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„Innere Emigration“: Wolfgang Bosbach gibt den Kampf mit Merkel auf.

CDU-Politiker hört auf

Wolfgang Bosbach: Ein Quälgeist auf dem Rückzug

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München - Kämpfer, Mahner, Selbstvermarkter: Wolfgang Bosbach, omnipräsenter CDU-Abgeordneter, tritt 2017 nicht mehr an. Der Konservative ist krank – vor allem aber kapituliert er vor dem Kurs der Kanzlerin.

Ende September 2015 triumphierte Wolfgang Bosbach noch einmal. Das ZDF veröffentlichte sein „Politbarometer“ und in deutschen Wohnzimmer wunderte man sich, wer da in der Liste der „wichtigsten“ Politiker plötzlich ziemlich weit vorne auftauchte: Wolfgang Bosbach, CDU. Als einfacher Bundestagsabgeordneter zwischen Ministern und Parteichefs – und sogar einen Platz vor Bundeskanzlerin Angela Merkel. Es dürfte ihm eine diebische Freude gewesen sein.

Wolfgang Bosbach, Stachel im Fleisch der Merkel-CDU. So empfindet ihn die Öffentlichkeit – und er sich wohl auch selbst. Aufgestiegen mit dem Image eines stramm konservativen Innenpolitikers. Einer, der den Markenkern der Union repräsentierte. Vor Jahren handelten manche den Juristen als Minister. Er wurde es nicht. Die Konservativen haben es schwer unter Merkel.

Nun hat Bosbach seinen Rückzug aus der Politik angekündigt. Seit 1994 sitzt der 64-Jährige für den Rheinisch-Bergischen Kreis im Bundestag. 2017 werde er nicht mehr kandidieren, gab er bekannt. Allerdings nicht, ohne der Kanzlerin noch einen mitzugeben. „In einigen wichtigen politischen Fragen“ könne er die Haltung der CDU „nicht mehr mit der Überzeugung vertreten“, lässt er wissen.

Zu diesen wichtigen Fragen gehörten zuletzt vor allem zwei: die Eurorettungspolitik und der Umgang mit der Flüchtlingskrise. 2011 stimmte er als einer von zehn Unions-Abgeordneten gegen den Euro-Rettungsschirm. Bauchschmerzen hatten wesentlich mehr. Aber Bosbach trägt sie auch öffentlich vor sich her. Im Lager Merkels nimmt man ihm das übel. Am Rande einer Probeabstimmung raunzt ihn der damalige Kanzleramtsminister Ronald Pofalla an: „Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen.“ Bosbach verteidigt sich, beruft sich auf sein Gewissen. „Lass mich mit so einer Scheiße in Ruhe“, ätzt Pofalla.

Vielleicht war es ein Schlüsselmoment. Eigentlich beschreiben ihn Kollegen als humorvoll und ausgelassen. Damals erleben sie einen anderen Wolfgang Bosbach. Er denkt schon da an Rückzug – und macht doch weiter. Und das, obwohl sein Körper längst stark angegriffen ist. Seit 2004 trägt Bosbach, Vater dreier erwachsener Töchter, einen Herzschrittmacher. Ein Prostatakrebs hat Metastasen gestreut. Er sei „unheilbar“ krank, sagt er selbst.

Wegen der internen Differenzen gibt er den Vorsitz im Innenausschuss ab. Dann kommt die Flüchtlingskrise. Immer wieder meldet er sich in Fraktionssitzungen gegen den Kurs Merkels zu Wort, mahnt geordnete Zustände an. Wenn er spricht, applaudieren Kollegen mit den Händen unter dem Tisch, erzählen Abgeordnete.

Es ist die Zeit, in der seine Popularität so groß ist wie nie zuvor. Wer widerspricht, wird in Talkshows eingeladen. Und wer dort sitzt, hat die öffentliche Aufmerksamkeit. „Die hat er immer voll ausgereizt“, sagt Matthias Jung, Chef der Forschungsgruppe Wahlen, die das ZDF-„Politbarometer“ ermittelt.

Im Fernsehen ist er präsent, intern resignierte er zusehends. In der Fraktion meldete er sich irgendwann nicht mehr zu Wort. „Hinsichtlich der Fraktion hat er sich die innere Emigration begeben“, meint der CSU-Innenpolitiker Hans-Peter Uhl, ein langjähriger Weggefährte. Doch nicht nur am Widerspruch stören sich Parteifreunde. Auch die schier unendliche mediale Präsenz geht manchem auf die Nerven. Uhl findet das ungerecht. „Blanker Neid“, sagt er. Niemand in der Union könne Politik so gut erklären wie Bosbach.

Lesen Sie hier einen Kommentar von Merkur-Chefredakteur Georg Anastasiadis zum Rückzug von Wolfgang Bosbach.

Bosbach, der Verkäufer. Rechtsanwalt wurde er erst auf dem zweiten Bildungsweg. Davor war er Einzelhandelskaufmann, leitete in den 70er-Jahren einen Supermarkt. „Der weiß, wie man reden muss, um sein Gemüse an den Mann zu bringen“, meint Uhl. Aber es ist das Dilemma der Politik in der Mediengesellschaft: Wie lange gilt man noch als volksnaher Erklärbär – und ab wann doch eher als eitler Selbstdarsteller? Und: Gehört ein Job als Juror bei der Miss-Germany-Wahl, den Bosbach bekleidet, noch zum politischen Kerngeschäft?

Aus der Liste der wichtigsten Politiker ist Bosbach schon seit Januar wieder verschwunden. Dem Politikbetrieb bleibt er noch bis Herbst 2017 erhalten. Er werde seine Pflichten bis zum letzten Tag erfüllen, sagt er. Manche Parteifreunde werden das als Drohung empfinden, die meisten Bürger eher als Versprechen.

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