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China: Corona-Welle im Nordosten weitet sich aus – Millionenstadt mit BMW-Standort abgeriegelt

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Von: Christiane Kühl

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Ein medizinischer Mitarbeiter entnimmt einem Bewohner Changchuns eine Abstrichprobe für einen PCR-Test
Corona-Massentest in Jilins Provinzhauptstadt Changchun: Chinas Nordosten wird zum Hotspot. © Zhang Jian/Imago/Xinhua

Corona breitet sich im Nordosten Chinas immer weiter aus. Erneut muss mit Shenyang eine Neun-Millionenmetropole in den Lockdown. Trotz hoher Kosten hält China weiter an der Null-Covid-Politik fest.

Update vom 22. März 09.30 Uhr: Das Coronavirus* breitet sich in Nordostchina offenbar immer weiter aus. Angesichts anhaltend hoher Infektionszahlen haben Chinas Behörden am späten Montagabend über eine weitere Neun-Millionen-Stadt der Region den Lockdown verhängt. Die Einwohner des Industriestandorts Shenyang dürfen seither ihre Wohnanlagen nur mit einem aktuellen negativen Corona-Test verlassen. Shenyang ist die wichtigste Wirtschaftsmetropole des Nordostens. Dort hat BMW eines seiner größten Werke weltweit; auch viele Zulieferer sind dort aktiv.

Shenyang ist die Hauptstadt der Provinz Liaoning, die an die Provinz Jilin grenzt – aktuell die am heftigsten betroffene Provinz des Landes. Dort gilt in der Provinzhauptstadt Changchun und der gleichnamigen Stadt Jilin eine Ausgangssperre. Drei VW-Werke in Changchun haben ihre Produktion bis mindestens Dienstag unterbrochen. Die chinesischen Gesundheitsbehörden meldeten am Dienstag landesweit knapp 4800 neue Infektionsfälle binnen eines Tages, etwas mehr als am Montag. Die meisten von ihnen wurden in Jilin nachgewiesen, das an Russland und Nordkorea grenzt.

Dass Shenyang mit nur 47 Neuinfektionen in den Lockdown muss, zeigt die hochgradige Nervosität der Behörden. Die Impfquote unter Älteren ist niedrig. Auch bringt die aktuelle Welle mit der hochansteckenden Omikron-Variante das Gesundheitssystem inzwischen an seine Belastungsgrenzen. In Jilin waren am Montag die ersten 10.000 Dosen des oralen Covid-Medikaments Paxlovid des US-Konzerns Pfizer eingetroffen. Es ist das erste Mal, dass Paxlovid in China eingesetzt wird.

Covid in China: VW-Werke bleiben geschlossen

Update vom 21. März 2022, 9.10 Uhr: Die Volkswagen-Werke in der abgeriegelten nordchinesischen Stadt Changchuns tehen wegen der aktuellen Corona-Welle weiter still. Wie eine Sprecherin am Montag in Peking mitteilte, muss VW den Produktionsstopp in drei Werken wegen des Lockdowns zunächst bis Dienstag verlängern. Es ist bereits das zweite Mal, dass VW die Unterbrechung verlängert. In Changchun sind ein VW-Werk, ein Audi-Werk sowie ein Komponentenwerk betroffen. Alle drei werden gemeinsam mit dem chinesischen Partner FAW betrieben. Wie eine Sprecherin am Montag in Peking mitteilte, läuft die Produktion in den VW-Werken in Shanghai weiter.

Die Behörden von Changchun hatten vor mehr als einer Woche einen Lockdown für die Neun-Millionen-Metropole angeordnet, der am Sonntag noch einmal verschärft worden war. China wird gegenwärtig von seiner schlimmsten Corona-Welle seit Beginn der Pandemie vor gut zwei Jahren überrollt. Am Montag meldeten 61 Städte im ganzen Land neue Fälle. Insgesamt gibt es in China demnach am Montag 4331 Neuinfektionen, von denen knapp die Hälfte Symptome zeigen. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen liegt damit seit Tagen relativ stabil bei rund 4000.

Chinas Finanzmetropole Shanghai* meldete am Montag einen Rekordanstieg der täglichen lokalen Covid-19-Infektionen, der auch auf die laufenden Massentests zurückzuführen ist. Denn von den gemeldeten 759 Neuinfektionen waren satte 734 Fälle ohne Symptome. Diese wären ohne die Massentests wohl nicht so schnell entdeckt worden. Das zeigt aber auch, dass es in China wohl auch eine hohe Dunkelziffer gibt – vor allem dort, wo nicht massenhaft getestet wird.

China: Weitere Millionen im Corona-Lockdown

Update vom 20. März 2022, 18.20 Uhr: China schickt in der laufenden Omikron-Welle weitere Millionen Menschen in den Lockdown. Die seit dem 11. März abgeriegelte Stadt Changchun verschärfte am Sonntag für drei Tage den Lockdown für ihre neun Millionen Einwohner. Bislang durften sie alle zwei Tage zum Einkaufen ihre Wohnung verlassen.

Nun soll vorerst nur noch medizinisches und anderes zur Pandemie-Bekämpfung notwendiges Personal nach draußen gehen dürfen. Changchun ist die Hauptstadt der am stärksten betroffenen Provinz Jilin. Auch in der zweitgrößten Stadt der Provinz, die ebenfalls Jilin heißt, dürfen etwa 4,5 Millionen Menschen ab Montagabend ihre Häuser für drei Tage nicht verlassen, wie die örtlichen Behörden am Sonntag mitteilten.

Die Zahl der Fälle ist für chinesische Verhältnisse weiter hoch. Am Samstag und Sonntag meldeten die Behörden landesweit jeweils rund 4000 Neuinfektionen. Zwei Drittel davon entfielen auf den Hotspot Jilin. China arbeitet zudem weiter hektisch am Ausbau der Krankenhaus-Kapazitäten, um eine Überlastung des Gesundheitssystems zu verhindern. Allein in der Provinz Jilin wurden acht provisorische Krankenhäuser und zwei Quarantänezentren errichtet. China ist ein Schwellenland und hat daher nicht überall hochmoderne Krankenhäuser.

China: Erste Todesfälle seit mehr als einem Jahr

Update vom 19. März 2022, 9.30 Uhr: China* hat zum ersten Mal seit über einem Jahr zwei Corona-Todesfälle gemeldet. Beide Covid-19-Patienten starben in der nordöstlichen Provinz Jilin, wie die Nationale Gesundheitskommission am Samstag mitteilte. Jilin ist die am stärksten von der aktuellen Welle betroffene Provinz. Dort haben die Behörden inzwischen acht Behelfskrankenhäuser und zwei Quarantäne-Zentren errichtet. Denn normalerweise gibt es in der Provinz nur rund 23.000 Krankenhausbetten für rund 24 Millionen Einwohner.

Das zeigt den enormen Aufwand, den viele Regionen für die strikte Corona-Bekämpfung betreiben müssen. Das zehrt offenbar zunehmend an den Finanzen der Kommunen. Beim ersten Ausbruch Anfang 2020 hatte die Zentralregierung Mittel bereitgestellt, um die lokalen Regierungen bei der Bekämpfung der Pandemie zu unterstützen. Doch seit 2021 müssen die lokalen Behörden diese Kosten selbst tragen.

Den letzten Corona-Toten hatte die Volksrepublik am 26. Januar 2021 gemeldet. Insgesamt starben in China seit Beginn der Pandemie 4638 Menschen an oder mit dem Coronavirus. Die Zahl der Neuinfektionen lag am Samstag landesweit bei 4051 und damit etwas niedriger als am Freitag mit 4365.

Shenzhen: Lockerung des Corona-Lockdowns

Erstmeldung vom 18.3.2022: Shenzhen/München – Die südchinesische Wirtschaftsmetropole Shenzhen* hat ihren strikten Corona-Lockdown gelockert. In der 17-Millionen-Einwohner-Stadt, die seit Sonntag vollständig abgeriegelt war, dürfen Fabriken und andere Betriebe in vier Stadtbezirken und einer Sonderwirtschaftszone wieder arbeiten, teilten die Behörden mit. Der iPhone-Hersteller Foxconn hatte bereits am Donnerstag wieder begonnen zu produzieren*, nachdem er für die Mitarbeitenden eine Art „Blase“ geschaffen hatte.

Doch die laufende Omikron-Welle ist noch lange nicht ausgestanden. Am Freitag meldeten die Gesundheitsbehörden landesweit 4365 Neuinfektionen. Damit steigen die Zahlen nach einer Delle zur Wochenmitte nun wieder an. Chinas Regierungsspitze beharrt unterdessen weiter auf Null Toleranz gegenüber dem Virus. Staatschef Xi Jinping* unterstrich am Donnerstag die Notwendigkeit, das Leben der Menschen in den Vordergrund zu stellen und „mit wissenschaftlichen und gezielten Maßnahmen an der dynamischen Null-COVID-Strategie“ festzuhalten. Xi forderte zugleich, die Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft des Landes zu „minimieren“.

Noch immer sind mehrere Städte im Lockdown, und überall im Land bekämpfen die Behörden mit Massentests und verschiedenen Beschränkungen lokale Infektionsherde. Das erstreckt sich inzwischen auch in einige ländliche Regionen.

Ein chinesischer Gesundheitsmitarbeiter testet einen Bauern während der Feldarbeit auf das Coronavirus.
PCR-Test während der Feldarbeit: Pandemiebekämpfung auf dem Land in China © Sun Zhenghao/Imago/Xinhua

Ein Grund für die anhaltende Nervosität der Regierung dürfte die niedrige Impfquote unter älteren Menschen in China sein. Nur etwa 51 Prozent der über 80-Jährigen hätten zwei Impfungen erhalten, teilten Gesundheitsbeamte am Freitag in Peking mit. Jeder fünfte sei geboostert. Es ist das erste Mal, dass China die Impfquote nach Altersgruppen aufgeschlüsselt hat. In Hongkong sind in dem aktuellen schweren Corona-Ausbruch aufgrund der ebenfalls niedrigen Impfrate bereits viele Ältere schwer erkrankt und gestorben*. Insgesamt seien 87,9 Prozent der 1,4 Milliarden Menschen in China zweifach geimpft, so die Behörden. Das ist ein vergleichsweise hoher Prozentsatz. Doch niemand weiß genau, wie gut die chinesischen Vakzine gegen die Omikron-Variante schützen.

China: Erste Anpassungen in der Pandemie-Bekämpfung

Doch es gibt erste Anzeichen für eine Debatte hinter den Kulissen. Immer wieder hatten einzelne chinesische Wissenschaftler und Experten in den vergangenen Wochen aufgrund der wirtschaftlichen und sozialen Folgen der immer neuen Lockdowns und Massentestungen Zweifel an der Null-Covid-Politik geäußert.

Auch gibt es erste vorsichtige Anpassungen in der Pandemie-Bekämpfung. So gaben die Gesundheitsbehörden am Freitag bekannt, bei PCR-Tests die Schwelle beim sogenannten ct-Wert für einen als positiv eingestuftes Ergebnis an internationale Maßstäbe anzupassen. Dieser ct-Wert (cycle-threshold-Wert) gibt die Viruslast einer infizierten Person an und zeigt zudem das von dieser Person ausgehende Risiko. In China galt bislang ein ct-Wert von 40. Doch nun soll er gemäß internationalen Standards bei 35 liegen. Während der Olympischen Spiele hatte die unterschiedliche Bewertung von PCR-Tests bei mehreren Athleten-Delegationen für Unmut* gesorgt. Positiv Getestete mit nur milden oder gar keinen Symptomen müssen ab sofort nur noch in Quarantänezentren umziehen statt in Spezialkliniken. Dort sollen mehr Betten für schwerer Erkrankte freigehalten werden.

Shenzhen: Lockerung auch aus Sorge vor wirtschaftlichen Folgen

Stärker berücksichtigt werden offenbar auch wirtschaftliche Folgen der Lockdowns. Shenzhen ist ein wichtiger Industrie- und Technologie-Standort mit großem Containerhafen. Viele Betriebe mussten die Produktion vorübergehend einstellen; im benachbarten Hongkong brachen daraufhin die Börsenkurse ein. Die nun angekündigten Lockerungen sollen die „Prävention und Bekämpfung der Epidemie“ mit der „wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung in Einklang bringen“, wie der Corona-Krisenstab der Stadt mitteilte. Die Corona-Lage in Shenzhen sei weiterhin „ernst“, aber „kontrollierbar“. (ck/AFP) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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