Susanne Breit-Keßler über Vollverschleierung

Burka und Nikab: Zumutung ja, Verbot nein!

In der Rubrik "Einspruch" bitten wir wechselnde Kolumnisten um ihren Widerspruch zu einer provokanten These. Heute: Susanne Breit-Keßler über die Verschleierung muslimischer Frauen.

Belgien, Spanien, Frankreich und die Niederlande haben es – auch der Kanton Tessin: das Verbot einer Vollverschleierung. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat dieses Verbot vor einem Jahr für rechtens erklärt. Wer Frauen verbietet, sich in der Öffentlichkeit durch Gewandung unkenntlich zu machen, verletzt demnach keine Menschenrechte. Sicherheitsfragen oder das Thema Gleichberechtigung haben bei der Begründung keine Rolle gespielt. Die Richter halten es aber für legitim, wenn der Staat ein offenes Zusammenleben in der Gesellschaft will.

Susanne Breit-Keßler ist Regionalbischöfin und Ständige Vertreterin des Landesbischofs und Oberkirchenrätin im Kirchenkreis München und Oberbayern.

Der wissenschaftliche Dienst des Bundestags hat dagegen festgehalten, dass ein grundsätzliches Verbot der Vollverschleierung gegen das Neutralitätsgebot des Grundgesetzes verstößt. Es lässt sich verfassungsrechtlich nicht rechtfertigen, wird gesagt. Religionsfreiheit ist ein hohes Gut. Was tun? Bislang war der touristische Besuch von Frauen mit Burka oder Nikab hierzulande eine Besonderheit, die im Stadtbild mal mehr, mal weniger auffiel – meist nur dort waren die ganzkörperverhüllten Damen beim Shopping oder dem Besuch einer Klinik zu sehen. Mit dem wachsenden Zuzug von Muslimen kann sich das ändern.

Hidschab, Al-Amira, Chimar oder Tschador, die Kleidungsstücke, die Kopf oder Körper umgeben, dürften niemanden stören. Aber Burka und Nikab, die das Gesicht komplett verbergen. Wer ist dieses mein Gegenüber, das sein Antlitz nicht zeigt? Macht sie es freiwillig, probiert sie es mal aus oder wird sie gezwungen? Bei Urlauben in islamischen Ländern habe ich mich nie an der Burka gestört, weil ich die Religion des Gastlandes respektiere. Zudem ist unter uns Frauen immer eine schnelle, charmante Kommunikation mit den Augen möglich gewesen.

Vollverschleierung nimmt zu

Aber inzwischen fällt auf, dass die Vollverschleierung zunimmt – in der Türkei, in Ägypten, in Indonesien. Burka und Nikab errichten eine Schranke zwischen ihrer Trägerin und der Umwelt. Das Gefühl eines freiheitlichen Miteinanders in unserer Gesellschaft verändert sich dadurch. Wenn man Zusammenleben als kulturelle Offenheit versteht, heißt das nicht, dass jede machen kann, was sie will – oder sich ganz einem Menschenbild unterwerfen muss, das Frauen nötigt, sich zu verbergen.

Außerdem ärgert mich, wenn gesagt wird, dass Burka und Nikab vor gierigen Männerblicken schützen. Was ist das für ein Bild unserer Männer? Ich traue ihnen Respekt zu! Also: In staatlichen und kommunalen Einrichtungen sollte Vollverschleierung verboten sein, denn dort werden offensiv die Werte unseres Staates vertreten, nicht die des Islam. Burka und Nikab gehören nicht in die Schule, nicht zu Polizei und Justiz. Ich will mich keiner Frau mit meinem Reisepassantrag offenbaren, die mir ihr Gesicht nicht zeigt. Einer Person, die ich nicht sehe, soll es nicht erlaubt sein, mich zu kontrollieren oder zu verurteilen.

Auch andere Arbeitgeber sollten ihren Angestellten untersagen dürfen, den Schleier zu tragen. Eine total verhüllte Kosmetikerin, Ärztin oder Bankerin? Ich möchte wissen, mit wem ich es zu tun habe. Kommunikation ist auch Mimik. Das Verbot der Vollverschleierung auf der Straße, in Hotels oder Geschäften allerdings unterstütze ich nicht. Ja, ich wünschte, alle Frauen dieser Welt hätten die Freiheit, die wir in unseren westlichen Demokratien genießen. Aber soll man eine vollverschleierte Muslima abführen lassen und ihr wie in anderen europäischen Ländern eine Geldstrafe verpassen? Nein. Der Schleier ist und bleibt eine ziemliche Zumutung. Eine, mit der wir lernen müssen, umzugehen - so, dass unsere Werte unbedingt gewahrt bleiben und Frauen anderer Religionen sich dennoch nicht zusätzlich unterdrückt fühlen.

Rubriklistenbild: © dpa

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