Die Kombination aus dem Kernmodul "Tianhe" der chinesischen Raumstation und der Langer-Marsch-5B-Y2-Rakete steht im Startbereich der Wenchang Spacecraft Launch Site in der südchinesischen Provinz Hainan.
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Die Rakete mit dem Hauptmodul für die chinesische Raumstation steht bereit. Sie soll in wenigen Tagen abheben.

ISS hat bald ausgedient

China bald alleine im All? „Himmelspalast“ nimmt Gestalt an - US-Experten rechnen mit Blitzstart

China treibt sein Raumfahrtprogramm voran. Demnächst wird die Raumstation zusammengesetzt. Pekings Weltraumforscher erkunden die Mond-Rückseite, und ein Raumschiff kreist um den Mars

München/Peking - China treibt sein ehrgeiziges Raumfahrtprogramm mit großen Schritten voran. Eine Sonde ist bereits auf der Mondrückseite gelandet und ein Raumschiff kreist seit Februar im Orbit um den Mars. Nun ist die Zusammensetzung der eigenen Raumstation dran. Die Station, die „Himmelspalast“ - chinesisch „Tiangong“ - heißen wird, ist das größte Vorhaben des Programms. Wenn die veraltete internationale Raumstation ISS in den kommenden Jahren ihren Dienst einstellen wird, wäre China die einzige Nation, die einen Außenposten im All betreibt.

In den nächsten Wochen sind für den Aufbau des „Himmelspalastes“ drei Raumflüge vorgesehen. Zuerst soll das Kernmodul „Himmlische Harmonie“ („Tianhe“) an Bord einer Rakete vom Typ „Langer Marsch 5B“ vom Raumfahrtbahnhof Wenchang auf der tropischen südchinesischen Insel Hainan ins Weltall gebracht werden. Die Rakete steht bereits auf der Abschussrampe, wie Videos des chinesischen Staatsfernsehens zeigen. US-Experten rechnen daher schon am kommenden Donnerstag mit dem Start - doch ist der Termin offiziell noch unbestätigt.

2022 soll die Raumstation nach offiziellen Plänen fertig sein. Sie wird mit 16,6 Metern Länge, einem Durchmesser von 4,2 Metern und einem Gewicht von rund 90 Tonnen deutlich kleiner sein als die ISS, die 240 Tonnen wiegt. Das Kernmodul sorgt für Strom und Antrieb, bietet Unterkünfte für drei Astronauten, die bis zu sechs Monate an Bord bleiben können. Zwei weitere Teile für wissenschaftliche Experimente werden T-förmig angebaut. 

China allein im All: Keine Kooperation bei ISS - und wohl auch nicht beim „Himmelspalast“

„Der wesentliche Unterschied zur ISS ist, dass sonst keiner mitmacht“, sagte der frühere deutsche Astronaut Reinhold Ewald, heute Professor an der Universität Stuttgart. Weder beim Bau noch beim Betrieb sind andere Länder dabei. Umgekehrt war China damals auf Betreiben der USA von dem Gemeinschaftsprojekt der ISS mit den Russen und Europäern ausgeschlossen worden. China lade Forscher aus aller Welt zur Kooperation ein, zitierte das Magazin Scientific American den Chefwissenschaftler des bemannten Raumfahrtprogramms, Gu Yidong.

Das US-Recht hindert NASA-Wissenschaftler allerdings laut Scientific American daran, direkt mit China zusammenzuarbeiten. Selbst in Europa mache es Druck der NASA schwierig, Mittel für Projekte zu erhalten, die das chinesische Raumfahrtprogramm betreffen, so das Magazin. Zumindest eine internationale Kooperation unter anderen mit Deutschland ist für wissenschaftliche Experimente vorgesehen - mit dem Max-Planck-Institut für extraterrestrische Physik in Garching. 

Die Bauphase erfordert einen dichten Flugplan: Insgesamt sind elf Flüge geplant - drei Flüge mit Modulen, vier Frachtmissionen und vier bemannte Raumflüge, wie das chinesische Raumfahrtprogramm mitteilte. Kurz nach dem Start des chinesischen Kernmoduls könnte schon im Mai das Cargo-Raumschiff „Tianzhou 2“ mit Treibstoff und Versorgungsgütern folgen. Auch bereiten sich drei Astronauten vor, an Bord von „Shenzhou 12“ möglicherweise im Juni zu „Tianhe“ zu fliegen. Astronauten trainieren für die ersten vier Missionen zum Besuch des Moduls. wie die China Manned Space Agency im März mitteilte. Das Staatsfernsehen CCTV zeigt sie beim Unterwassertraining: „Unsere Astronauten trainieren in Unterwasser-Anzügen in einem gleich großen Modell der chinesischen Raumstation im Zustand neutralen Auftriebs“, sagt Yin Rui, vom chinesischen Austronautenzentrum in dem Video.

China: Akribische Vorbereitung auf den Bau der Raumstation

China bereitet das Vorhaben schon länger vor. Mit den früheren Raumlaboren Tiangong 1 und Tiangong 2 übte es Rendezvous und Auftankmanöver sowie Weltraumspaziergänge. Eigentlich sollte der Bau der Raumstation schon früher starten, aber Probleme mit der nötigen neuen Trägerrakete sorgten für Verzögerungen. Deshalb wurde die Bauphase verdichtet, damit der „Himmelspalast“ wie ursprünglich geplant 2022 fertig werden kann. „Wir werden an mehreren Fronten gleichzeitig kämpfen“, sagte Zhou Jianping, Chefdesigner des bemannten Raumfahrtprogramms (CMS) laut Staatsfernsehen. Drei Raketenprojekte werden an zwei Raumfahrtbahnhöfen gleichzeitig verfolgt. „Wir werden echt beschäftigt sein - und was noch wichtiger ist: Wir müssen Erfolg, Qualität, Sicherheit und Verlässlichkeit wahren.“ Es werde eine große Herausforderung, so der australische Experte Morris Jones. „Eine Raumstation muss in der Lage sein, menschliches Leben über längere Zeit zu unterstützen. Das erfordert hoch verlässliche Systeme.“

Chinas seit Februar im Orbit um den Mars kreisendes Raumschiff soll Mitte Mai ein Abstiegsmodul einsetzen, um die erste Landung des Landes auf dem Roten Planeten zu versuchen. China plant zudem ein Weltraum-Teleskops ähnlich dem amerikanischen Hubble-Teleskop, das ab etwa 2024 in derselben Umlaufbahn in einigen hundert Kilometern Entfernung betrieben werden solle, schreibt Scientific American. Als Teil des „Himmelspalastes“ werde das China Sky Survey Telescope das 300-fache Hubble-Sichtfeld haben und ein breites wissenschaftliches Spektrum im nahen ultravioletten und optischen Wellenbereich abdecken.

USA und Russland: Pläne für eigene Weltraumpräsenz nach ISS-Ende - aber frühestens ab 2024

Russland und die USA noch diskutieren noch, was demnächst mit der ISS geschehen soll. Parallel denken beide an eigene neue Außenposten im All. Die russische Raumfahrtbehörde Roskosmos hätte gerne 2030 eine eigene Station in einer Erdumlaufbahn, während die Nasa den Mond im Blick hat. Die Gateway genannte US-Station soll den Erdtrabanten umrunden und Unterstützung für eine „langfristige Rückkehr von Menschen auf die Oberfläche des Mondes“ sowie eine Basis für die Erkundung des tieferen Weltraums bieten. Frühestens 2024 könnten erste Komponenten ins All gebracht werden, heißt es von der Nasa. Die chinesischen Astronauten könnten dabei vom „Himmelspalast“ aus zuschauen (ck/dpa)

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