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Grüne stellen Gesetzentwurf vor

Cannabis-Legalisierung: Der Kampf ums Gras

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München - Ist Kiffen in Deutschland bald erlaubt? Heute stellen die Grünen einen Gesetzentwurf für die Legalisierung von Cannabis vor. Der Zeitpunkt ist gut gewählt – noch nie gab es so viele Unterstützer für die Idee. Doch es gibt auch laute kritische Stimmen.

Dieter Janecek ist in Eggenfelden, Niederbayern, aufgewachsen, er hat zwei Kinder, ist FC Bayern-Fan und ein passabler Schafkopfer. Kein Spinner, mit dem Urteil liegt man wohl nicht verkehrt. Janecek, 38 Jahre alt, sagt: „Ich habe gekifft, und es hat mir nicht geschadet.“

Dieter Janecek

Der Münchner sitzt für die Grünen im Bundestag, er gehört in der Öko-Partei zum Realo-Flügel. Dass Janecek offen zugibt, früher öfter mal Marihuana geraucht zu haben, ist ein Gradmesser: Dafür, wie offen Deutschland gerade über eine Legalisierung von Marihuana, wie die Blätter der Cannabis-Pflanze genannt werden, diskutiert. Am heutigen Mittwoch erreicht das Thema eine neue Ebene: Der drogenpolitische Sprecher Harald Terpe stellt in Berlin den Gesetzentwurf der Grünen vor. Der Bundestag soll bald schon abstimmen, ob Cannabis in registrierten Läden an Erwachsene verkauft werden darf.

Der Abgeordnete Janecek sagt: „Kiffen ist keine Milieu-Frage mehr.“ Tatsächlich ist die Zahl der Konsumenten riesig: Cannabis ist in Deutschland die am häufigsten konsumierte illegale Substanz. Unter Wissenschaftlern gilt realistisch, dass jeder dritte 18- bis 39-Jährige Erfahrungen damit gemacht hat. Tendenz steigend. „Millionen Menschen konsumieren heute Cannabis, also müssen wir uns überlegen, wie wir damit umgehen“, sagt Janecek. Die drogenfreie Gesellschaft sei eine Utopie. Er selbst raucht kein Cannabis mehr, weil er Tabakrauch nicht mag. Aber er kennt viele Konsumenten – auch solche, von denen man es nicht denkt: „Es gibt auch CSU-Politiker, die kiffen, aber die trauen es sich nicht sagen.“

Offiziell ist die CSU strikt gegen eine Legalisierung, Bayern hat das schärfste Drogengesetz in Deutschland. Die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) hält eine Freigabe für gefährlich, Bayerns Innenminister Joachim Herrmann bezeichnet den Grünen-Vorstoß als „blanken Unsinn“. Er sagt: „Wir bleiben bei unserer bewährten Linie: Null Toleranz gegen Drogen.“ Vor allem Kinder und Jugendliche könnten bei einer Legalisierung von Cannabis in eine Suchtspirale geraten. „Jedem vernünftig denkenden Menschen leuchtet ein, dass weiche Drogen oft der Einstieg in den Drogensumpf sind.“

Wie gefährlich ist Kiffen? Darüber sind nicht nur Politiker, sondern auch Mediziner uneinig. Der Münchner Professor Markus Backmund ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suchtmedizin, er sagt: „Es ist nicht gefährlicher, wenn jemand am Wochenende einen Joint raucht, als wenn er ein, zwei Cocktails trinkt.“ Er erklärt, wie der Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) wirkt: „Das THC macht ruhiger, dämpft, verändert das Bewusstsein.“ Das Problem: „Von jedem Stoff, der so schnell im Gehirn wirkt und die Gefühle verändert, kann man süchtig werden.“ Der Suchtmediziner sagt aber: „Alkohol ist die härteste Droge.“ Nur sei unsere Gesellschaft den Umgang damit gewöhnt. Das ist die eine Sicht.

Lesen Sie hier: Kommentar Pro & Contra Cannabis-Legalisierung 

So pauschal kann man das nicht sagen, findet Florian Eyer, Professor für Toxikologie im Klinikum rechts der Isar. „Mit beiden Stoffen sind Gefahren verbunden.“ Cannabis löse nicht nur Schwindel, manchmal Übelkeit oder sogar Erbrechen, sondern im Extremfall Herz-Rhythmus-Störungen und komatöse Zustände aus. Bei manchen Konsumenten entstehe durch das Kiffen eine Psychose, bei anderen werde eine bereits vorhandene psychische Störung quasi geweckt. Kollege Backmund hingegen sagt: „Das Schädlichste am Kiffen ist das Gift im Tabak.“ Zu Psychosen komme es nur durch eine Überdosis – die entstehe selten beim Rauchen von Joints, eher, wenn mit Cannabis Kekse gebacken werden. Er ist dafür, die Drogenpolitik neu zu überdenken: „Aus der Sicht des Arztes halte ich es fatal, dass junge Menschen kriminalisiert werden, weil sie etwas ausprobieren wollen – diese Neugierde liegt in ihrer Natur.“ In diesem Punkt stimmt ihm auch Toxikologe Eyer zu.

Ja, es gibt immer mehr Rufe nach einem neuen Umgang mit Marihuana – und zwar von überraschenden Kandidaten. Die bayerische SPD hat kürzlich vorsichtig Zweifel am geltenden Recht geäußert, der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, schlug vor: „Es wäre besser, den Konsum geringer Mengen von Cannabis nicht mehr verfolgen zu müssen – um sinnlose Bürokratie zu vermeiden.“ Mit dem „Schildower Kreis“ hat sich eine Gruppe von über 100 Strafrechtlern zusammengeschlossen, sie fordern eine neue Drogenpolitik, unter anderem, weil der Schwarzmarkt große Risiken berge. Zu den Unterstützern zählt auch Jugendrichter Andreas Müller. „Prohibition hilft nur dem organisierten Verbrechen“, sagt Suchtmediziner Backmund. Er würde auch eine Qualitätskontrolle begrüßen: „Damit die Konsumenten genau wissen, was sie rauchen – wie sie auch wissen, wie viel Prozent Alkohol in einem Bier sind.“

Wie eine Legalisierung ablaufen kann, machen derzeit die USA vor. Rund die Hälfte der Bundesstaaten erlaubt die Nutzung von Cannabis schon länger für medizinische Zwecke. Inzwischen ist der Konsum in Washington und Colorado, Oregon und Alaska freigegeben. Jetzt zog die Hauptstadt Washington D.C. nach. Dort läuft das so: In wenigen, streng reglementierten Läden, in die nur Erwachsene mit Ausweis dürfen, wird kontrolliert angebautes Marihuana in kleinen Mengen verkauft. Das Geschäft mit dem Gras läuft so gut, dass Wallstreet-Investoren die junge Branche neugierig beobachten. Auch in Europa – Portugal, Spanien, in der Schweiz, den Niederlanden – gelten lockere Gesetze.

Wie es andere Länder machen, haben sich die Grünen genau angeschaut. Jetzt ist der Gesetzentwurf fertig, er wird „der erste seiner Art sein, der bis ins Detail regelt, wie der Umgang mit Cannabis in Deutschland erfolgen soll“, sagt Parteichef Cem Özdemir. Details werden heute präsentiert, bekannt ist bereits, dass die Mitarbeiter in registrierten Fachgeschäften keine Einträge im polizeilichen Führungszeugnis haben dürfen, Werbung für Cannabis strikt verboten bliebe. Die Erfolgsaussichten sind mangels Mehrheit im Bundestag gering. Doch Janecek ist überzeugt, dass der Zeitpunkt für den Vorstoß ideal ist, vor allem wegen der Legalisierungswelle in den USA. „Das ist eine breite Bewegung“, sagt er. „Wie bei der Atomkraft.“

Jugendrichter und Legalisierungsbefürworter Andreas Müller glaubt: „Die Deutschen haben den Chewing Gum eingeführt und die Nylon-Strümpfe – es ist nur eine Frage Zeit, bis sie auch in der Drogenpolitik den Amerikanern hinterherlaufen.“

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