+
Schwierige Langzeitbeziehung: Angela Merkel mit Friedrich Merz und Roland Koch bei einer CDU-Präsidiumssitzung im Dezember 2001.

CDU in der Krise

Alte Rechnungen, neue Konflikte: Weggefährten Merz und Koch rechnen mit Angela Merkel ab  

  • schließen

Die CDU steckt in der Krise. Bislang stand vor allem die Parteivorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer in der Kritik. Doch nun begleichen ein paar Weggefährten alte Rechnungen mit Angela Merkel. Es wird ungemütlich.

München – Die Kanzlerin polarisiert – und vermutlich dürfte das selten so offensichtlich geworden sein wie am Montagabend. Angela Merkel selbst sitzt zu diesem Zeitpunkt im Hubert-Burda-Saal der Israelitischen Kultusgemeinde in München. Sie bekommt einen Preis und jede Menge warme Worte. Fast zeitgleich läuft im ZDF ein Interview mit Friedrich Merz, Merkels innigstem Parteifeind seit zwei Jahrzehnten. Merz sagt, seit Jahren liege über dem Land „wie ein Nebelteppich die Untätigkeit und die mangelnde Führung durch die Bundeskanzlerin“.

Hessens Ex-Regierungschef Roland Koch kritisiert Merkel scharf  

Es sind keine guten Tage für die CDU. Die Wahlschlappe in Thüringen, der Sturz von Peter Altmaier und dazu mehrere Parteigranden, die das Feuer auf Merkel eröffnen. Während Merz im ZDF poltert („Das gesamte Erscheinungsbild der Bundesregierung ist einfach grottenschlecht“), sucht sich der ehemalige hessische Ministerpräsident Roland Koch die „Bild“ als Plattform. „Heute fehlen Persönlichkeiten, die von einer Vision geprägt sind und die Bereitschaft zeigen, für diese Vision ihre politische Existenz zu riskieren.“ Er erinnert an Blüm, Dregger, Töpfer und Süssmuth. „Die Zahl derer, die sich ärgern, sich abwenden oder Parteien suchen, die es ,denen da oben‘ einmal richtig zeigen, wird immer größer.“ Damit seinen Unmut auch wirklich alle mitbekommen, meldet sich Koch noch im „Cicero“, wo er die Marginalisierung der Volksparteien beklagt.

Merz dagegen macht eindeutig Merkel als Hauptproblem aus. „Ich kann mir schlicht nicht vorstellen, dass diese Art des Regierens noch zwei Jahre dauert bis zum Ende der Legislaturperiode.“ Dafür seien die Probleme des Landes zu groß. Als Beispiel für die mangelnde Führungskraft nennt er den seit Monaten schwelenden Streit um die Grundrente.

Attacke auf Kanzlerin Angela Merkel ein Zufall?

Die fast zeitgleiche Abrechnung der beiden dürfte kein Zufall sein. Merz wie Koch gehören dem „Andenpakt“ an, jenem legendären Männerbündnis, das sich im Juli 1979 auf einem Nachtflug von Caracas nach Santiago de Chile gegründet haben soll. Damals versprachen sich die ebenso jungen wie testosteronstarken JU-Politiker, sich gegenseitig bei der Karriere zu unterstützen. Beteiligt waren auch Christian Wulff, Matthias Wissmann, Günther Oettinger und Volker Bouffier. Dem Männerbund schien klar, dass aus seinen Reihen der künftige Kanzler komme. Stattdessen kam Merkel.

Angeblich, so hatte es zumindest der „Spiegel“ berichtet, soll im vergangenen Jahr auch Merz’ Kandidatur für den Parteivorsitz erst nach Rücksprache mit den alten Freunden erfolgt sein – bei der Beerdigung von Kardinal Lehmann in Mainz. Die Federführung habe bei Wolfgang Schäuble gelegen. „Merz und sein enger Freund Schäuble haben lange auf die Gelegenheit gewartet, sich an Merkel zu rächen“, heißt es.

Die Merz-Kandidatur ging schief, die offenen Rechnungen zwischen Andenpakt und Kanzlerin sind geblieben. Bemerkenswert ist, dass Merz heute gegenüber Annegret Kramp-Karrenbauer kein böses Wort äußert. Sogar die verklausulierte Zusage, auch auf dem Parteitag am 22. und 23. November solidarisch zu bleiben, gibt er. „Die Entscheidungen (über den Vorsitz) sind getroffen – und bis auf Weiteres sind sie getroffen.“ Eher dürfte Merz, der am 11. November 64 Jahre alt wird, darauf hoffen, dass in Leipzig bereits über die Kanzlerkandidatur gesprochen wird. AKK hatte am Montag durchblicken lassen, dass Kandidatur und Parteivorsitz nicht zwingend zusammenhängen. In der Union spekulieren einige, ob Merz möglicherweise ein Stillhalteabkommen mit Kramp-Karrenbauer abgeschlossen habe.

Unterstützung bekommt Merkel dagegen von unerwarteter Seite. Lange galt Horst Seehofer als ihr profiliertester Kritiker in der Union. Heute ist Seehofer Innenminister im Merkel-Kabinett. Und sagt: „Ich teile die Kritik von Friedrich Merz nicht.“

Mike Schier

In der CDU tobt nach der Wahlkatastrophe in Thüringen ein Machtkampf. Noch ist nicht klar, wer ihm am Ende zum Opfer fällt. Ein Kommentar von Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis. Maybrit Illner diskutiert in ihrem ZDF-Talk die Frage: „Geht die CDU im Streit zwischen Merz und Merkel unter?

Umfrage-Überraschung: 43 Prozent würden die Grünen wählen - und 19,5 Prozent die AfD

In ihrer Partei hat die Bundeskanzlerin aktuell einen schweren Stand. Merkur.de* erklärt die Schlammschlacht rund um Angela Merkel und Co. in der CDU

*Merkur.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Tod von George Floyd: Neu aufgetauchtes Video belastet drei Polizisten schwer
Minneapolis kommt nach dem Tod von George Floyd nicht zur Ruhe. Jetzt weiten sich die Proteste gegen Polizeigewalt auch auf andere Städte in den USA aus.
Tod von George Floyd: Neu aufgetauchtes Video belastet drei Polizisten schwer
Streit um Corona-Lockerungen: Markus Söder bekam Drohbrief
Der Streit um Bodo Ramelows Lockerungspläne in der Corona-Krise geht weiter. CSU-Chef Markus Söder veröffentlicht einen Brief, den er erhielt.
Streit um Corona-Lockerungen: Markus Söder bekam Drohbrief
Coronavirus in den USA: US-Republikaner in Pennsylvania hielten Infektion geheim
Coronavirus in den USA: In Pennsylvania haben Abgeordnete der Republikaner Infektionen in ihren Reihen verschwiegen. Die Demokraten fordern Rücktritte. 
Coronavirus in den USA: US-Republikaner in Pennsylvania hielten Infektion geheim
Verfassungsschutz-Präsident warnt vor Gefahr von rechts
Verfassungsschutz-Präsident Haldenwang sieht einen Zulauf bei Rechtsextremisten. Solche Kräfte versuchten auch die Demonstrationen gegen die Corona-Beschränkungen zu …
Verfassungsschutz-Präsident warnt vor Gefahr von rechts

Kommentare