Zwei Männer schieben eine Kiste an einem Logo des H&M-Bekleidungsgeschäft vorbei.
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Geschäft der im Frühjahr boykottierten Modekette H&M in Peking: Europäische Firmen wollen weiter in China investieren - der Geopolitik zum Trotz.

Umfrage der EU-Handelskammer in Peking

China-Geschäft: Europas Firmen wollen weiter investieren - trotz massiver geopolitischer Spannungen

  • Christiane Kühl
    vonChristiane Kühl
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Für europäische Firmen kommt ein Rückzug aus China nicht in Frage - trotz geopolitischer Spannungen mit der Volksrepublik. Im Gegenteil: Sie wollen expandieren.

Peking/München - Die geopolitische Lage ist schwierig, doch das Geschäft brummt. Europäische Unternehmen in China wollen sich deshalb in Zukunft noch stärker in der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt engagieren. In einer am Dienstag in Peking präsentierten Umfrage der EU-Handelskammer in China (EUCCC) gaben 59 Prozent der Firmen an, darüber nachzudenken, ihre Aktivitäten in China weiter auszubauen. Der Anteil von Firmen, die einen Rückzug erwägen, lag dagegen mit neun Prozent so niedrig wie noch nie bei der alljährlichen Befragung. Und das, obwohl 41 Prozent der Befragten eine zunehmende Politisierung des Geschäftslebens in China beklagen - und die Hälfte die Schuld daran der chinesischen Regierung gibt.

Die dennoch positive Grundstimmung mag auch daran liegen, dass die Unternehmen im Corona-Jahr 2020 viel bessere Geschäfte gemacht haben als erwartet. Anfang 2020 hatte die Hälfte der Firmen mit Umsatzeinbrüchen gerechnet und nur jede Zweihundertste mit einem Plus. Doch tatsächlich verzeichneten 42 Prozent steigende Einnahmen, vor allem jene im Konsumbereich: „Dies war vor allem chinesischen Kunden zu verdanken, die, weil sie nicht reisen konnten, einen größeren Teil ihres verfügbaren Einkommens für den Kauf von Autos, Kosmetika und Kleidung ausgaben”, so die Umfragestudie. Nur ein Viertel meldete sinkende Einnahmen - vor allem in von der Pandemie direkt getroffenen Branchen wie dem Reisesektor. 

Noch immer steht die Welt im Zeichen der Pandemie, und da ist der offenkundige China-Optimismus - bei gleichzeitigen Klagen über alte und neue Probleme im Land - fast erstaunlich: 68 Prozent der Befragten erwarten positive Entwicklungen in ihrer Branche, nach nur 45 Prozent im Vor-Corona-Jahr 2019.

China-Geschäft: Alte und neue Probleme

Altbekannt ist das Thema Marktzugang in China: 45 Prozent der Firmen klagen über Beschränkungen - ein seit Jahren konstanter Wert. 44 Prozent sehen eine Ungleichbehandlung gegenüber chinesischen Firmen - etwa bei Lizenzvergaben oder Zugriff auf Subventionszahlungen. 16 Prozent der Unternehmen leiden weiterhin unter einem Zwang zum Technologietransfer an chinesische Partner. Es gibt aber auch Fortschritte: 2021 bezeichnete erstmals eine Mehrheit der Befragten den Umgang mit dem Dauerthema Geistiges Eigentum als angemessen oder sogar ausgezeichnet. Dieses sind typische Themen der komplizierten Handelspolitik mit China.

Doch inzwischen ist das längst nicht mehr alles, was die Unternehmen umtreibt. Immer weniger können sie sich den Vorgängen der globalen Geopolitik entziehen. Seit Jahren läuft bereits der Handelskrieg Chinas mit den USA. Und nun haben sich auch die Beziehungen zwischen der EU und China verschlechtert - unter anderem im Streit um die Menschenrechtslage in der nordwestchinesischen Region Xinjiang. Im März verhängte Brüssel Sanktionen gegen vier Politiker und eine paramilitärische Organisation aus Xinjiang - worauf Peking mit einem weitaus größeren Rundumschlag antwortete: Sanktionen gegen EU-Abgeordnete, Diplomaten und Denkfabriken. Chinesische Nationalisten puschten - mindestens toleriert von der Regierung - in der Folge Boykotte etwa gegen die schwedische Bekleidungskette H&M. „Geopolitische Spannungen zwingen uns dazu, unsere Strategie zu ändern“, sagte EUCCC-Vorstandsmitglied Charlotte Roule bei der Präsentation in Peking.

China-Geschäft: Strategien zum Umgang mit politischen Spannungen

Ein Beispiel dafür sind Störungen der globalen Lieferketten durch den Handelskrieg. Die USA und China erhoben gegenseitige Strafzölle, der Handel mit einzelnen Technologie-Komponenten ist unterbrochen. Das betrifft letztlich auch Firmen aus Drittstatten. Unter anderem führte der Konflikt indirekt zu einer globalen Knappheit an Chips und Halbleitern, die in fast allen Branchen gebraucht werden. Die Antwort der Firmen ist aber eben nicht, China zu verlassen - sondern im Gegenteil die gesamte Lieferkette in China zu konzentrieren. EUCCC-Präsident Jörg Wuttke beobachtet eine enorme Lokalisierungswelle. „Die Unternehmen überlegen, wie sie verschiedene Teile ihrer China-Aktivitäten von ihren globalen entkoppeln können“, sagte Wuttke zu Merkur.de. Dies geschehe, damit sich die gesamte Lieferkette an einem Ort befindet und externe Faktoren wie Handelskriege sie nicht durchbrechen können. 26 Prozent der befragten Firmen gaben an, weitere Teile ihrer Lieferketten nach China bringen zu wollen.

China-Geschäft: Corona-Politik lässt Manager im Ausland stranden

Eines der allergrößten Probleme der Firmen aber sind die in China nach wie vor geltenden strikten Corona-Einreisebeschränkungen. Diese wurden verhängt, als die erste Welle der Pandemie in Europa und den USA wütete. 73 Prozent der Firmen bereitet dies Probleme: Sie können keine Fachkräfte ins Land bringen - etwa um Anlagen bei Kunden zu installieren. Auch können noch immer manche ausländischen Manager nicht an ihre Jobs in China zurückkehren. „Die Zahl der Expats stürzt regelrecht ab”, berichtet Wuttke. Die Kammer habe von Mitgliedern erfahren, dass so manche der im Ausland festsitzenden Expats eine Rückkehr nach China inzwischen aufgegeben haben und sich anderswo niederlassen, heißt es in der Untersuchung. Dabei gehe „langjährige China-Erfahrung verloren, die möglicherweise nicht wiedererlangt werden kann.” Auch könne eine Kluft zwischen der China-Niederlassung und dem Hauptsitz entstehen.

Eine Geschäftsaufgabe ist trotzdem keine Option. Eine überraschende Erkenntnis der Umfrage war laut Wuttke, dass satte 72 Prozent der Befragten chinesische Unternehmen heute als ebenso innovativ oder noch innovativer ansehen als europäische. Dies sei einer der Hauptgründe, warum die Mitglieder in China bleiben wollen und müssen, so die Untersuchung: Die Firmen übten dort den Wettbewerb mit künftigen Konkurrenten auf dem Weltmarkt. (ck)

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