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China: So viele Neuinfektionen wie seit zwei Jahren nicht mehr – stößt „Null-Covid-Strategie“ an ihre Grenzen?

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Von: Sven Hauberg

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China, Hongkong: Eine Patientin liegt auf einem Krankenhausbett in einem provisorischen Wartebereich vor dem Caritas Medical Centre.
Eine Patientin in einem provisorischen Wartebereich vor dem Caritas Medical Centre in Hongkong: Die Pandemie belastet das Gesundheitssystem in Hongkong. © Vincent Yu/AP/dpa

Die Corona-Zahlen steigen in China weiter an, in Hongkong ist die Lage bereits außer Kontrolle geraten. An der Null-Covid-Strategie will Peking dennoch festhalten.

München/Peking/Hongkong – Am Samstag klopfte sich Chinas* politische Führung noch selbst auf die Schulter. Die chinesische Corona-Politik sei „effektiv“, lokale Ausbrüche habe man „schnell“ unter Kontrolle gebracht, sagte Premierminister Li Keqiang* auf der jährlichen Tagung des Nationalen Volkskongresses* in Peking. Durch eine hohe Impfquote von 85 Prozent und die harten Maßnahmen gegen die Pandemie habe man „die Gesundheit und Sicherheit der Menschen sichergestellt und die normale Ordnung in Arbeit und Leben aufrechterhalten.“

Nur zwei Tage später aber meldete die chinesische nationale Gesundheitskommission die höchsten Corona-Zahlen seit zwei Jahren. Am Sonntag (6. März) habe es 327 Neuansteckungen gegeben. 113 davon seien importierte Fälle, 214 lokale Ansteckungen, hieß es. Hinzu kommen 312 asymptomatische Fälle, die in der chinesischen Statistik gesondert ausgewiesen werden. Todesfälle gab es demnach nicht. Es sind die höchsten Fallzahlen, seit es China Mitte 2020 gelungen war, die Corona-Fälle nach dem Ausbruch in der Stadt Wuhan unter Kontrolle zu bringen.

China: Corona-Pandemie bremst das Wirtschaftswachstum

China verfolgt in der Corona-Pandemie* einen Null-Toleranz-Ansatz und greift bei lokalen Ausbrüchen radikal durch. So reichen einzelne Fälle, um ganze Stadtviertel abzuriegeln und Tausende Menschen auf das Virus zu testen. Menschen, die aus dem Ausland nach China einreisen, müssen mindestens zwei Wochen in Quarantäne. An seiner Null-Covid-Strategie will China trotz allem auch weiter festhalten. „Der Weg ist richtig, und die Resultate sind gut“, sagte der Sprecher des Nationalen Volkskongresses, Zhang Yesui, am vergangenen Freitag. „Jede Präventions- und Bekämpfungsmaßnahme ist mit gewissen Kosten verbunden. Diese lohnen sich jedoch im Vergleich zum Schutz des Lebens und der Gesundheit der Menschen.“

Was Zhang mit den „gewissen Kosten“ meinte, zeigte sich bei Li Keqiangs Rede am Samstag: Im laufenden Jahr werde die chinesische Wirtschaft um 5,5 Prozent wachsen, sagte der Ministerpräsident. Es wäre so wenig wie seit 30 Jahren nicht mehr. Als Grund für die vorsichtige Prognose nannte Li neben der unsicheren globalen Lage und der chinesischen Immobilienkrise auch die Corona-Pandemie. 2021 hatte das chinesische Wirtschaftswachstum noch mehr als acht Prozent betragen. Auch Chinas Außenhandel verlor in den ersten zwei Monaten dieses Jahres an Fahrt. Er wuchs nur noch um 15,5 Prozent – und damit um vier Prozentpunkte weniger als im Dezember 2021.

Corona-Pandemie: Fast 500.000 Infektionen in Hongkong

Angesichts dieser Daten werden unter Experten Zweifel laut, ob China dauerhaft an seiner Null-Strategie festhalten kann, zumal es keinen Exit-Plan zu geben scheint. Hinzu kommt die offenbar geringe Wirksamkeit der chinesischen Impfstoffe* gegen die weltweit dominierende Omikron-Variante. Eine natürliche Immunität gegen das Virus kann sich in der Bevölkerung aufgrund der strengeren Lockdowns allerdings auch nicht bilden.

Die höchsten Infektionszahlen meldete China am Montag aus dem Nordosten des Landes sowie aus der Südprovinz Guangdong*. Die mit 126 Millionen Menschen bevölkerungsreichste chinesische Provinz grenzt direkt an die Stadt Hongkong*, die seit Wochen mit einer unkontrollierten Ausbreitung des Virus zu kämpfen hat*. Am Montag zählte Hongkong mit seinen 7,5 Millionen Einwohnern mehr als 25.000 neue Fälle. Insgesamt wurden seit Ausbruch der Pandemie knapp 500.000 Infektionen gemeldet.

Corona-Pandemie: Extrem hohe Sterblichkeit in Hongkong

Am Montag schaltete die Stadtverwaltung eine neue Online-Plattform frei, auf der die Bürger die Ergebnisse von positiven Corona-Schnelltests melden können. Das solle helfen, Fälle früh zu erkennen, Infizierte schnell zu isolieren und somit „die Verbreitung des Virus in der Gemeinschaft zu bremsen“, sagte Edwin Tsui Lok-kin vom Zentrum für Gesundheitsschutz der lokalen Zeitung South China Morning Post. Ziel sei es auch, „umfassendere und aktuellere Informationen über die aktuelle Krankheitssituation in Hongkong zu erhalten“.

China, Hongkong: Eine Frau geht in einem Supermarkt neben leer aussehenden Nudelregalen spazieren, nachdem sich die Anwohner wegen möglicher Engpässe mit Lebensmitteln eingedeckt haben.
Leere Nudelregale in einem Hongkonger Supermarkt: Die Bevölkerung hat sich aus Angst vor einem Lockdown mit Lebensmitteln eingedeckt. © Vincent Yu/AP/dpa

Die hohen Infektionszahlen belasten das Gesundheitssystem von Hongkong massiv. Schuld daran ist auch die geringe Quote an Drittimpfungen. Während etwa 90 Prozent der Bevölkerung der Stadt einmal geimpft wurden, erhielten nur 78 Prozent eine zweite Impfung und lediglich 30 Prozent eine dritte Dosis*. Vor allem ältere Menschen sind ungeimpft, was derzeit für eine recht hohe Sterblichkeit sorgt. So wurden am Montag 161 Tote innerhalb von 24 Stunden gemeldet. 126 der Verstorbenen waren nach Behördenangaben nicht geimpft. 147 waren älter als 65. Nur eines der Todesopfer habe drei Impfdosen erhalten. Hongkong gehört derzeit zu den Regionen mit den höchsten Corona-Sterberaten weltweit.

Hongkong: Entwicklung „tragisch, aber erwartbar“

Die Entwicklung in Hongkong sei „tragisch, aber erwartbar“, schrieb der Virologe Siddharth Sridhar von der Hong Kong University auf Twitter. Die niedrige Impfrate bei älteren Menschen, geringe Infektionszahlen während vorangegangener Corona-Wellen und „eine überlastete Gesundheitsversorgung“ würden „einen perfekten Sturm erzeugen“, so Sridhar. „In Hongkong haben wir fast genau die gleichen Bedingungen wie in den Städten, die 2020 mit Covid zu kämpfen hatten.“

Die Regierung in der ehemaligen britischen Kronkolonie regiert mit strengen Quarantänemaßnahmen auf die Entwicklung der Zahlen. Sämtliche Infizierte werden im Krankenhaus oder speziellen Quarantäneeinrichtungen isoliert, was von Teilen der Bevölkerung als unverhältnismäßig kritisiert wird. Aus Angst vor den drakonischen Maßnahmen werden Infektionen immer wieder vor den Behörden verschwiegen. Das Auswärtige Amt warnt seit neuestem davor, dass positiv getestete Kinder von ihren Eltern getrennt werden können.

Hongkong: Neuntägiger Lockdown im März?

In der vergangenen Woche berichtete die South China Morning Post, die Regierung plane für Mitte März einen neuntägigen Lockdown, der nach den stadtweiten Massentests beginnen soll*. Dabei soll jeder Bürger Hongkongs dreimal getestet werden. Wie der Lockdown aussehen könnte, ist noch unklar. Erwartet wird, dass Lebensmittelgeschäfte geöffnet bleiben. Offiziell bestätigt wurden die Berichte bislang nicht.

Aufgrund der dramatischen Corona-Situation verlassen derweil immer mehr Ausländer die Stadt, wie der Direktor der deutschen Außenhandelskammer (AHK) in Hongkong, Wolfgang Ehmann, der Nachrichtenagentur AFP sagte. Eine „von vielen als mangelhaft empfundenen Kommunikationsstrategie“ der Regierung, „teils leere Supermarktregale“ und der „bevorstehende Lockdown“ würden „viele in die Flucht“ treiben, so Ehmann. Unterdessen schickte die Regierung in Peking Experten nach Hongkong, die der örtlichen Verwaltung helfen sollen, die Lage in Griff zu bekommen. (sh) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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