Markus Söder neben Edmund Stoiber
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Edmund Stoiber (l.) mit Markus Söder: Kommt der Kanzlerkandidat der Union wieder aus Bayern?

Söder oder Laschet?

Edmund Stoiber im Exklusiv-Interview: „Sonst stellen die Grünen den nächsten Kanzler“

  • Mike Schier
    vonMike Schier
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  • Georg Anastasiadis
    Georg Anastasiadis
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Wer wird Kanzlerkandidat der Union? CSU-Ehrenvorsitzender Edmund Stoiber drängt im Interview mit dem „Münchner Merkur“ auf eine schnelle Entscheidung.

München – 19 Jahre ist es her, dass Angela Merkel (CDU) dem bayerischen Ministerpräsidenten Edmund Stoiber beim legendären Wolfratshauser Frühstück die Kanzlerkandidatur überließ. Wiederholt sich die Geschichte bei der Bundestagswahl 2021? Ein Gespräch mit Stoiber, dem 79-jährigen Ehrenvorsitzenden der CSU.

Herr Stoiber, Laschet oder Söder? Sie kennen die K-Frage aus eigener Erfahrung. Wie schnell muss die Union das jetzt klären?
Wir haben nicht mehr so viel Zeit, wie wir noch vor wenigen Wochen gedacht haben. Eine rasche Entscheidung wäre das beste. Die Ungewissheit hinterlässt Spuren . . ..
. . . und im Wahlkampf wird einer den anderen brauchen.
Beide Parteivorsitzenden – also der Kanzlerkandidat, aber auch derjenige, der zurücksteckt – müssen danach vertrauensvoll zusammenarbeiten. Beide müssen gemeinsam den unbedingten Willen der Union verkörpern, den Abwärtstrend in den Umfragen zu brechen.
Wie gefährlich ist dieser Trend?
Das besorgt mich schon. Den größten Einfluss auf die Umfragen hat die Impfsituation. Im Dezember wirkte der Impfstoff wie das große, hoffnungsvolle Licht am Ende des Tunnels. Umso enttäuschender ist jetzt, dass es so lange dauert. Die politische Entscheidung, den Impfstoff europaweit zu bestellen, mag grundsätzlich richtig gewesen sein. Aber es bestätigt meine eigenen Erfahrungen in Brüssel, dass die EU-Kommission eine eher risikoscheue und keine schnelle Organisation ist.
Mit Verlaub, das hätte die Bundesregierung auch früher wissen müssen.
Das hat man unterschätzt. Der Mechanismus mit 27 Mitgliedsstaaten war einfach zu kompliziert, sodass man deutlich später bestellt hat als die USA oder Großbritannien. Daraus wird man Lehren ziehen müssen.
Verstehen wir Sie richtig: Die Umfragen der Union werden sich erst erholen, wenn sich die Impfsituation bessert?
Die Impfsituation ist ein entscheidender Faktor. Es ist ja auch keine triviale Frage: Es geht um Leben und Tod. Viele lasten die Beschaffungsprobleme der Union an. Es ist völlig richtig, wenn Jens Spahn und Markus Söder nun versuchen, weiteren Impfstoff aus Russland zu besorgen. Wir müssen bis September in die Nähe der Herdenimmunität kommen. Für die Ausgangssituation der Bundestagswahl ist das entscheidend. Aber die Union braucht auch Konzepte für die wichtigen langfristigen Fragen.
Nämlich?
Armin Laschet hat eine sehr interessante Rede zum Auftakt der Programmkommission gehalten. Sein Tenor: Weiter so geht nicht – man wird für Zukunftsthemen gewählt. Die Pandemie hat viele Baustellen offengelegt: Deutschland ist bürokratischer geworden. Wir sind perfektionistischer denn je. Wir haben ein Effizienzproblem, in Europa und in Deutschland. Wir müssen digitaler werden.
Die Kanzlerin hat gesagt, im Großen und Ganzen sei alles gut gelaufen.
Tatsache ist: Es gibt einen aktuellen Vertrauensverlust der Menschen. Das besorgt mich. Wir brauchen darüber eine klare Analyse, aber auch überzeugende Zukunftskonzepte.
Sie haben ja 1998 selbst miterlebt, wie die Union die Macht verlor. Spüren Sie heute so etwas wie Wechselstimmung?
Wir haben in diesen Zeiten das große Manko, dass die aktiven Politiker nicht so unter die Leute kommen wie vor Corona. Bei Präsenzveranstaltungen spürt man viel direkter als digital, wenn die Menschen unzufrieden sind. Dieser Seismograf funktioniert derzeit nicht optimal.
1998 ist selbst der Seismograf an seine Grenzen gestoßen. . .
Ja. Ich erinnere mich, wie optimistisch wir 1998 am Marienplatz standen, weil so viele Leute wie noch nie zu Helmut Kohl gekommen waren. Aber es war ein Abschiednehmen.
In der CDU scheint es wachsende Zweifel an Laschets Fähigkeiten zu geben.
Dabei ist es ihm gelungen, die CDU zu einen. Man darf nicht vergessen: Vorangegangen war ein monatelanger Wettstreit mit dem starken Friedrich Merz und dem ebenfalls sehr erfahrenen Norbert Röttgen. Merz, der für viele CDU-Mitglieder eine Sehnsuchtsfigur ist, reiht sich ein. Seine Anhänger erwecken den Eindruck: Die Auseinandersetzung ist beendet.
Wenn dem so ist, wäre Laschet also der ideale Kanzlerkandidat.
Das ist eine andere Frage. Ich rede nur über die CDU.
Bräuchte es ein neues Wolfratshauser Frühstück?
Es muss ja kein Frühstück sein (lacht). Aber ich plädiere für eine einvernehmliche Lösung. Alternativ müsste die Fraktion entscheiden, was konfrontativer wäre. Entscheidend wird das Miteinander danach. Gerade weil wir derzeit mit einem Vertrauensverlust kämpfen, müssen beide Parteivorsitzende eng zusammenarbeiten. Ich kann mich an einen Auftritt 1980 von Franz Josef Strauß in Niedersachsen erinnern, bei dem der unterlegene CDU-Kandidat Ernst Albrecht nicht dabei war. Da waren die Auseinandersetzungen im Vorfeld wohl zu hart.
Auch jetzt wird der Kampf mit harten Bandagen geführt. Uns fehlt die Fantasie, dass die CDU mit Feuereifer Wahlkampf für Söder machen könnte. Und umgekehrt.
Es geht doch um die gemeinsame Sache. CDU und CSU können nur im Miteinander gewinnen. Sonst stellen die Grünen den nächsten Kanzler. Fakt ist: Nur die Union kann Ökologie und Marktwirtschaft zusammenbringen. Die Grünen würden am liebsten die Lockdown-Politik der Pandemie fortsetzen, um das Klima zu retten. Dem muss die Union etwas entgegensetzen.
Söder sagt, Merkel solle bei der Entscheidung über die K-Frage mitreden. Erwin Huber findet, Merkels Zeit sei vorbei, ein „weiter so“ dürfe es nicht geben. Wer hat Recht?
Sie hat selbst gesagt, dass sie sich in diese Entscheidung nicht einmischt und auch nicht mehr im Wahlkampf auftreten wird.
Es ist Söder, der die Merkel-Karte spielt.
Ja. Aber ich muss ja von ihr ausgehen. Sie hat für sich ihre Entscheidung getroffen. Ich glaube schon, dass sie den eben beschriebenen Abschied von Helmut Kohl noch vor Augen hat.
Merkel hatte einen moderierenden Führungsstil. Hat sich das nach 16 Jahren abgenutzt?
Angela Merkel hat immer vom Ende her gedacht. Ruhig abwägen, Diskussionen laufen lassen, dann entscheiden. Ich glaube, die Zeiten ändern sich gerade. Der neue Kanzler wird das Land wohl mehr von vorne führen.
Also Söder.
Jeder kennt meine langjährige politische und auch persönliche Verbundenheit und hohe Wertschätzung für Markus Söder. Aber entscheiden müssen letztlich Söder und Laschet gemeinsam. Beide haben das Zeug zum Kanzler.

Interview: Georg Anastasiadis und Mike Schier

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