Zwei junge Chines:innen vor einem Nike-Store im Einkaufsviertel Sanlitun in Peking
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Nike setzt in China auf eine an lokalen Vorlieben orientierte Werbe-Ästhetik- bis zum aktuellen Boykott sehr erfolgreich.

Antiasiatischer Rassismus

China: Entfremdung vom einstigen Vorbild USA - und der westlichen Kultur

  • Christiane Kühl
    vonChristiane Kühl
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In China und im Westen wächst die Abneigung gegenüber der jeweils anderen Seite. Auch die kulturelle Bewunderung für den Westen in China geht zurück. Das hat Konsequenzen für die Politik.

München/Peking/Washington - Die Wirtschaft fürchtet eine Entkopplung zwischen China und dem Westen - etwa bei Digitalisierung oder globalen Lieferketten. Bei der öffentlichen Wahrnehmung findet dies längst statt. Die Meinung im Westen über China sinkt auf immer neue Tiefstände. Gerade im Corona-Jahr 2020 schnellten negative China-Ansichten nach Daten des angesehenen US-Meinungsforschungsinstituts Pew Research rasant in die Höhe. Umgekehrt distanzieren sich junge Chinesen vom Westen und seiner Kultur.

In einer im Oktober 2020 veröffentlichen Pew-Studie waren in allen untersuchten Staaten negative Meinungen zu China in der Mehrheit. In Australien, Großbritannien, Deutschland, den Niederlanden, Schweden, den USA, Südkorea, Spanien und Kanada haben solche negative Ansichten den höchsten Stand seit Beginn dieser Erhebungen vor mehr als zehn Jahren erreicht, so Pew. In vielen dieser Länder hatte eine Mehrheit noch vor wenigen Jahren China positiv gesehen. In Japan stehen 86 Prozent China negativ gegenüber, in Australien 81 Prozent. In Deutschland, Schweden, Großbritannien, Frankreich, den USA und Kanada sind es rund drei Viertel. 

China: Entfremdung vom einstigen Vorbild USA - und der westlichen Kultur

Umgekehrt entfremden sich die Chines:innen zunehmend vom einst vielfach bewunderten Westen. Harte Umfragedaten gibt es aus der Volksrepublik zwar nicht. Aber eine Abkehr von den USA und Europa ist dennoch auf vielerlei Ebenen zu beobachten. Junge Leute in China haben etwa nach Beobachtungen der beiden US-Experten Eyck Freymann und Brian Y.S. Wong zwei Hauptprobleme mit dem Westen. Die jüngste Flut von Hassverbrechen gegen eingewanderte Chines:innen und Asiat:innen in den USA offenbare aus chinesischer Sicht eine Haltung „Weißer Überlegenheit“ im Herzen der angelsächsischen Kultur, schreiben Freymann und Wong im US-Fachmagazin Foreign Policy - und zwar in Form von „Angst vor ethnischen Chinesen und Verachtung für chinesische Werte”. Außerdem beweise nach Ansicht junger Chines:innen das „Versagen der westlichen Länder im Kampf gegen die Covid-19-Pandemie, dass die liberale Demokratie der chinesischen meritokratischen Einparteienherrschaft unterlegen ist.” 

Solche Sichtweisen sind relativ neu - auch wenn die Propaganda der Kommunistischen Partei Chinas seit Jahrzehnten die Überlegenheit des chinesischen Systems betont. Erst jetzt scheinen dies auch die Menschen zu glauben. Aus westlicher Perspektive ist es indes kaum vorstellbar, dass jemand freiwillig das Leben in einer Diktatur vorziehen könne.

Desinteresse an anderen Ländern und Vorurteile: Problem für die globalisierte Welt

Aber die globalisierte Welt hat ein Problem, wenn alle Menschen die Bewohner:innen anderer Staaten mit ihrer jeweiligen Regierung gleichsetzen - und das Interesse aneinander verlieren. Ebenso wie in Europa sind auch in China nicht alle Menschen militante Nationalist:innen: Gehört werden überall als erstes die lautesten Stimmen - wie zuletzt in China jene, die im Konflikt um Xinjiang zum Boykott westlicher Modefirmen wie H&M, Adidas oder Nike aufriefen. Solche Boykottaktionen haben früher in China nie lange angehalten - sollte es dieses Mal anders sein, wäre das eine Zäsur.

China: Marketing an den lokalen Geschmack anpassen - Nike bisher durchaus erfolgreich

Westliche Marken müssen sich generell heute viel stärker auf die Vorlieben chinesischer Kund:innen einstellen. Junge Konsument:innen fange man nicht mehr mit westlicher Werbung oder westlicher Symbolik ein, zitierte die Hongkonger South China Morning Post Liu Xin, Kreativdirektorin einer führenden Werbeagentur: „Heutzutage bevorzugen junge Chines:innen unabhängig von Produktdesign oder Werbekreativität chinesische und orientalische Elemente.” Als Beispiel nennt Liu in dem Artikel Nike, das sein Image als US-Marke allmählich schwäche und stattdessen auf den Einsatz inländischer Meinungsführer und kultureller Konzepte setze. Bis zum aktuellen Boykott ging das Konzept auf. Auch Hollywood-Filme sinken in der Gunst chinesischer Kinofans; junge Chines:innen lassen sich heute in Mode oder Musik eher von Trends in Japan und Südkorea inspirieren als vom Westen. 

Der Fokus auf die vertraute eigene Kultur an sich ist normal - auch in Asien. Umgekehrt gibt es im Westen ebenfalls wenig Kenntnis etwa über die Popkultur Ostasiens - oder gar Einfluss auf die westliche Unterhaltung. Zu den wenigen Ausnahmen gehören der 2020 mit dem Oscar ausgezeichnete koreanische Film „Parasite“ oder Science-Fiction-Romane aus China, die immer mehr Fans in der weltweiten Szene haben.

China und der Westen: Negative Sichtweisen verstärken harten Kurs

Welchen Einfluss die gegenseitige Abkehr in der öffentlichen Meinung auf die internationale Politik haben wird, ist noch offen. Es wird davon abhängen, wie sehr die Regierungen ihre Politik an der öffentlichen Meinung ausrichten. Rund neun von zehn Erwachsenen in den USA betrachten China laut einer weiteren Pew-Umfrage eher als Konkurrent oder Feind denn als Partner. Viele Amerikaner unterstützen einen harten China-Kurs, etwa wirtschaftlich oder durch die Beschränkung der Zahlen chinesischer Studenten an US-Universitäten. 67 Prozent äußerten auf einem ‘Gefühlsthermometer’ „kalte“ Gefühle gegenüber China. In dieser Stimmung sind auf allen Seiten markige Worte und gegenseitige Sanktionen für Politiker:innen attraktive Instrumente. Kompromisse sind dagegen unpopulär. Aber sie werden in einer schrumpfenden Welt immer wieder nötig sein. (ck)

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