Zwei Männer schieben eine Kiste an einem Logo des H&M-Bekleidungsgeschäft vorbei.
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Das prominenteste Opfer patriotischer Internet-Trolle: Nationalisten riefen im März zum Boykott von H&M auf und lösten damit einen Proteststurm gegen die schwedische Modekette aus.

Nach H&M-Boykott

Zensur und nationalistische Online-Trolle in China: Partei hat das Netz im Auge - und nun eine neue Zielscheibe

  • Christiane Kühl
    vonChristiane Kühl
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Nationalistische Trolle in China attackieren gnadenlos alle, die sie als „antichinesisch“ empfinden. Das neueste Ziel sind Feministinnen. Nationalisten hatten online auch den H&M-Boykott losgetreten.

Peking/München - Die prominente feministische Aktivistin Xiao Meili wollte eigentlich nur einen Gast im Restaurant auffordern, seine Zigaretten draußen vor der Tür zu rauchen. So ist es auch in China vorgeschrieben. Der Gast wollte aber nicht, es kam zum Streit, der Mann warf einen gefüllten Becher nach ihr. Xiao teilte ein Video des Vorfalls von Ende März auf der Microblog-Plattform Weibo. Sie erhielt zunächst eine Menge Unterstützung. Doch was dann folgte, hatte sie in den zehn Jahren ihres Einsatzes für Frauenrechte noch nie erlebt: Trolle bombardierten ihren Account mit Hasszuschriften, nannten sie Verräterin, Unterstützerin der Unabhängigkeit Taiwans oder CIA-Agentin.

Nichts davon stimmte - trotzdem schloss Weibo wegen der Vorwürfe das Konto der Aktivistin. Nach einem Bericht der Tech-Website Protocol China war Xiao nicht die einzige: Zehn weitere Accounts von Feministinnen auf Weibo wurden ebenso gesperrt wie Konten einer Gruppe, die auf der konkurrierenden Plattform Douban ein Leben ohne Ehemann und Kinder propagierte. Alle waren Opfer nationalistischer Attacken geworden.

Frauenrechtlerinnen sind die neueste Zielscheibe nationalistischer Trolle, die auch in China zunehmend ihr Unwesen treiben. Soziale Medien würden zunehmend auf eine einzige Zweiteilung reduziert, schreibt Protocol China: die „patriotische“ gegenüber der „anti-chinesischen“. Dies öffnet Cyber-Mobbing Tür und Tor. Vielfach ist dabei nicht mehr erkennbar, was spontaner nationalistischer Eifer ist - und was vom Staat gesteuert wird. Leidenschaftlichen Patriotismus gibt es im chinesischen Netz ebenso wie gezielte Aktivitäten der Kommunistischen Partei Chinas (KPCh). Und Aktivist:innen jeglicher Coleur sind der Partei stets ein Dorn im Auge.

China: Sind Trolle unabhängige nationalistische Eiferer oder Parteisoldaten?

Die Partei lässt den Cyberspache daher nicht unbeobachtet. Neben zwei Millionen bezahlten Internet-Kommentatoren stütze sich die KPCh auf ein Netzwerk von mehr als 20 Millionen Freiwilligen, schreibt der China-Experte Ryan Fedasiuk vom Center for Security and Emerging Technology der amerikanischen Georgetown-Universität. Die Freiwilligen seien meist Studierende, viele von ihnen Mitglieder der Kommunistischen Jugendliga. Sie sollen als eine Art Verstärker für der Partei genehme Inhalte verbreiten - und „negative“ Dinge bekämpfen, so Fedasiuk.

Diese Freiwilligen haben laut Fedasiuk zehntausende chinesische Social-Media-Konten bei den Zensoren der Internetfirmen angeschwärzt - etwa von Intellektuellen, die online über soziale Fragen diskutierten. Internetunternehmen wie Weibo sind in China per Gesetz für alle Inhalte auf ihren Plattformen verantwortlich und müssen daher ganze Abteilungen eigener Zensoren beschäftigen, die täglich alle Posts nach verdächtigen Schlagwörtern durchkämmen. Bei Verstößen schließen die Firmen oftmals gleich das Konto. Ein Kniff der Trolle sei es, heikle ältere Posts zu Themen wie Xinjiang oder Hongkong zu finden, so Fedasiuk. Bei der Feministin Xiao Meili etwa fand ein nationalistischer Blogger einen Post vom Auftritt einer Hongkonger Band von 2014, auf dem Xiao geschrieben hatte: „Betet für Hongkong“.

Mit dem Mix aus Profis und Freiwilligen „nutzt die KPCh den organischen Nationalismus junger chinesischer Internet-User und unterhält gleichzeitig ein enges Netzwerk von Angestellten, die auf ‚Notfälle‘ der öffentlichen Meinung reagieren können“, schreibt Fedasiuk.

H&M, Nike, Adidas: Notfall für Chinas KP-Trolle nach Sanktionen wegen Xinjiang

Ein solcher Notfall war offenbar mit den gegenseitigen Sanktionen zwischen dem Westen und China nach Berichten über Menschenrechtsverletzungen in Xinjiang gekommen. Die Kommunistische Jugendliga startete mit einem wütenden Post eine Kampagne gegen den schwedischen Bekleidungshersteller H&M sowie andere Marken wie Adidas oder Nike, weil diese wegen keine Baumwolle mehr aus Xinjiang bezogen - wegen des Vorwurfs, dass Mitglieder der uigurischen Minderheit auf Baumwollfeldern in Xinjiang Zwangsarbeit leisten müssten.

H&M hatte das bereits im Herbst 2020 bekannt gegeben - doch erst jetzt fiel dies jemandem auf. Die Kampagne geriet binnen Stunden zu einem nationalistischen Tsunami, der H&M am härtesten traf. Das Unternehmen verschwand aus Online-Kaufhäusern, die Adressen der Läden aus elektronischen Kartendiensten. Manche Filialen mussten schließen. Nike und Adidas ging es nicht viel besser: Es kursierten Videos brennender Nike-Schuhe; mehrere Prominente beendeten demonstrativ Werbeverträge mit den Konzernen. In manchen Filmen und Videos wurden ihre Logos unkenntlich gemacht.

Diese Hass-Festivals seien nicht besonders ausgeklügelt, zitierte die New York Times Xiao Qiang, Gründer der Website China Digital Times, die chinesische Internetkontrollen aufzeichnet. Aber die Regierung könne den existierenden nationalistischen Eifer zunehmend kanalisieren: „Sie werden sehr gut darin. Sie wissen genau, was zu tun ist.“ So teilte laut New York Times etwa Squirrel Video - eigentlich ein Weibo-Konto für alberne, völlig unpolitische Videos - plötzlich den Anti-H&M-Post der Kommunistischen Jugendliga mit seinen zehn Millionen Followern. Zufall?

China: Internet-Trolle sind keine offizielle Politik

Offizielle Politik ist dies natürlich nicht. Außenamtssprecher Zhao Lijian wies Vorwürfe sogleich zurück, dass Peking die Boykottkampagne gegen H&M und die anderen Marken angeführt habe. „Diese ausländischen Unternehmen weigern sich auf Basis von Lügen, Xinjiang-Baumwolle zu verwenden“, sagte Zhao bei einer Pressekonferenz. „Natürlich löst dies Abneigung und Wut der Chinesen aus. Muss die Regierung dies überhaupt anregen und leiten?“ Zhao ist bekannt für seine scharfe Rhetorik - und schreckt auch selbst nicht vor Online-Trollerei zurück. Im Dezember twitterte er ein computergeneriertes Bild, auf dem ein australischer Soldat in Afghanistan ein Messer an die Kehle eines Kindes legte - und löste damit eine diplomatische Krise mit Sydney aus. Der 48-Jährige hat auf Twitter knapp 900.000 Follower.

Viele nationalistische Blogger sind ähnlich erfolgreich; manche von ihnen haben enge Beziehungen zur Regierung. Protocol China erwähnt etwa einen Armee-Veteranen, der unter dem Namen Ziwuxiashi mehr als 700.000 Follower auf Weibo versammelt - und die Schmutzkampagne gegen Xiao Meili und andere Feministinnen lostrat. Ziwuxiashi war 2016 zusammen mit zwei anderen nationalistischen Mikrobloggern Gast der Kommunistischen Jugendliga, um seine Erfahrungen über das „Vorantreiben positiver Energie“ im Netz zu teilen. Mit den hohen Clickzahlen von Hass-Posts generieren erfolgreiche nationalistische Blogger zudem eine Menge Anzeigeneinnahmen. Der Anreiz zur Mäßigung ist daher gering.

Komplett unterdrücken lassen sich gesellschaftliche Strömungen aber auch in China nicht, weder durch Trolle noch die Zensur. Das gilt auch für den Feminismus: Die feministische Organisatorin und Strategin Lü Pin sagte Protocol China, dass Weibo in den letzten sechs Jahren mindestens 44 feministische Einzel- und Gruppenkonten gelöscht habe. Nach wiederholten Razzien sei die Bewegung nun zersplittert, aber nicht tot. Stattdessen habe sich der Feminismus zu einem Mainstream-Thema entwickelt, und das Gendern sei zu einem der am meisten diskutierten Themen in den sozialen Medien geworden. (ck)

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