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Vor dem Aus: Martin Schulz geht als Parteichef und wird auch nicht Außenminister.

Martin Schulz verzichtet

Schwarzer Tag für die SPD: Sozialdemokraten sind unten angekommen

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    Sascha Karowski
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Am Mittwoch schien es noch so, als ginge die SPD als Siegerin aus den Koalitionsgesprächen. Jetzt hat sie keinen Vorsitzenden mehr und einen beschädigten Außenminister.

München - Der erste Vorbote kommt am Freitag um 11.38 Uhr in einer Eilmeldung der Nachrichtenagenturen. Nur die tiefere Bedeutung bleibt zunächst verborgen. Sigmar Gabriel, der am Donnerstag noch beleidigt alle Termine als Außenminister abgesagt hat, komme nun doch zur Münchner Sicherheitskonferenz. Es habe da „etliche Missverständnisse“ zu Gabriels Terminplanungen gegeben, sagt ein Sprecher.

Ja, Missverständnisse gibt es derzeit in der SPD viele. Sigmar Gabriels Terminchaos ist nur die Spitze des Eisbergs. Zwei Stunden später ist klar: Das eigentliche Missverständnis dieses Tages, ach was, der vergangenen zwölf Monate, heißt Martin Schulz. Es ist das Missverständnis zwischen einer Partei und einem Politiker. Eines, das in den Geschichtsbüchern der Bundesrepublik einen prominenten Platz einnehmen wird. Nur ein Jahr, nachdem ihn die Partei als Heilsbringer feierte, ihn mit nie da gewesenen 100 Prozent zum Vorsitzenden kürte, die SPD in Umfragen gar die CDU überholte, jagen ihn die Genossen vom Hof. Sie hatten in Schulz das Versprechen auf eine bessere Zukunft gesehen. Aber er hielt es nicht.

Man habe alle Kapriolen mitgemacht, heißt es am Freitag kühl in der Parteispitze. Aber die Sache mit dem Außenministerium war die eine Kapriole zu viel. Die Demontage beginnt am Donnerstagmorgen in seinem nordrhein-westfälischen Heimatverband. Die Zeitungen sind noch voll mit anerkennenden Kommentaren darüber, wie viel die SPD Angela Merkel abverhandelt hat. In der Kritik steht eher die Kanzlerin. Doch in der SPD, auch im bayerischen Landesverband, knirscht es da längst. Besonders groß ist der Unmut ausgerechnet in Nordrhein-Westfalen, dem mit Abstand größten Landesverband.

Die in Düsseldorf erscheinende „Rheinische Post“ berichtet über eine Telefonschaltkonferenz von Landesvorstand und regionalen Bundestagsabgeordneten am Donnerstagmorgen. „Wenn Schulz ins Kabinett geht, verlieren wir den Mitgliederentscheid“, habe ein ranghohes Mitglied gesagt. Alle äußern sich kritisch, auch der Landesvorsitzende Michael Groschek. Er bekommt den Auftrag: „Mike muss mit Schulz reden!“

SPD: Machtkampf an der Spitze hat sich zur Seifenoper entwickelt

Am Donnerstagabend holt dann Sigmar Gabriel zum Angriff aus: Längst hat die Geschichte von der zerrütteten Männerfreundschaft zwischen Schulz und Gabriel die Runde gemacht. Doch die Vorabmeldung eines Gabriel-Interviews rückt den Zwist endgültig in die Öffentlichkeit. Sie gipfelt in der Aussage „Für mich beginnt jetzt eine neue Zeit. Meine kleine Tochter Marie hat mir heute früh gesagt: ,Du musst nicht traurig sein, Papa, jetzt hast Du doch mehr Zeit mit uns. Das ist doch besser als mit dem Mann mit den Haaren im Gesicht‘.“

Spätestens jetzt gleicht der Machtkampf in der SPD-Spitze einer Seifenoper. Der „Mann mit den Haaren im Gesicht“ steht als machtgeiler, wortbrüchiger Ichling da. Den SPD-Vorsitz hatte er Andrea Nahles vor einigen Wochen von sich aus angetragen. Diesmal wird er zum Rückzug gedrängt. In seiner schriftlichen Erklärung liest sich das ein wenig anders. „Wir alle machen Politik für die Menschen in diesem Land“, schreibt Schulz. „Dazu gehört, dass meine persönlichen Ambitionen hinter den Interessen der Partei zurück stehen müssen.“

Längst hat die Geschichte von der zerrütteten Männerfreundschaft zwischen Schulz (l.) und Gabriel die Runde gemacht.

In der Partei herrscht Erleichterung. „Ich halte den Verzicht für absolut richtig“, sagt Münchens SPD-Chefin Claudia Tausend. „Es hat für tiefe Irritationen gesorgt – bis weit in die Basis hinein –, dass Martin Schulz zunächst angekündigt hatte, in keinem Kabinett Merkel als Minister zur Verfügung zu stehen, dann aber davon abgewichen ist und gleichzeitig Andrea Nahles als seine Nachfolgerin für den Parteivorsitz vorgeschlagen hat.“ Der Landtagsabgeordnete Florian von Brunn spricht von der besten Lösung. „Schulz hatte sich gerade erst als Parteivorsitzender wählen lassen. Da muss man eine andere Einstellung zur Verantwortung haben und kann sich ihr nicht einfach entziehen, um ein Ministeramt anzutreten.“ Und der Münchner Alt-OB Christian Ude findet: „Nun ist der Weg wieder frei für den langjährigen und beliebtesten SPD-Politiker, Sigmar Gabriel, als Außenminister.“

Doch ist es so einfach? Auch Gabriel hat sich mit seinen beleidigten Äußerungen keinen Gefallen getan. Im Lauf der Jahre hat er sich in der Parteispitze eine beachtliche Zahl von Feinden geschaffen. Sein Aufstieg zum beliebtesten Politiker des Landes ist fast so erstaunlich wie der tiefe Sturz des Martin Schulz. „Sagt Bescheid, wenn dieser Männerzirkus vorbei ist. Ich hab’s satt“, twittert die bayerische Vize-Vorsitzende Johanna Uekermann genervt. Fast unter geht bei all dem Gepolter die inhaltliche Debatte über den Koalitionsvertrag. Juso-Chef Kevin Kühnert startet am Freitagnachmittag seine Kampagne gegen die GroKo. An anderen Tagen wären ihm die Schlagzeilen sicher gewesen. In den Chaostagen der SPD verkommt sie zum Randaspekt.

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