Yoshihide Suga (r), Premierminister von Japan, spricht auf einer Videokonferenz der Quad-Regierungschefs, während auf einem Bildschirm die weiteren Teilnehmer US-Präsident Biden, Australiens Premierminister Morrison und der indische Premierminister Modi eingeblendet sind.
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Yoshihide Suga (r), Premierminister von Japan, spricht auf einer Videokonferenz der Quad-Regierungschefs, während auf einem Bildschirm die weiteren Teilnehmer US-Präsident Biden, Australiens Premierminister Morrison und der indische Premierminister Modi eingeblendet sind.

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Chinas Nachbarn sind stärker, als wir glauben

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Im gesamten Indopazifik bauen Länder ihre Verteidigung aus. Es ist die Reaktion auf Chinas massive Expansionspolitik.

  • Im Indopazifik ist die chinesische Volksbefreiungsarmee von aufstrebenden Konkurrenten umgeben.
  • Die Länder des indopazifischen Raums sind in der Lage, sich gegen chinesische Aggressionen zu schützen.
  • Als Antwort auf Chinas Expansionspolitik erhöhten unter anderem Japan, Indien und Südkorea ihre Aufmerksamkeit.
  • Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 18. März 2021 das Magazin Foreign Policy.

Peking - In den letzten 20 Jahren hat China in fast jedem Streit mit Nachbarländern seinen Willen durchgesetzt. Durch seinen Vormarsch im Himalaya, in Südostasien, im Südchinesischen Meer und im Ostchinesischen Meer ist China zur Hauptbedrohung in einem weiten bogenförmigen Bereich des Indopazifiks geworden. Pekings Verteidigungsausgaben sind nach unabhängigen Schätzungen des Stockholm International Peace Institute (SIPRI) heute mehr als sechsmal so hoch wie zu Beginn des Jahrtausends. Über die letzten zwanzig Jahre ist China bei den Gesamtverteidigungsausgaben vom sechsten Platz weltweit auf den zweiten aufgestiegen – ein spektakulärer Anstieg.

Selbstverständlich beunruhigt das Chinas Nachbarländer. Und ebenso selbstverständlich ist es, dass diese Nachbarn jetzt als Antwort aktiv werden.

Schutzwall gegen Chinas Expansionismus: Volksbefreiungsarmee im Indopazifik von Konkurrenten umgeben

Falls Chinas nächste Nachbarn die potenziellen Partner sind, mit denen US-Präsident Joe Biden so gerne zusammenarbeiten möchte, dann sind sie aber kaum Länder, die Ermutigung der USA brauchen, ihre Wachsamkeit gegenüber China zu erhöhen. Ein Blick über Chinas Grenzen zeigt, dass die Volksbefreiungsarmee (PLA) auf allen Seiten mit etablierten und aufstrebenden militärischen Konkurrenten konfrontiert ist. Selbst wenn man von einer Annäherung zwischen Russland und China ausgeht – eine Aussicht, die immer eher kurz bevorsteht als dass es tatsächlich geschieht -, steht China im gesamten Indopazifik vor Herausforderungen. Die Länder, die sich von Indien im Südwesten bis Japan im Nordosten erstrecken, würden auch ohne ausdrückliche Ermutigung und Unterstützung der USA einen wirksamen Schutzwall gegen den chinesischen Expansionismus bilden.

Die bogenförmige indopazifische Region ist an den Enden am stärksten und in der Mitte am schwächsten. Japans Selbstverteidigungsstreitkräfte genießen in Bezug auf Technologie und Einsatzbereitschaft ein hohes Ansehen. Als Gegenmaßnahme zu Chinas Flugzeugträger-Bauprogramm baut Japan zwei bestehende Hubschrauberträger zu Starrflüglerträgern um. Die japanischen Flugzeugträger werden zwar viel kleiner sein als die chinesischen, die von japanischen Flugzeugträgern gestarteten F-35-Tarnkappenflugzeuge der fünften Generation besitzen jedoch eine deutlich größere Schlagkraft. Im Vergleich dazu ist der Shenyang J-15 der Marine der PLA ein weniger fortschrittliches Kampfflugzeug der vierten Generation, das mit ernsthaften technischen Problemen zu kämpfen hat.

Japan hat definitiv die Ressourcen und das technologische Know-how, um für sich selbst zu versorgen. Am anderen Ende der indopazifischen Region wird Indien im Vergleich zu China oft als relativer Schwächling wahrgenommen. Derartige Einschätzungen sind jedoch längst überholt, falls sie überhaupt jemals wahr waren. Im Jahr 1962 hatte China in einem blitzschnellen fünfwöchigen Krieg große Teile des indischen Berggebiets erobert. Aber dieser Sieg war das Ergebnis eines Überraschungsangriffs in Friedenszeiten gegen ein nichts ahnendes befreundetes Land gewesen. Seitdem hat Indien das alte Sprichwort beherzigt: „Leg mich einmal rein: Schande über dich! Leg mich zweimal rein: Schande über mich!“

Volksrepublik China: Indien hat an der Himalaya-Grenze die Oberhand - Kriegsführung in großen Höhen

Trotz Chinas massiver militärischer Modernisierung hat inzwischen wahrscheinlich Indien an der Himalaya-Grenze die Oberhand. Zum Einen wurden Chinas Vorstöße von 1962 in Indien zwar zutiefst verübelt, sie rückten die Frontlinie aber näher an Indiens Versorgungsbasen und weiter weg von Chinas. Weniger auffällig ist, dass Chinas Infrastrukturverbesserungen die von Indiens Border Roads Organisation (BRO) gebauten Bergtunnel und Allwetterstraßen gegenüber stehen. In einem strategischen Gebiet, in dem Logistik alles ist, hat der Tunnelbau der BRO die Fähigkeit der indischen Armee, schweres Gerät von tiefer liegenden Stützpunkten zur indisch-chinesischen „Line of Actual Control“ (LAC) zu transportieren, enorm verbessert. Zusammen mit der umfangreichen Erfahrung im Kampf auf Gletschern und der Härte der indischen Special Frontier Force (für die viele Tibeter im Exil rekrutiert wurden) besitzt Indien ein überzeugendes Konzept für die Kriegsführung in großen Höhen.

Zudem haben die indischen Luftstreitkräfte einen großen technischen Vorteil gegenüber Chinas PLA: Indiens vorgeschobene Luftwaffenstützpunkte liegen in einer Höhe von 3000 Metern und damit zwar sehr hoch, aber nicht annähernd so hoch wie die von China. Im Gegensatz zu Indien hat China in der Region aber keine Basen auf niedriger Höhe. Das macht einen riesigen Unterschied, da Chinas Flugzeuge so bis zur Hälfte ihrer Raketen und ihres Treibstoffs abwerfen müssen, um in der sehr dünnen Luft des Hochlandes von Tibet zu starten. Zusammen mit der Anschaffung von französischen Rafale-Kampfflugzeugen der Spitzenklasse, der potenziellen Modernisierung der russischen Sukhoi SU 30 Staffeln und der bevorstehenden Auslieferung fortschrittlicher russischer S-400-Flugabwehrraketensysteme könnte die indische Luftwaffe schon bald über eine absolute Luftüberlegenheit in der gesamten LAC verfügen. Das von Indien selbst entwickelte Mehrzweckkampfflugzeug Tejas ist so nur das i-Tüpfelchen.

Weiter östlich ist Chinas 2100 Kilometer lange Grenze zu Myanmar so unsicher, dass China – vielleicht inspiriert vom ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump – eine 3 Meter hohe Mauer baut, um diese abzuriegeln. Die Machtübernahme des Militärs in Myanmar, die im Westen weithin als nützlich für China wahrgenommen wird, war tatsächlich ein Rückschlag: China stand der Nationalen Liga für Demokratie von Aung San Suu Kyi besonders nahe und sieht nun seine Position in dem Land sowohl durch das Militär als auch durch die Straßenproteste bedroht. China wird seit langem beschuldigt, separatistische Rebellen in Myanmar zu unterstützen; der Sturz der Zivilregierung unter der Führung von Suu Kyi durch das Militär könnte also ebenso sehr ein Anti-China- wie ein Anti-Demokratie-Putsch gewesen sein.

Vietnam, das wie Indien einst Opfer eines chinesischen Überraschungsangriffs war, steht seit Chinas Invasion 1979 in einem schlechten Verhältnis zum kommunistischen großen Bruder. Vietnams Verteidigungshaushalt ist heute relativ klein, aber das Land hat seine Investitionen auf die Küstenverteidigung konzentriert. In Anlehnung an Chinas „Anti-Access/Area Denial“-(A2/AD)-Strategie der frühen 2000er Jahre hat das Land stark in Seezielflugkörper investiert und steht andauernden Gerüchten zufolge kurz vor dem Erwerb der gemeinsamen russisch-indischen BrahMos, einem Überschall-Staustrahl-Marschflugkörper, der angeblich die schnellste Waffe dieser Art auf der Welt ist. Während China also von A2/AD zu Machtprojektionsstrategien im Südchinesischen Meer übergeht, entwickelt Vietnam seine eigenen A2/AD-Kapazitäten, um der Marine der PLA die Möglichkeit zu nehmen, in diesem Gebiet zu operieren.

Indopazifik: Philippinen schielen nach den USA - Taiwan ist weitere Schachstelle für China

Die Schwachstellen im Indopazifik bilden die Inseln. Die Philippinen, die unter ihrem launischen Präsidenten Rodrigo Duterte mit einer möglichen chinesischen Allianz geliebäugelt haben, sind ein Joker. Doch nach vier Jahren scharfer Anti-US-Rhetorik sieht sich Duterte einer zunehmenden Gegenreaktion seiner weitgehend pro-amerikanischen Öffentlichkeit gegenüber. Auch die Streitkräfte des Landes favorisieren vermutlich enge Beziehungen zu den Vereinigten Staaten. Wie ihr vietnamesisches Pendant ist auch die philippinische Marine an der Anschaffung von BrahMos-Seezielflugkörpern interessiert, und zwar im Rahmen eines Geschäfts, dessen Abschluss deutlich näher ist als das zwischen Indien und Vietnam. In einer weiteren A2/AD-Entwicklung wäre das einzige realistische Ziel für diese Flugkörper die im Südchinesischen Meer operierende chinesische Marine der PLA.

Taiwan ist eine weitere Schwachstelle. Das Problem hier ist nicht fehlende Entschlossenheit – die Repressionen in Hongkong haben die taiwanesische Meinung gegen China nur gestärkt – sondern die mangelnde Bereitschaft, die notwendigen Opfer zu bringen. Die Verteidigungsausgaben Taiwans liegen bei nur 1,7 Prozent seines Bruttoinlandsprodukts - was bei einem Land, das ständig mit der Bedrohung einer Invasion durch seinen viel größeren Nachbarn konfrontiert ist, einen sehr kleinen Anteil darstellt. Obwohl die taiwanesische Präsidentin Tsai Ing-wen für das Jahr 2021 eine deutliche Erhöhung des Verteidigungshaushalts vorgesehen hat, wird der Haushalt von US-Beamten immer noch als unzureichend bezeichnet. Taiwan hat den Kauf von 66 zuverlässigen F-16-Kampfflugzeugen angekündigt, benötigt aber dringend Harpoon-Seezielflugkörper und Patriot-Flugabwehrraketen. Die Beschaffungsprogramme für beide sind von Haushaltsbeschränkungen betroffen.

Schließlich hat Südkorea, obwohl es in erster Linie um die Bedrohung durch den Norden geht, eigene Programme für Flugzeugträger und Düsenjäger angekündigt. Einige Kommentatoren haben sie als nationale Eitelkeitsprojekte bezeichnet. Aber man könnte sie genauso gut als Bemühungen bezeichnen, Südkoreas bereits beeindruckende Verteidigungsindustrie in das Informationszeitalter zu katapultieren. Da Flugzeugrümpfe und -zellen zu Bedarfsartikeln werden, wird Südkoreas wichtigste inländische Wertschöpfung für seine Kampfflugzeuge die Avionik wie z. B. Radar und Leitsysteme sein. Der geplante Flugzeugträger des Landes wird mit US-amerikanischen F-35-Jets und südkoreanischer elektronischer Kampfführung ausgestattet.

China im Indopazifik: Volksbefreiungsarmee konfrontiert mit Indien, Südkorea und Japan in der Luft

Nimmt man alles zusammen, stehen die drei Flugzeugträger der Marine der PLA – davon einer ein alter sowjetischer Rumpf, der zweite eine verbesserte Kopie des ersten und der dritte ein experimentelles chinesisches Design – zwei japanischen und einem südkoreanischen Flugzeugträger, die mit F-35 ausgerüstet sind, sowie zwei indischen Flugzeugträgern gegenüber. Und das, bevor man die in Japan stationierten „Superträger“ der US-Marine mit einbezieht. In der Luft ist China mit den durchweg modernen Luftstreitkräften von Indien, Südkorea und Japan konfrontiert und sieht sich wachsenden A2/AD-Bedrohungen aus den dazwischenliegenden Ländern ausgesetzt. Weiter entfernt könnten die australischen Streitkräfte möglicherweise eine unterstützende Rolle spielen, wenn Canberra den politischen Willen dazu aufbringt. Insgesamt gibt es im indo-pazifischen Raum zwar noch immer Schwachstellen, aber die Prognose für China sieht nicht gut aus.

Die übergeordnete Lektion von all dem ist, dass die USA nicht für Sicherheit im Indopazifik sorgen müssen, um die Region„ frei und offen“ oder gar „widerstandsfähig und inklusiv“ zu halten, wie die vier Führungskräfte der Quad-Gruppe auf ihrem Gipfel letzte Woche beschlossen. Alles, was Washington tun muss, ist, einen Sicherheitsrahmen zu schaffen, in den andere Länder ihre eigenen Anstrengungen einbringen können. Sie könnten dies über den Quad-Mechanismus tun. Doch dies würde erfordern, dass die Quad-Gruppe sich auf maritime Sicherheit und nicht auf den Klimawandel und das Coronavirus konzentriert. Aber auch ohne eine verteidigungsorientierte Quad-Gruppe sind die Länder des indopazifischen Raums durchaus in der Lage, sich gegen chinesische Aggressionen zu schützen. Die Vereinigten Staaten mögen Werkzeuge, Technologie und Training bieten, aber Chinas Nachbarn können und sollten die führende Rolle dabei übernehmen, die Sicherheit in ihrer eigenen Nachbarschaft zu erhalten.

von Salvatore Babones

Salvatore Babones ist Kolumnist für Foreign Policy und außerordentlicher Wissenschaftler am Centre for Independent Studies in Sydney.Twitter: @sbabones

Dieser Artikel war zuerst am 18. März 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern von Merkur.de zur Verfügung.

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Junge Chinesen sind nicht nur über die US-Außenpolitik verärgert – sie bringen zunehmend Verachtung für die sozialen und politischen Ideen des Westens zum Ausdruck.

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