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Nach Deutschland: Flüchtlinge stehen an der österreichisch-bayerischen Grenze.

Studie

Chance oder Bedrohung? Neue Wege aus der Flüchtlingskrise

München - Die Frage, was der Zustrom an Flüchtlingen für Deutschland bedeutet, treibt viele Menschen um. Die Roland Berger Stiftung gibt sich in einer neuen Studie betont sachlich – und sieht durchaus Chancen.

Es ist eine globale Mammutaufgabe. Mehr als 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht – weil sie verfolgt werden, in ihrem Land Krieg herrscht oder weil sie sich vor Naturkatastrophen schützen. Profitiert Deutschland vom Zuzug? Oder schadet er der Gesellschaft? Die Geister scheiden sich. Von „zwei Lagern“ schreiben die Autoren der Roland Berger Stiftung in ihrer Studie „Die Flüchtlingskrise als Chance“. Statt zu spalten, wolle man „pragmatisch und unideologisch“ Lösungen aufzeigen.

Wer kommt?

Die Autoren der Studie gehen davon aus, dass von den vier Millionen Flüchtlingen, die sie bis 2020 in Deutschland erwarten, rund 2,7 Millionen Männer sind. Nur 1,3 Millionen seien Frauen. 2,8 Millionen seien unter 30 Jahre alt, 1,3 Millionen sogar minderjährig und damit besonders betreuungsbedürftig. 2,5 Millionen sind Muslime.

Zudem kommt die Stiftung zu der Erkenntnis, dass der überwiegende Teil nur gering gebildet ist. 80 Prozent hätten allenfalls eine Schulbildung, die unserem Hauptschulabschluss entspreche. Zehn Prozent hätten gar keinen Schulabschluss. Zwei Drittel der Neuankömmlinge werde zumindest keinen Berufsabschluss haben.

Die Perspektiven

Je besser die Chancen auf einen Job sind, desto leichter werden sich Flüchtlinge integrieren lassen. Ob sie sie auf dem Arbeitsmarkt zum Zug kommen, hängt laut der Studie von zwei Faktoren ab: vom Wachstum und davon, wie schnell die fortschreitende Digitalisierung dazu führt, dass Arbeitsplätze durch Computer ersetzt werden.

Grundsätzlich seien die Wachstumsprognosen „vielversprechend“, halten die Autoren fest. Möglich wären aber auch deutlich negativere Entwicklungen, etwa wenn der weltweite Wachstumsmotor China noch stärker ins Stottern geriete. Dann wäre „jeder Versuch einer geordneten und perspektivisch orientierten Integrationspolitik (...) zum Scheitern verurteilt“, heißt es.

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Pragmatische Ansätze

Die Flüchtlingszahlen 2015 bis 2020, prognostiziert von der Roland Berger Stiftung. 

Für die Autoren ist klar: Ohne Sprachkenntnisse wird die Integration nicht gelingen. Zentral sei auch, dass die Flüchtlinge unsere Kultur verstehen. „Verständnis für die Regeln unseres Zusammenlebens und das Lernen der deutschen Sprache, die diesen Regeln Ausdruck gibt, sind zwei Seiten der gleichen Medaille“, heißt es in der Studie. Dafür umreißen die Autoren sieben Aktionsfelder – von Mathematik und Technik über Politik und Gesellschaft bis hin zu Teamfähigkeit sowie Wirtschaft und Beruf. Sie fordern „einen breiten öffentlichen Aufruf“, um Paten und Mentoren zu finden, die Flüchtlinge mit dem Leben in Deutschland bekannt machen. Ein Großteil der rund 350 000 pensionierten Lehrer in Deutschland sei zudem bereit, Flüchtlinge in Deutsch zu unterrichten.

Kehrseite der Kosten

Die Hilfsmaßnahmen für Flüchtlinge wirken gleichzeitig „wie ein staatliches Konjunkturprogramm“, heißt es in der Studie. Bund, Länder und Gemeinden würden im kommenden Jahr rund elf Milliarden Euro zusätzlich ausgeben. Etliche Unternehmen profitierten davon. Zudem entstünden an Schulen, Ämtern und Krankenhäusern zehntausende neue Jobs, um die Flüchtlinge zu versorgen. Ausgaben, die der Wirtschaft helfen können, falls das Wachstum schwächeln sollte.

Til Huber

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