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China stemmt sich gegen Omikron – teils mit absurdem Mikromanagement – Fallzahlen weiter hoch

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Von: Christiane Kühl

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Gesundheitsmitarbeiter in China in weißen Schutzanzügen beim PCR-Massentest
Massentests in Shenzhen: Die Metropole ist für eine Woche im Lockdown. © Chu Yan/Imago/Xinhua

China meldet mit über 5000 Neuinfektionen einen neuen Rekord. Mindestens 13 Städte sind im Lockdown, an vielen Orten laufen Massentests. Kann China die Null-Covid-Politik halten?

Update vom 16. März 2022, 15.30 Uhr: Chinas Städte stemmen sich weiter mit teils rigorosen Mikro-Maßnahmen gegen die Ausbreitung der hoch ansteckenden Omikron-Variante. In Peking* müssen sich Kunden in der Apotheke ausweisen, wenn sie Medikamente kaufen wollen. Wer etwas gegen Erkältung kaufen wollte, musste sich schon während der Olympischen Spiele sofort testen lassen. Seine Nachbarin sei in Quarantäne gesteckt worden, weil sie im Internet Aspirin bestellt habe, erzählt am Mittwoch ein Anwohner. Offenbar befürchten die Behörden, dass die Menschen aus Angst vor den speziellen Isolier-Einrichtungen eine Infektion verschleiern könnten. Der Fall zeigt aber auch, was die Behörden alles mitbekommen, wenn sie es denn wollen.

In Shanghai wurden immer wieder Wohnanlagen ohne vorherige Ankündigung für Besucher geschlossen. Zugleich aber werde es lockerer, berichtet eine Frau. So sollen die zuvor lange verpönten Selbsttests auf den Markt kommen.

Unterdessen gab die Gesundheitsbehörde bekannt, dass Menschen mit leichtem Verlauf nicht mehr automatisch in Spezialkrankenhäuser eingewiesen werden. Man versucht offenbar, mehr Betten für den Fall freizuhalten, dass die Omikron-Welle weiter anschwillt. „Leichte“ Fälle müssen demnach landesweit aber weiterhin in speziellen Einrichtungen isoliert werden, wo sie überwacht und bei Bedarf ins Krankenhaus eingeliefert würden. Das Frei-Testen soll aber einfacher gemacht werden.

Auch in China haben viele Menschen inzwischen weniger Angst vor dem Virus und sind die Beschränkungen leid. Doch die Gefahr bleibt, dass es jetzt erst richtig losgeht. Denn noch immer ist unklar, wie gut die chinesischen Impfstoffe vor schweren Verläufen schützen. Auch ist völlig unklar, ob und wie lange China die Null-Covid-Politik überhaupt noch aufrechterhalten kann. Seit Anfang März gab es 18.000 neue Fälle, zuletzt waren es jeden Tag vierstellige Fallzahlen. Bislang wird die Kurve allerdings nicht steiler.

Auch die Aussichten für die Wirtschaft sind weiter unklar. Volkswagen verlängerte den Produktionsstopp wegen des Corona-Lockdowns in drei Werken in der nordostchinesischen Metropole Changchun am Mittwoch vorerst um einen weiteren Tag. Wie eine Sprecherin in Peking mitteilte, wird ein Werk in Shanghai den Betrieb hingegen am Donnerstag nach zweitägiger Verspätung wieder hochfahren. Tesla kündigte dagegen an, die Produktion seiner Gigafactory 3 in Shanghai für zwei Tage zu unterbrechen, damit die Behörden alle Mitarbeitenden auf das Coronavirus testen können.

Hongkong weiter im Griff der Omikron-Welle

Update vom 16.März 2022, 12.05 Uhr: Hongkong* wartet weiter auf eine Erholung in seinem heftigen Corona-Ausbruch. Bislang zeichnet sich trotz aller Bemühungen keinerlei Besserung ab. Allein am Mittwoch wurden in der chinesischen Sonderverwaltungsregion 29 000 neue Infektionen und 279 Tote gemeldet. Hongkong hat eine auffällig hohe Todesrate im internationalen Vergleich. Viele ältere Patienten sind nicht geimpft: Von den über 80-Jährigen haben nach Presseberichten nur ein Drittel mindestens zwei Impfungen erhalten.

Regierungschefin Carrie Lam rief deswegen am Mittwoch die sieben Millionen Hongkonger auf, weiter vorsichtig zu sein. Daten der öffentlichen Verkehrsbetriebe zeigten, dass die Menschen wieder mehr unterwegs seien. „Es ist nicht die Zeit für Lockerungen“, warnte Lam. „Es ist nicht die Zeit, selbstgefällig zu sein.“

Mit seiner Null-Covid-Strategie hatte Hongkong das Virus fast zwei Jahre lang gut im Griff. Die Lage änderte sich aber mit der Ankunft der sich leichter verbreitenden Omikron-Variante seit Januar rapide. Ähnliches droht angesichts steigender Fallzahlen derzeit in ganz China. Die Gesundheitsbehörden schauen daher mit wachsender Unruhe auf Hongkong.

Shenzhen: Auftragsfertiger Foxconn produziert trotz Lockdown wieder iPhones

Update vom 16. März, 10.25 Uhr: Auch am Mittwoch verzeichnete China* wieder mehr als 3000 neue Corona-Fälle, den größten Teil in der Provinz Jilin in Nordostchina. In der für eine Woche abgeriegelten Finanzmetropole Shenzhen* gab es 92 neue lokale Infektionen. Die Stadt testet derzeit sämtliche der 17 Millionen Einwohner.

Trotzdem konnte der Apple-Partner Foxconn den Betrieb in der iPhone-Fertigungsstätte in Shenzhen teilweise wieder aufnehmen. Wie das taiwanische Mutterhaus Hon Hai am Mittwoch mitteilte, wurden für Beschäftigte „geschlossene Kreisläufe“ geschaffen. Die meisten von ihnen sind Wanderarbeiter und leben in Wohnheimen auf dem Gelände - wie bei vielen Fertigungsbetrieben in Südchina üblich. So sei es möglich, einen Teil der Produktion wieder aufzunehmen, so Hon Hai. Das Unternehmen folge damit den Vorgaben der Behörden. Foxconn bildet somit für die Werke eine Art Blase wie zuvor etwa die Olympischen Spiele in Peking für die Athleten.

Zugleich aber stauen sich bereits wieder Containerschiffe vor Chinas Häfen, da es überall entlang der Küste zu Beschränkungen oder lokalen Lockdowns aufgrund der neuen Ausbrüche gibt. Die COVID-19-Ausbrüche in den Exportzentren der verarbeitenden Industrie drohen damit erneut die globalen Lieferketten zu unterbrechen.

Die Regierung versucht unterdessen, nervöse Firmen und Märkte zu beruhigen. Peking werde die Märkte stützen und sicherstellen, dass ab sofort jede Regulierung mit „erheblichen Auswirkungen auf die Kapitalmärkte“ im Voraus mit den Finanzbehörden koordiniert werde. Das sagte Vizepremier Liu He am Mittwoch laut der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua im Staatsrat. Die Börsen in Hongkong und China legten in der Folge nach ihrem Absturz vom Dienstag am Mittwoch wieder kräftig zu.

Corona in China: 30 Millionen Menschen im Lockdown

Erstmeldung vom 15. März: Peking/München – Mit immer neuen Lockdowns versucht China seit Tagen, den Ausbruch der jüngsten Omikron-Welle in den Griff zu bekommen. Für knapp 30 Millionen Menschen galt am Dienstag eine Corona-Ausgangssperre – und trotzdem verzeichneten die Behörden erneut einen Rekord bei den Neuinfektionen: Innerhalb eines Tages hatten sich demnach 5280 Menschen mit dem Virus infiziert, mehr als doppelt so viele wie am Vortag. Das ist die höchste Tagesbilanz seit Februar 2020, der Anfangszeit der Pandemie.

Mehrere Städte befinden sich im Lockdown*, darunter die Hightech-Metropole Shenzhen*, die vor den Toren Hongkongs liegt. Dort haben Massentestungen der 17 Millionen Einwohner begonnen. Landesweit galt am Dienstag für mindestens 13 Städte ein vollständiger Lockdown, über weitere Städte hatten die Behörden einen Teil-Lockdown verhängt. Der Sprecher der Gesundheitskommission, Mi Feng, bestätigte am Dienstag, dass sich die Omikron-Welle inzwischen auf 28 Provinzen ausgebreitet habe. Die Prävention sei „schwierig, kompliziert und schwerwiegend“.

China hält weiter an Null-Covid-Politik fest

Trotzdem will das Land offenbar weiter an seiner Null-Covid-Strategie festhalten – obwohl diese durch Omikron inzwischen wirklich an ihre Grenzen zu stoßen scheint. Das Land hatte das Infektionsgeschehen mit einer strikten Null-Covid-Politik auf seinem Gebiet aber recht schnell eindämmen können. Schon beim Auftreten eines einzelnen Infektionsfalls verhängten die Behörden strikte Maßnahmen wie Ausgangssperren, die Abriegelung ganzer Stadtviertel und Massentests.

Am stärksten von der Ausbreitung der hochansteckenden Omikron-Variante betroffen ist weiter die nordöstliche Provinz Jilin an der Grenze zu Nordkorea, in der nach Angaben der Nationalen Gesundheitskommission mehr als 3000 Fälle verzeichnet wurden. Volkswagen hatte dort wegen der Corona-Beschränkungen bereits eine mehrtägige Schließung dreier Standorte angekündigt. Der Gouverneur der Provinz versprach am Montagabend, alles zu tun, um "innerhalb einer Woche" wieder auf "null Covid" zu kommen. In der gesamten Provinz wurde das Reisen untersagt, die Bewohner dürfen auch nicht ausreisen.

China: Flüge in Shanghai und Peking wegen Covid gestrichen

An den Flughäfen in Peking und Shanghai wurden dutzende Inlandsflüge gestrichen, wie aus Flugdaten ersichtlich wurde. Die Luftfahrtbehörden kündigten zudem an, dass mehr als 100 internationale Flüge mit dem Ziel Shanghai zwischen nächster Woche und dem 1. Mai in andere chinesische Städte umgeleitet werden.

In Shanghai selbst sind bislang nur einzelne Stadtteile abgeriegelt*, da die Behörden die Wirtschaft der wichtigen Metropole schonen möchten. Sie warnten jedoch, dass strengere Maßnahmen bevorstehen könnten. Am Dienstag berichteten Anwohner von Restaurantschließungen. In Peking wurden derweil die Kontrollen der Impfnachweise verschärft.

Auf einer Pressekonferenz riefen Gesundheitsexperten zudem ältere Menschen dazu auf, sich impfen und auch boostern zu lassen. Gerade in dieser Altersgruppe sei das Risiko einer schweren Erkrankung sehr hoch, mahnte der Vertreter der Gesundheitskommission, Jiao Yahui. In China sind offiziellen Angaben zufolge rund 80 Prozent der über 60-Jährigen zweifach geimpft. Die Behörden beobachten jedoch mit Sorge die Situation in Hongkong*, in denen vor allem ungeimpfte oder nicht ausreichend geimpfte ältere Menschen an den Folgen von Covid-19 gestorben sind. Unklar ist zudem, wie gut die chinesischen Vakzine gegen Omikron wirken. Ausländische Impfstoffe sind in China nach wie vor nicht zugelassen.

China: Beobachter fürchten wirtschaftliche Probleme durch Omikron-Welle

Die ersten Ökonomen warnen nun vor wirtschaftlichen Problemen durch die Omikron-Welle und die Lockdowns. Unternehmervertreter befürchten überhastete Maßnahmen durch die nervösen Behörden. Man plane nur noch einen halben Tag im Voraus, hieß es aus Peking. Die Lockdowns haben die Börsen in China am Dienstag weiter einbrechen lassen. An der Börse in Hongkong sackte der Leitindex Hang Seng um 5,7 Prozent ein, in Shanghai schloss die Börse knapp 5 Prozent im Minus. Bereits am Vortag hatte es in China deutliche Kursverluste gegeben.

Wang Dan, Chefökonom der Hang Seng Bank China, warnte laut der South China Morning Post davor, dass die Abkühlung der wirtschaftlichen Aktivitäten in den Küstenregionen das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal in den negativen Bereich treiben könnte. In den kommenden Monaten müssten energische Lockerungsmaßnahmen ergriffen werden, wenn China sein Wachstumsziel erreichen wolle. Auf dem Nationalen Volkskongress hatte Ministerpräsident Li Keqiang 5,5 Prozent als das diesjährige Wachstumsziel bekannt gegeben. (ck/AFP) *Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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