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Die charmante Seite der Polizei

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Polizeihauptmeisterin: Christl Kern 2010 über den Dächern von München, aufgenommen im Polizeipräsidium an der Ettstraße. © Schlaf

München - Die Männerbastion fiel vor 20 Jahren: Seit 1990 dürfen die Polizistinnen Bayerns Uniform tragen. Seither sind sie auf dem Vormarsch: 4500 Frauen sorgen im Freistaat für Ruhe und Ordnung, Tendenz steigend. Polizistinnen in Grün sind längst Alltag. Einst schien das manchen undenkbar.

Der Innenminister hat sich fesch gemacht für diesen Tag: Joachim Herrmann, 53, trägt eine knallbunte Krawatte zum blauen Sakko, dazu lässt er die Augen blitzen. Bayerns oberster Polizist fühlt sich wohl hier im Palmensaal der Bereitschaftspolizei München, klar: So viele hübsche Damen auf einmal trifft er selten. Vor ihm, neben ihm, hinter ihm wimmelt es von Frauen, aus ganz Bayern sind sie angereist. Die meisten tragen eine grüne Uniform, das dürfen sie jetzt seit 20 Jahren. Und das wird heute gefeiert, mitsamt dem stolzen Dienst-Papa.

Herrmann steht jetzt vorne am Pult. „Heute sind Frauen bei der Polizei eine Selbstverständlichkeit“, sagt er in den Saal hinein. Das war nicht immer so. Was Frauen in Uniform angeht, waren die Bayern Spätzünder: Kein Bundesland zögerte länger. Der oberste Widerständler hieß Franz Josef Strauß. „Er lehnte es strikt ab, auch nur eine Diskussion zu erlauben“, erzählt Herrmann lächelnd. Die Folge: Das Thema war „bis zu seinem Tod ein Tabu“. Strauß starb im Oktober 1988, schon im März 1990 wurden uniformierte Polizistinnen eingestellt. Bis dahin hatten Frauen nur bei der Kriminalpolizei arbeiten können – in Zivil.

Christl Kern, 37, heute Polizeihauptmeisterin in München, begann ihre Ausbildung 1990 in Eichstätt – wie viele Polizisten fernab ihres Heimatorts, der in ihrem Fall im Berchtesgadener Land liegt. Weil sie mit 17 Jahren geradewegs von der Schule kam, hatte sie mit gemischten Klassen weniger Schwierigkeiten als die an Männerwelten gewohnten Ausbilder: Die quartierten die Mädels, sicher ist sicher, alle abgesondert im obersten Stockwerk ein.

„Untereinander hatten wir gar keine Probleme“, erinnert sich Kern. Wie ihre männlichen Kollegen lernte sie, im Zug zu marschieren, zu schießen („das war immer toll“), Pistolen und Gewehre zu zerlegen sowie den Kampfsport Jiu Jitsu. Rechtskunde wurde unterrichtet, dazu politische Bildung, und wenn es überhaupt Reibungsflächen gab, dann bei der Dienst-Kleidung.

Zwar mussten alle Frauen erst ihre Maße abgeben. Doch das scherte die Bekleidungs-Kommission, in der damals nur Herren saßen, herzlich wenig. Sie ließ Männer-Uniformen verteilen, die schlecht saßen und, von Frauen getragen, optisch wenig hermachten. „Da kämpfen wir noch heute“, sagt Kern, seit einer Weile Landeschefin der Frauengruppe der Gewerkschaft der Polizei (GdP). Doch einst bekam sie nur schwarze Pumps und Dienst-Strumpfhosen, dazu einen Rock, den sie exakt einmal anhatte – am Tag der offenen Tür. Irgendwann verschwand er aus dem Sortiment. „Ein Rock ist halt nicht zweckmäßig“, sagt Kern.

Kurzlebig war auch der Versuch, einsatztaktisch vorteilhafte Frisuren zu entwickeln. Star-Coiffeur Gerhard Meir aus der Münchner Theatinerstraße steckte eine Weile lang ausgewählten Polizistinnen die Haare hoch. Als es mit dem Sitz der Polizei-Mütze Probleme gab, ging das Projekt jedoch baden.

Es gab aber auch echte Sorgen. Anfangs hatten Teile der Bevölkerung gerade mit jungen Polizistinnen so ihre Not. Als Christl Kern in Traunstein ein Praktikum machte und einen Strafzettel schrieb, fragte der Betroffene ihren männlichen Kollegen, ob das Fräulein das überhaupt dürfe.

So etwas ist heute kaum denkbar: Längst zählen die gemischten Streifen zum Alltag. Und sie haben sich bewährt – nicht nur bei Gewaltdelikten gegen Frauen und Kinder, wo die weibliche Kollegin oft den besseren Zugang zu den Personen findet.

Auch manchen Inspektionen tat die Frau im Haus gut. Plötzlich wurden Kollegen angehalten, sich ein frisches Hemd anzuziehen oder den Dienstwagen zu entmüllen. „Frauen wollen ein sauberes Auto haben“, weiß Kern. Auch in diversen Dienststellen zog Ordnung ein. „Man sieht, dass eine Frau da ist“, hörte man von Besuchern.

Doch es gab auch Spannungen unter Kollegen. Dass aufstrebenden Polizistinnen mitunter ein „Busen-Bonus“ angelastet wurde, war gang und gäbe, übrigens auch unter Frauen. Werner Leberfinger, um 1990 der GdP-Chef, kannte Männer, die wegen der hübschen Kollegin um ihre Ehe bangten („Wenn mich meine Frau mit dem blonden Hasen sieht...“).

Freilich: Auch bei der Polizei gibt es Chauvis, die Frauen mit derben Sprüchen beleidigen, und im Februar 1999 erschoss sich die gemobbte Polizistin Silvia Braun mit der Dienstpistole. „Übergriffe auf Kolleginnen waren aber echte Ausreißer“, so Leberfinger.

Eine Dauersorge bei Polizistinnen ist das Thema Beruf und Familie – das gibt Innenminister Herrmann zu. „Ich verhehle nicht, dass wir noch nicht ganz da angekommen sind, wo wir hinmüssen.“ Gewiss: Drei der vier Polizistinnen, die Herrmann an diesem Tag von ihrem Beruf erzählen lässt, haben Kinder – und teils lange Elternzeiten genommen. Doch oft behindert das Trio Mutterschutz-Elternzeit-Teilzeit noch die Karriere.

Es ist kein Zufall, dass zu Beginn des Empfangs, bei der Begrüßung der Ranghöchsten, die Männer in der Überzahl sind. Begrüßt wird aber auch Liliane Matthes, seit Oktober 2009 Polizeipräsidentin von Unterfranken – die erste Frau Bayerns in diesem Amt. Es hat sich was getan in 20 Jahren.

Robert Arsenschek

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