „Daumen nach unten“ und wurden mit bösen Kommentaren überhäuft. „Viele hielten das nicht lange aus“, so Wynn. Als sie 2016 ihren YouTube-Account ContraPoints gründete, sagt Wynn, „gab es niemanden, der diese Leute wirklich in Frage stellte.“

YouTube-Strategie: Verführen mit „Faken und Logik“

Wynn sah das als Herausforderung. Sie versuchte, die Taktik dieser Reaktionäre zu imitieren – ihren Humor, ihren geschmeidigen Schnitt, ihre fehlende politische Korrektheit. Sie wollte sie zu ihrem eigenen Vorteil nutzen. Der Clou daran ist, dass Wynn diese Taktik als Sozialistin und Transfrau gegen die Personen verwenden würde, die das Format populär gemacht hatten. Sie begann, Videos zu veröffentlichen, in denen sie die Symbolik der Alt-Right dekodiert, klar erklärt, warum es sinnvoll ist, das gewünschte Pronomen einer Person zu verwenden, und über den Kapitalismus schimpft. „Anstatt Jordan Peterson mit Fakten und Logik zu zerstören“, sagt sie lachend, „verführe ich Jordan Peterson mit Fakten und Logik.“

Wynn begann, festzustellen, dass die Zuschauer, die zu den Videos von Peterson, Shapiro und Co. strömten, keine ideologischen Puristen waren. „Ein großer Teil von dem, was sie am Feminismus hassen, oder an welcher Befreiungsbewegung auch immer, ist die Steifheit“, erklärt sie. „Sie sind gerne provokante Typen.“ Also machte sich Wynn daran, noch provokanter zu sein als sie.

ContraPoints hat eine Million Abonnenten - „Hat meine kühnsten träume übertroffen“

Anstatt ihre Zuschauer zu schikanieren oder zu beschimpfen, brachte sie sie dazu, über sich selbst zu lachen. „Wenn man sie unterhalten kann, dann gehen sie vom Auslachen eines Transmenschen über zur Unterhaltung durch einen Transmenschen“, so Wynn. Sie meint, dass die meisten ihrer frühen Nutzer wahrscheinlich im rechten Spektrum angesiedelt waren. Sie waren auf YouTube unterwegs, um ihr eigenes Weltbild zu bestätigen, nur um dabei von ContraPoints gestört zu werden.

Wynn hat über eine Million Abonnenten und hat damit einige der größeren rechtsgerichteten YouTube-Persönlichkeiten nicht übertroffen, aber sie und andere wie sie haben eine vielfältigere politische Kultur auf YouTube eingeläutet. „Wenn ich wirklich daran zurückdenke, wie es 2016 war, hat diese Entwicklung meine kühnsten Träume übertroffen“, sagt sie. „Es gibt jetzt praktisch einen Industriekomplex zum Ausstechen von Jordan B. Peterson“, fügt sie scherzhaft hinzu.

Wynn und Ben Shapiro im Wettbewerb? 2020 als „interessantes Online-Experiment“

Sie und Ben Shapiro könnten heute im Wettbewerb stehen. „Das ist ein freier Markt der Aufmerksamkeit“, erklärt sie. Und das hat einen mäßigenden Einfluss auf alle. „2020 war ein interessantes Online-Experiment“, stellt Wynn Ende letzten Jahres fest. „Für viele Menschen findet ihr ganzes Leben zunehmend online statt.“ Das bedeutet, dass der Wettbewerb um Zuschauer umso härter geworden ist.

Dieses Streben nach Klicks (die wiederum Werbeeinnahmen bedeuten) hat YouTube davon bewahrt, eine „No-Go-Area“ für jeden zu werden, der sich nicht der reaktionären, antifeministischen, transphoben Anti-Links-Bewegung zuordnet. YouTube mag die Vielfalt des politischen Spektrums nicht perfekt widerspiegeln, aber die Plattform ist nicht mehr ganz so einseitig wie früher. „Es ließ sich verhindern, dass eine Ideologie zu einem Mutanten heranwächst,“ so Wynn.

Aha-Moment auf Bunkerchan: Die frühere Umgebung ist toxisch

Das häufigste Thema auf Bunkerchan ist nicht der Aha-Moment, den die Nutzer beim Lesen von Marx erlebt haben, oder die Erleuchtung über den Klassenkampf. Sondern es geht darum, endlich erkannt zu haben, wie toxisch ihre frühere Umgebung wirklich war. „Ich bin nicht sicher, ob ich mich verändert habe oder ob 4chan sich verändert hat“, schreibt ein Nutzer. Der Nutzer erzählt, dass er 2010 dem Vorstand beigetreten war und wie ein Frosch im immer heißeren Wasser nicht bemerkte, dass sich der Ton stetig veränderte. „Es ist eine seltsame Mischung aus Feindseligkeit und jämmlicher Langeweile“, schreibt diese Person. Über seine frühere Plattform, 4chan, schreibt dieser Nutzer, dass sie sich „jetzt wie eine explizite Nazi-Seite anfühlt.“

Ein Nutzer erzählt von seiner eigenen obsessiven, extremistischen politischen Reise, durch die „rechte Pipeline“ von „Holocaust-Leugnung, Judenfrage, Cultural Marxism“ – und das alles während seiner Highschool-Zeit. Der Nutzer, der angibt, schwarz und auf dem Autismusspektrum zu sein, erzählt, dass er über /leftypol/ stolperte und „erkannte, dass Liberale keine Linken sind.“ Es war einfacher, Sozialisten und Liberale zu verteufeln, wenn man sie auf 4chan komplett vermeiden konnte.

Bunkerchan schafft es, die Sucht zu durchbrechen

Was diese Geschichten allerdings gemeinsam haben, ist, dass es kein bedachter Facebook-Post oder Twitter-Thread war, der ihre 4chan- oder 8chan-Sucht durchbrochen hat: es war Bunkerchan. Es scheint, als ob viele auf eine Alternative gewartet haben, die ihnen entgegenkommt. Bunkerchan und 8chan befinden sich zwar nicht mehr auf der gleichen Website, aber sie haben immer noch viel gemeinsam. Sie sind fast sowas wie Nachbarn. Von der Seiteninfrastruktur bis hin zum provokanten Humor fühlt sich Bunkerchan wie 4chan an. Nur eben ohne die Nazis.

Bunkerchan-Nutzer verwenden 8chan und 4chan immer noch gelegentlich – manchmal um ihr Unwesen zu treiben: so wie ein Nutzer, der es geschafft hat, Moderator eines QAnon-Boards zu werden, wo er seine Macht dann nutzte, um Hakenkreuze zu verbieten und Wortfilter einzurichten, mit denen rassistische Beleidigungen beseitigt wurden. „Teilweise sahen wir es als unsere Verantwortung an, zu versuchen, die /pol/-Nutzer, die vorbeikamen, auf unsere Seite zu ziehen“, erklärt Dollars mir.

Dollars ist sicher: „Es gibt einen anderen Weg“

Dies ist die Art von ideologischer Zerrüttung, die nicht von oben nach unten passieren kann. Moderation kann eine Plattform frei von Enthauptungsvideos und Gewaltaufrufen halten, aber sie trägt nicht viel dazu bei, die Meinung der Person zu ändern, die diese Inhalte veröffentlicht. „Es wird immer Foren für diese Leute geben – sie werden einen Weg finden – und wenn wir sie zensieren, nährt das nur ihr Unterdrückungsnarrativ“, so Dollars. „Wir versuchen, zu zeigen, dass es wirklich einen anderen Weg gibt, und dass er daraus hervorgeht, dass man Prinzipien hat.“

Diese Art des Dialogs mit Faschisten, Antisemiten und Neonazis ist in den letzten Jahren unbeliebt geworden, und das aus gutem Grund – oft ist die Auseinandersetzung mit extremen Überzeugungen ein erfolgsicherer Weg, sie weniger extrem erscheinen zu lassen und den Hass einem breiteren Publikum zu präsentieren.

Aber hier geht es nicht um die Primetime auf CNN, sondern um eine Auseinandersetzung mit Faschisten in ihrem eigenen Revier. Es ist etwas, das Wynn in einem ihrer ContraPoints-Videos kurz und bündig zusammenfasst: „[Faschisten] interessieren sich nicht für ‚Meinungsvielfalt‘ – sie bekämpfen sie sogar aktiv.“

Wie Wynn in dem Video, das inzwischen über 2 Millionen Mal angesehen wurde, anmerkt, muss eine Auseinandersetzung mit Nazis und Faschisten nicht bedeuten, dass man ihre Ansichten legitimiert. „Veranstalte keine Debatten mit ihnen auf deinem YouTube-Kanal“, ermutigt sie ihre Zuschauer. Aber, so sagt sie, „wenn du nur ein normaler Mensch ohne große Plattform bist, dann kannst du tatsächlich mit ihnen diskutieren, und du solltest mit ihnen diskutieren. ... Bring sie dazu, sich eine andere Perspektive anzuhören.“

Online-Extremismus erfordert in der Bekämpfung verschiedene Taktiken

Die Bekämpfung des zunehmenden Online-Extremismus erfordert viele verschiedene Taktiken. Es ist notwendig, die wichtigsten Social-Media-Seiten zu moderieren und zu überwachen. In einigen extremen Fällen werden Entprogrammierungs- und Anti-Radikalisierungsmaßnahmen nötig sein. Aber was wir brauchen, ist, dass wir sie dazu bringen, sich eine andere Perspektive anzuhören.

Das wird nicht immer perfekt funktionieren. Diejenigen, die gegen die Maschinerie wüten wollen, werden sich nicht von ruhigen Appellen des US-Präsidenten Joe Biden beeindrucken lassen – sie finden sich vielleicht eher in einem Webforum wieder, das einen albanischen Diktator vergöttert. Es ist eine Art Schadensbegrenzung, wenn man es schafft, eine tief sitzende Unzufriedenheit mit der westlichen Gesellschaft vom Rassenkampf auf den Klassenkampf zu lenken. Oder auf eine Alternative, die vor ihnen liegt. „Ein Großteil von dem, was /leftypol/ tut, ist, dem Narrativ, das /pol/ für sich selbst aufgebaut hat, Sand ins Getriebe zu streuen“, so Dollars.

Im Moment sind diese Nutzer aus den Augen und aus dem Sinn. Aber wenn man sie sich selbst überlässt, gleiten sie möglicherweise weiter ab auf dem Weg der Selbstradikalisierung. Wenn wir Online-Radikalisierung bekämpfen wollen, müssen wir eine Möglichkeit finden, diese Ketten der Selbstviktimisierung zu durchbrechen. Und Bunkerchan und seine Verbündeten könnten genau diese Möglichkeit sein.

Von Justin Ling.

Justin Ling ist Journalist in Toronto.

Dieser Artikel war zuerst am 1. Mai 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern von Merkur.de zur Verfügung.

Foreign Policy Logo
Foreign Policy Logo © ForeignPolicy.com

Auch interessant

Kommentare