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Wo ist Peng Shuai - Sorgen um verschwundenen Tennisstar wachsen: Ist die mysteriöse E-Mail gefälscht?

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Von: Christiane Kühl

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Peng Shuai schlägt auf in ihrem Einzel gegen die Japanerin Hibino Nao während des Tennisturniers in Melbourne.
Wo ist Peng Shuai? Die Doppelspezialistin ist seit Anfang November verschwunden © Bai Xue / Xinhua / Imago

Eine angebliche Mail der verschwundenen chinesischen Tennisspielerin Peng Shuai sorgt für Stirnrunzeln. Die Sorgen um die 35-Jährige wachsen. Sie hatte einem Spitzenpolitiker sexuelle Nötigung vorgeworfen.

Peking/München – Die Tenniswelt ist beunruhigt. Die chinesische Doppel-Spezialistin Peng Shuai ist verschwunden. Seit sie einem Spitzenpolitiker ihres Heimatlandes sexuelle Nötigung vorgeworfen hat, wurde sie nicht mehr öffentlich gesehen. Nun ist auch noch eine mysteriöse E-Mail aufgetaucht, in der die frühere Weltranglistenerste im Doppel geschrieben haben soll, es gehe ihr gut.

Doch nichts an diesem Fall klingt gut. Wer sich in China mit Spitzenpolitikern anlegt, geht ein extremes persönliches Risiko ein. Der von Peng Shuai beschuldigte Mann heißt Zhang Gaoli und war bis vor wenigen Jahren stellvertretender Ministerpräsident. Immer wieder verschwinden prominente Kritiker der politischen Kaste von der Bildfläche – und tauchen später mit Selbstkritiken, Geständnissen oder vor Gericht wieder auf. Die Gefahr, dass es Peng Shuai nun trotz ihrer internationalen Bekanntheit genauso ergeht, ist also real.

Peng Shuai: Sexuelle Nötigung durch einen Spitzenfunktionär

Peng Shuai hatte Anfang des Monats auf der Mikroblog-Plattform Weibo einen längeren Text publiziert, in dem sie ihre komplizierte Beziehung über zehn Jahre hinweg zu dem verheirateten früheren Vizepremier Zhang Gaoli schilderte. In dem Beitrag ist von Liebe und Zuneigung die Rede, von gemeinsamen Interessen und Tennis-Matches.

Doch der Anlass für den Post ist der Vorwurf eines sexuellen Übergriffs. Der heute 75-jährige Zhang habe sie eines Tages zum Tennisspielen eingeladen und dann gemeinsam mit seiner Ehefrau zu sich nach Hause. Dann habe er sie in sein Zimmer genommen und Sex gewollt, während seine Gattin vor der Tür stand. Sie habe den Geschlechtsverkehr abgelehnt, schrieb Peng, aber dann trotzdem mit Zhang und seiner Frau zu Abend gegessen. Nach dem Dinner habe Zhang sie erneut bedrängt. In Panik habe sie schließlich zugestimmt: „Ja, wir hatten dann Sex“, schreibt sie. Peng Shuai schont sich selbst in dem Beitrag nicht. Ein Angriff auf den pensionierten Spitzenfunktionär Zhang – und damit aus Sicht der Kommunistischen Partei auf das gesamte System – ist er dennoch.

Binnen einer halben Stunde war der Beitrag gelöscht und Peng verschwand von der Bildfläche. Die Echtheit des Postings konnte bislang wegen der schnellen Löschung nicht verifiziert werden, ebenso wenig wie die Vorwürfe. Doch der Post kursiert ebenso wie die angebliche E-Mail des Tennisstars bereits auf Twitter. Tennisstar Naomi Osaka sprach von einem „Schock“ über das Verschwinden der Kollegin. Unter dem Hashtag #WhereIsPengShuai (Wo ist Peng Shuai) solidarisieren sich Tennisfans und Feministinnen weltweit mit der Doppelspezialistin.

Chinas Staatssender CGTN veröffentlicht angebliche E-Mail von Peng Shuai

Dann veröffentlichte Chinas staatliches Auslandsfernsehen CGTN in der Nacht zum Donnerstag auf Twitter eine Mail, die der Tennisstar selbst geschrieben haben und an den WTA-Chef Steve Simon geschickt haben soll. Der Weibo-Post sei „ohne meine Einwilligung veröffentlicht“ worden und entspreche nicht der Wahrheit, steht da im Namen Pengs. Auch der Vorwurf sexueller Nötigung stimme nicht. Sie sei auch nicht verschwunden. „Ich sitze zu Hause und ruhe mich ein wenig aus.“ „Peng“ fordert die WTA in ihrer angeblichen Nachricht auf, künftige Stellungnahmen vorher mit ihr abzusprechen.

Die WTA hat starke Zweifel an der Echtheit dieser E-Mail. „Es fällt mir schwer zu glauben, dass Peng Shuai diese E-Mail, die wir bekommen haben, tatsächlich geschrieben hat“, sagte WTA-Chef Steve Simon. Er habe selbst wiederholt über verschiedene Wege „vergeblich“ versucht, den Tennisstar zu erreichen. Auf Twitter schrieb Simon: „Die heute von chinesischen Staatsmedien veröffentlichte Erklärung zu Peng Shuai macht mir nur noch mehr Sorgen hinsichtlich ihrer Sicherheit und ihres Aufenthaltsortes. Peng Shuai muss es erlaubt sein, frei zu sprechen, ohne Zwang oder Einschüchterung von irgendeiner Seite.“ In der New York Times drohte Simon mit einem Rückzug der WTA aus China. Dort finden jedes Jahr mehrere hochkarätige WTA- und ATP-Turniere für Damen und Herren statt.

Internationale Experten äußerten sich am Donnerstag ebenfalls angewidert von der angeblichen E-Mail in dem CGTN-Tweet. „Dieser gruselige Tweet von CGTN ist ein gutes Beispiel für die Verschmelzung von Inkompetenz und autoritärer Hybris in Chinas offiziellen Nachrichten“, schrieb etwa Mareike Ohlberg, China-Expertin des German Marshall Fund. „Wenn das Ziel darin besteht, zu überzeugen, ist es eindeutig ein Misserfolg. Niemand wird das lesen und denken: ‚Oh, gut, Peng Shuai ist ok! Ich bin so erleichtert.‘“ Chinesische Propaganda treffe selten den richtigen Ton für internationale Leser, so Ohlberg. So werde man aber auch keinen einzigen Chinesen überzeugen können. Das sei aber auch gar nicht das Ziel, ist die Expertin überzeugt: Es handele sich vielmehr um eine Machtdemonstration.

China: #MeToo-Bewegung hat es schwer

Chinas Zensur löschte sofort jede Debatte über den Fall Peng Shuai. Suchanfragen nach ihrem Namen oder nach #MeToo im chinesischen Internet sind geblockt. Selbst das Wort „Tennis“ war zeitweise gesperrt. Generell geht die Regierung hart gegen feministische Proteste vor. Eine Gruppe junger Frauen, die gegen Grabschereien in vollen U-Bahnen protestiert hatten, wurde der Prozess gemacht. Und im September scheiterte eine frühere Praktikantin des Staatssenders CCTV vor Gericht mit ihrer Belästigungsklage gegen einen im ganzen Land bekannten Moderator. Nur Kris Wu wurde wegen Verdachts auf Vergewaltigung festgenommen: Doch Wu ist ein Popstar, kein wichtiger Politiker. Anlässlich eines Fehlverhaltens von Celebrities statuiert die Regierung gerne mal ein Exempel.

Die Situation der Frauen hat sich zuletzt sogar eher verschlechtert. Früher waren Frauen im sozialistischen China gleichberechtigter als in vielen der gesellschaftlich konservativen Nachbarländer. Präsident Xi Jinping macht sich eher stark für traditionelle Rollenverhältnisse. Im Global Gender Gap Index 2021 des Weltwirtschaftsforums fiel China seit 2006 von Rang 63 auf heute Rang 107. Vor allem im Bereich „Gesundheit und Überleben“ steht die Volksrepublik mit Platz 156 schlecht da.

„Peng Shuais Anschuldigungen gegen Zhang Gaoli, den pensionierten chinesischen Führer, haben die Gesellschaft stark erschüttert“, schreibt die internationale Gruppe Free Chinese Feminists. „Und doch werden Peng und ihre Geschichte in China ausgelöscht.“ Die Organisation dokumentiert die chinesische Frauenbewegung und projizierte in den vergangenen Tagen Bilder von Peng und den Hashtag #WhereIsPengShuai an Häuserwände in mehreren Städten Chinas. Die Antwort ist bisher ausgeblieben. (ck)

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