Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban und Chinas Präsident Xi Jinping schütteln die Hände auf dem Forum zur „Neuen Seidenstraße“ im April 2019 in Peking
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Erfolgreiche Impfdiplomatie: Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban und Chinas Präsident Xi Jinping (Archivbild)

Ganzes Land als „Labor“?

Mit Chinas Hilfe: Serbien und Ungarn düpieren EU beim Corona-Impfen - doch es gibt auch Sorgen

  • Christiane Kühl
    vonChristiane Kühl
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Serbien und Ungarn verimpfen im großen Stil die chinesischen Impfstoffe. Beide Länder begründen den Schritt mit schleppenden Lieferungen aus der EU.

München - Serbien ist nicht in der Europäischen Union und meilenweit von Deutschlands Wirtschaftskraft entfernt. Doch bei den Corona-Impfungen geht es in Serbien deutlich schneller voran als hierzulande - und in den anderen EU-Ländern. Großbritannien ist das einzige Land in Europa, in dem der Anteil der Geimpften derzeit höher liegt als in Serbien. Das liegt auch daran, dass sich Serbiens Regierung auch aus China und Russland mit Corona-Impfdosen beliefern lässt.

Als einziges Land in der EU hat Ungarn den chinesischen Sinopharm-Impfstoff zugelassen und fünf Millionen Dosen bestellt. Am Mittwoch begann das Land, die chinesischen Vakzine zu verimpfen. Innerhalb einer Woche sollen 275.000 Menschen mit dem in der EU nicht zugelassenen Mittel geimpft werden, erklärte die Oberste Amtsärztin Cecilia Müller in einer Online-Pressekonferenz. „Damit unternehmen wir einen wichtigen Schritt zum Schutz der Bevölkerung vor dem Coronavirus“, fügte sie hinzu. Beide Länder begründen ihre Bestellungen in China mit der schleppenden Lieferung der in Europa zugelassenen Vakzine.

Serbien und Ungarn: Enttäuscht über schleppende Lieferungen aus der EU

In der großen Messehalle in Belgrad haben dutzende Krankenschwestern in Schutzanzügen schon zahlreiche Corona-Impfspritzen älteren ebenso wie jungen Menschen injiziert. Meist dauert es dort von Ankunft bis zur Impfung nur 15 Minuten. Serbien hat laut dem Bloomberg Vaccine Tracker der gleichnamigen Nachrichtenagentur mit 1.364.000 Impfdosen bisher knapp 20 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Dosis gespritzt. Gut 7 Prozent haben bereits zwei Dosen erhalten. In Ungarn haben immerhin 7,4 Prozent mindestens eine Dosis erhalten. Zum Vergleich: In Deutschland liegt die Rate bei 6,7 Prozent.

Bis Mitte Februar wurden in Serbien nach lokalen Berichten 544.000 chinesische Impfdosen gespritzt. In Ungarn waren bis Mittwoch vor allem die Impfstoffe von Biontech-Pfizer, Moderna und Astrazeneca sowie in kleineren Mengen das russische Vakzin Sputnik V eingesetzt worden. Auch in Serbien waren kleinere Mengen dieser Impfstoffe angekommen - bis Anfang Februar aber beispielsweise nur 11.000 Dosen der Biontech-Pfizer-Impfung.

Ankunft aus China: Serbien hat bisher mehr als eine halbe Million Menschen mit dem chinesischen Sinopharm-Vakzin geimpft.

China: Serbiens Präsident Vucic preist Impf-Kooperation - und sich selbst

Die Lieferungen nach Osteuropa sind Teil der chinesischen Impfdiplomatie. China verkaufe seine Corona-Impfstoffe in 27 Länder und beliefere 53 arme Länder kostenlos, sagte kürzlich Außenminister Wang Yi. Eine Gratissendung wurde kürzlich auch nach Belarus geliefert. China sei das erste Land, das Impfstoffe zu einem öffentlichen globalen Gut mache, betonte das Außenministerium in Peking.

Die Impflieferungen nach Europa sind ein diplomatischer Coup für China, das um Einfluss im Osten und Südosten Europas bemüht ist. Gerade in Serbien ist das Land damit seit Jahren erfolgreich. Serbiens Präsident Aleksandar Vucic gilt als ausgesprochen China-freundlich und inszeniert sich gern als Held in der Corona-Krise. „Ich habe Xi Jinping im Oktober geschrieben, und der Preis wurde drastisch reduziert“, sagte Vucic etwa örtlichen Medien über seine Verhandlungen mit Chinas Präsident über die Sinopharm-Lieferungen. „Vucic, Putin und Xi retten Serbien“, fasste eine regierungsfreundliche Boulevard-Zeitung die Impfsituation zusammen.

Händedruck unter Freunden: Serbiens Präsident Aleksandar Vucic und Chinas Präsident Xi Jinping (Archivbild).

Ungarns Regierungschef Viktor Orban lobte kürzlich Serbiens „inspirierendes Beispiel“ bei der Impfstoff-Beschaffung. Das Nachbarland sei ein „Labor“ um zu testen, wie es mit dem Sinopharm-Vakzin läuft.

EU: Größter Handelspartner Serbiens - aber Belgrad sieht sich zwischen Ost und West

Die EU ist zwar der größte Handelspartner und Investor in Serbien, und Serbien möchte weiter EU-Mitglied werden. „Dennoch haben serbische Beamte mit wenigen Ausnahmen die Zusammenarbeit mit Brüssel nicht so hervorgehoben wie die mit China“, betont Stefan Vladisavljev vom Belgrade Fund for Political Excellence in einem Beitrag für CHOICE, ein Netzwerk osteuropäischer China-Experten. „Serbien war wieder einmal positioniert zwischen dem Westen und dem Osten.“

In Serbien werden immer wieder Vorwürfe gegen die EU laut, sie lasse die Westbalkanländer im Ringen um Corona-Impfungen im Stich. Abgesehen von Albanien ist Serbien das einzige Land der Region, das überhaupt schon mit der Immunisierung begonnen hat. „In einer Zeit, in der serbische Beamte für den chinesischen Impfstoff werben und die Zusammenarbeit mit China loben, leistet die EU keine sichtbare Hilfe, sondern kritisiert wiederholt die chinesisch-serbische Freundschaft“, so Vladisavljev. Die EU streitet derweil selbst mit den Herstellern, wie deren Lieferverpflichtungen erfüllt und die Produktionskapazitäten erhöht werden können.

China-Impfstoff: Sorge auch in Osteuropa über überstürzte Notzulassung

In die Erleichterung über die Ankunft chinesischer Impfstoffe mischt sich in Ungarn und Serbien indes durchaus Sorge über die überstürzte Zulassung der Sinopharm-Vakzine. In Ungarn etwa erhielt der Sinopharm-Impfstoff erst kurz nach der Lieferung eine Notzulassung. Auch in Serbien gab es ein verkürztes Verfahren. In ungarischen Fachkreisen schlägt dem chinesischen Impfstoff daher wegen fehlender Studien Skepsis entgegen. „Über die Wirksamkeit der Impfung liegen wenig Informationen vor“, schrieb ein Budapester Hausarzt laut einem Bericht der Nachrichtenagentur AFP in einer E-Mail an seine Patienten. „Ich kann nicht sagen, wem sie empfohlen werden kann - doch wer sie haben will, dem verabreiche ich sie.“ Sollten die EU oder das Impfstoff-Programm der Vereinten Nationen Covax ihre Lieferungen steigern, dürfte das in der Region durchaus willkommen sein. (ck mit dpa und AFP)

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