Eine Frau und ein Kind sehen sich eine Flagge der Kommunistischen Partei, die in einer Ausstellung zur Darstellung der Leistungen Chinas unter der Kommunistischen Partei von 1921 bis 2021 ausgestellt ist, an.
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Eine Frau und ein Kind sehen sich eine Flagge der Kommunistischen Partei, die in einer Ausstellung zur Darstellung der Leistungen Chinas unter der Kommunistischen Partei von 1921 bis 2021 ausgestellt ist, an.

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Macht-Chance vertan? Warum sich China selbst im Weg steht

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Durch seine selbst auferlegten Probleme ist das Reich der Mitte ein weniger bedrohlicher Herausforderer, als es scheint.

  • Die USA betrachten die Volksrepublik China als größten geopolitischen Konkurrenten.
  • Doch die Kluft zwischen Chinas wirtschaftlichem Gewicht und seiner diplomatischen Souveränität wird Pekings potenziellen Einfluss in Grenzen halten.
  • Die USA könnten Gefahr laufen das Wettbewerbspotential Chinas überzubewerten.
  • Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 9. Juni 2021 das Magazin „Foreign Policy“.

US-Politiker betrachten das Wiedererstarken Chinas als die bisher größte Herausforderung für die Sicherheit und den Wohlstand der Vereinigten Staaten in Form eines rivalisierenden Nationalstaats. In seiner Interim National Security Strategic Guidance kommt das Weiße Haus zu dem Schluss, Peking sei „der einzige Konkurrent, der potenziell in der Lage ist, seine wirtschaftliche, diplomatische, militärische und technologische Macht zu vereinen, um ein stabiles und offenes internationales System nachhaltig herauszufordern“.

Alle vier dieser Dimensionen der Macht sind im letzten Jahr gewachsen. China steht heute mehr im Mittelpunkt der Weltwirtschaft als zu Beginn der Coronaviruspandemie Ende 2019. Der Internationale Währungsfonds prognostiziert, dass das Land in diesem Jahr um 8,4 Prozent und im Jahr 2022 um 5,6 Prozent wachsen wird, verglichen mit 6,4 Prozent bzw. 3,5 Prozent für die USA. Indem es seinen Einfluss innerhalb von Kerninstitutionen der Nachkriegszeit wie den Vereinten Nationen ausbaut und eigenständige Bemühungen wie die Neue Seidenstraße (Belt and Road Initiative, BRI) verfolgt, prägt Peking zunehmend sowohl die Architektur als auch die Normen der Weltordnung.

Kluft zwischen Chinas diplomatischer Souveränität und wirtschaftlichem Gewicht hält Einfluss in Grenzen

Militärische Konflikte im asiatisch-pazifischen Raum verschärfen sich und Washington konzentriert sich zunehmend darauf, bei möglichen Unwägbarkeiten im Südchinesischen Meer und in der Straße von Taiwan weniger verletzlich zu sein. Und schließlich sehen sich die USA – während China auf größere technologische Selbstständigkeit hinarbeitet und seine Vision mit Milliarden von Dollar an staatlich gelenktem Kapital unterstützt – mit den Auswirkungen eines potenziell zwiegespaltenen, wenn nicht noch weiter fragmentierten Technologie-Ökosystems konfrontiert.

Doch die wachsende Kluft zwischen Pekings wirtschaftlichem Gewicht und seiner diplomatischen Souveränität wird seinen potenziellen Einfluss in Grenzen halten. Man kann sich ein Szenario vorstellen, in dem China die mit deutlichem Abstand größte Volkswirtschaft der Welt darstellt, sich aber noch mehr von den fortgeschrittenen industriellen Demokratien entfremdet, die zusammengenommen immer noch das Übergewicht an wirtschaftlicher Macht und militärischer Stärke innehaben werden.

Während der Amtszeit des ehemaligen US-Präsidenten Donald Trump hatte China ein vielversprechendes Zeitfenster, um mittel- und vielleicht sogar langfristige strategische Vorteile zu festigen. Die „America First“-Außenpolitik dieser Regierung untergrub nicht nur das Ansehen der Vereinigten Staaten im Ausland, sondern nahm auch oft Verbündete und Partner der USA ins Fadenkreuz. Peking hatte im vergangenen Jahr, als gleichzeitig eine Pandemie, eine Rezession und Proteste gegen Rassenungerechtigkeit die Vereinigten Staaten erschütterten, eine besonders günstige Gelegenheit, die Beziehungen zu den Großmächten in und außerhalb der Nachbarschaft zu stärken.

China während Trump-Ära in USA: Ausweitung des Einflusses – Aufkommen der „Wolf-Warrior-Diplomatie“

In der Tat hat China während der Trump-Jahre einige Fortschritte bei der Ausweitung seines Einflusses gemacht. Es schloss die Regional Comprehensive Economic Partnership ab, ein Handelsabkommen, das die innerasiatischen Handelsströme stärken wird, und finalisierte das Umfassende Investitionsabkommen (Comprehensive Agreement on Investment, CAI) mit der Europäischen Union. Zudem hat China weitere Länder zu seinem Netzwerk an BRI-Partnern hinzugefügt und seine technologische Präsenz in den Entwicklungsländern ausgebaut: Laut einer aktuellen Studie hat Huawei in den letzten 15 Jahren 70 Verträge mit Regierungen oder staatlichen Unternehmen in 41 Ländern abgeschlossen, vor allem in Afrika südlich der Sahara, in Asien und Lateinamerika.

Dieses Vorrücken ging einher mit dem Aufkommen eines selbstbewussteren, nationalistischen diplomatischen Ton Chinas, der oft als „Wolf-Warrior-Diplomatie“ bezeichnet wird, nach den gleichnamigen Rambo-ähnlichen Filmen, in denen chinesische Kämpfer die Ehre ihres Landes verteidigen. Vor allem nach der anfänglichen internationalen Kritik an Pekings Erstreaktion auf den COVID-19-Ausbruch begannen viele chinesische Diplomaten, die Kritik an Chinas Vorgehen scharf zurückzuweisen, indem sie die Unzulänglichkeiten anderer Länder hervorhoben und Pekings Erfolge anpriesen. Chinesische Diplomaten in Übersee haben diesen Ansatz zunehmend übernommen, auch im Umgang mit Journalisten und in den sozialen Medien.

Der schlagzeilenträchtige diplomatische Stil der Trump-Regierung gab Chinas aggressivem Vorgehen oft Deckung. Im Gegensatz dazu hat die ruhige, undramatische Herangehensweise des Weißen Hauses unter Präsident Joe Biden an die Wiederherstellung von Bündnissen und Partnerschaften der USA den diplomatischen Scheinwerfer auf Pekings Verhalten gelenkt. Nicht nur die Haltung der Vereinigten Staaten gegenüber China wird härter. Auch die Europäische Union blickt skeptischer auf das Reich der Mitte und hat kürzlich dafür gestimmt, ihre Ratifizierungsgespräche zum CAI auf Eis zu legen, bis Peking die Sanktionen gegen europäische Parlamentarier und Denkfabriken aufhebt.

Spannungen mit Kanada, Australien und dem Vereinigten Königreich haben zugenommen. Die Beziehungen zu Indien haben sich nach den blutigen Grenzkonflikten im vergangenen Mai drastisch verschlechtert. Japan und Südkorea investieren wieder in gefestigte Allianzen mit den Vereinigten Staaten und unternehmen zaghafte Schritte zur Verbesserung ihrer eigenen bilateralen Beziehungen. Zu guter Letzt konnte Taiwan sein internationales Ansehen stärken, während sein Misstrauen gegenüber dem Festland gewachsen ist.

Quad-Staaten USA, Australien, Indien und Japan – Nato verschärft Kritik an Peking

Viele der wichtigsten bilateralen Beziehungen Chinas bekommen Gegenwind und demokratische Bündnisse werden aktiver mobilisiert. Der Quadrilateral Security Dialogue zwischen den USA, Australien, Indien und Japan hat derzeit wohl mehr Dynamik als zu jedem anderen Zeitpunkt seit seiner Aufsetzung. Die NATO hat ihre Kritik an Peking verschärft: Generalsekretär Jens Stoltenberg bezeichnete China Ende März als „eine Macht, die unsere Werte nicht teilt“. Anfang Mai gaben die Außenminister der G-7-Staaten eine Erklärung ab, in der sie ihre Besorgnis über Chinas Unterdrückung in Xinjiang und Tibet, seine Aushöhlung der Demokratie in Hongkong und seine wirtschaftlichen Zwangspraktiken zum Ausdruck brachten. In einem beispiellosen Schritt kündigten Kanada, die Europäische Union, das Vereinigte Königreich und die Vereinigten Staaten im März koordinierte Sanktionen als Reaktion auf Chinas Masseninternierung uigurischer Muslime an.

China schlug zurück und stellte sich als Opfer einer Eingrenzungskampagne dar. Solche Botschaften kommen bei den chinesischen Bürgerinnen und Bürgern gut an. Doch wie die Politikwissenschaftlerin Jessica Chen Weiss erklärt, sind sie im Ausland nicht so beliebt. Und während Peking die nationalistische Stimmung ausnutzt, schränkt sie gleichzeitig seine außenpolitische Handlungsfreiheit ein. Denn die Art von Neuausrichtung, die es Peking unter Umständen ermöglichen würde, die Beziehungen zu anderen Großmächten zu stabilisieren, könnte schließlich als genau jene Art von Zugeständnissen unter äußerem Druck interpretiert werden, die ein selbstbewussteres und fähigeres China laut Bekenntnissen von Präsident Xi Jinping nicht mehr zu machen braucht. Dieses Dilemma steht im Gegensatz zu der relativen Flexibilität, die Chinas Führung in den 1980er Jahren genoss, als sie in der Lage war, viele frühere territoriale Ansprüche zurückzunehmen, um langjährige Grenzstreitigkeiten mit Russland und anderen Ländern beizulegen.

Die Narrative der Kommunistischen Partei Chinas nähren den wachsenden chinesischen Nationalismus. Xi erklärte im Januar: „Die Zeit und die Situation arbeiten zu unseren Gunsten.“ Chen Yixin, der mächtige Generalsekretär des Gremiums, das Chinas innere Sicherheit überwacht, fällte im selben Monat ein ähnliches Urteil: „Der Aufstieg Chinas ist eine Hauptvariable [der heutigen Welt] ... während der Aufstieg des Ostens und der Niedergang des Westens zu [einem globalen] Trend geworden ist, und die Veränderungen der internationalen Landschaft sind zu unseren Gunsten.“

Kommunistische Partei hat zwei Thesen: Unaufhaltsamer Machtaufstieg der Volksrepublik China und verzweifelte USA

Die chinesische Führung vertritt zwei Thesen: Erstens sei Peking unaufhaltsam auf dem Weg, seine rechtmäßige Stellung als Zentrum des Weltgeschehens wiederzuerlangen und ein ungerechtes strategisches Ungleichgewicht zu korrigieren. Bemühungen, diesen Pfad zu ändern, seien vergeblich und kontraproduktiv. Zweitens versuche ein schwindendes Washington verzweifelt, seine derzeitige Vormachtstellung zu erhalten, indem es Chinas Wiederaufstieg behindere.

Nicht alle chinesischen Analysten sind so optimistisch, was Pekings Aussichten angeht, wie einer unserer Kollegen (Ryan Hass) nach mehr als 50 Stunden Dialogen via Zoom mit chinesischen Gesprächspartnern sowie einer gründlichen Analyse der jüngsten Reden chinesischer Offizieller und Kommentare chinesischer Wissenschaftler resümierte. Der Professor und Regierungsberater Shi Yinhong von der Renmin-Universität zum Beispiel meint: „Die Anziehungskraft von Chinas ‚Soft Power‘ in der Welt, die Ressourcen und Erfahrungen, die China zur Verfügung stehen, sind relativ begrenzt, und die Hindernisse, denen China im Inland und auf internationaler Ebene begegnen wird, einschließlich der Komplexität, die durch die Coronaviruspandemie entstanden ist, sind beträchtlich.“

Es gibt viele Gründe für chinesische Beobachter, die Annahme infrage zu stellen, China könne seine derzeitige Dynamik auf unbestimmte Zeit aufrechterhalten. Pekings außenpolitisches Bekenntnis zur Blockfreiheit schränkt seine Fähigkeit ein, Bündnisse und andere Vertrauensbeziehungen aufzubauen, die es nutzen könnte, um dem Druck der USA und ihrer Partner standzuhalten. Chinas Produktivität ist im Vergleich zu Industriestaaten nach wie vor niedrig und das Land hat mit ernsten demografischen Problemen sowie erheblichen Hindernissen bei der Erreichung der Selbstversorgung in bestimmten Bereichen wie Halbleitern zu kämpfen.

China ist weiterhin auf gutem Weg, die USA in Bezug auf die wirtschaftliche Gesamtgröße zu überholen, was seinen Drohungen – ob implizit oder explizit – gegen Länder, die sich ihm widersetzen, insbesondere Entwicklungsländer, erhebliches Gewicht verleiht. Aber ein hohes gesamtwirtschaftliches Gewicht führt nicht umgehend zu einer entsprechenden diplomatischen Größe. Obwohl die Vereinigten Staaten das Vereinigte Königreich bereits im späten 19. Jahrhundert in Bezug auf die wirtschaftliche Gesamtgröße überholten, wurden sie erst nach Ende des Zweiten Weltkriegs zur herausragenden Weltmacht. Und die kombinierte Größe der demokratischen Volkswirtschaften wird Chinas Bruttoinlandsprodukt noch für viele Jahrzehnte übersteigen, selbst in Pekings optimistischsten Wachstumsszenarien.

Politik der USA im Umgang mit China: Peking nicht zu eng im Rahmen eines „Wettbewerbs der Großmächte“ betrachten

Daraus ergeben sich mindestens zwei klare Folgerungen für die Politik des Weißen Hauses. Erstens verschafft Pekings sich selbst beschränkende Diplomatie den Vereinigten Staaten Spielraum für eine Außenpolitik, die das Wiedererstarken Chinas zur Kenntnis nimmt, sich aber nicht davon bestimmen lässt. Washington sollte weder zulassen, dass seine Reaktion auf Pekings Verhalten über der Verfolgung anderer wichtiger außenpolitischer Prioritäten steht, noch den Eindruck vermitteln, dass Chinas Entscheidungen bestimmen, wie sich die USA im Inland reformieren und im Ausland neu positionieren.

Zweitens müssen die Vereinigten Staaten, selbst wenn sie Pekings strategische Fehler nutzen, um ihre Beziehungen zu Verbündeten und Partnern zu erneuern, darauf achten, China nicht zu eng im Rahmen eines „Wettbewerbs der Großmächte“ zu betrachten. Washington sollte seine Freunde nicht in erster Linie mit Blick auf ein Land, das sie bekämpfen wollen, um sich scharen, sondern mit Blick auf die Ergebnisse, die sie gemeinsam erreichen wollen – allen voran eine postpandemische Weltordnung, die sowohl kurzfristige Krisen wie COVID-19 als auch längerfristige Herausforderungen wie den Klimawandel effektiver bewältigen kann. Schließlich gibt es jetzt und auch in Zukunft unter den fortgeschrittenen industriellen Demokratien erhebliche Divergenzen bei den wahrgenommenen Bedrohungen und politischen Prioritäten gegenüber China. Zwar können gemeinsame Sorgen Partnerschaften veranlassen, doch gemeinsame positive Vorhaben können sie zuverlässiger aufrechterhalten.

Man könnte entgegnen, dass die Vereinigten Staaten während des Kalten Krieges ihre Außenpolitik als Opposition definierten, indem sie sich selbst als die Antithese der Sowjetunion darstellten. Dabei ist jedoch zu beachten, dass Washington Moskau damals im Rahmen einer breiteren, zukunftsorientierten Anstrengung herausforderte: eine Ordnung zu schaffen, um die Katastrophen zu verhindern, die eine solche überhaupt erst notwendig gemacht hatten.

USA könnten Gefahr laufen das Wettbewerbspotential Chinas überzubewerten

Haben die USA im Triumph über den Fall der Sowjetunion das Wettbewerbspotenzial Chinas zu schnell abgetan, so könnten sie jetzt Gefahr laufen, es überzubewerten. Peking befindet sich weder am Abgrund des Zerfalls noch auf dem Weg zur Hegemonie; es ist ein ausdauernder, aber eingeschränkter Konkurrent.

Die Bemühungen der USA sollten sowohl von der klaren Erkenntnis ausgehen, dass der strategische Wettbewerb mit China langfristig fortbestehen wird, als auch von einer nüchternen Einschätzung der Stärken und Schwächen dieses Konkurrenten. Die Vereinigten Staaten können es sich leisten, diesen Wettbewerb ruhig und zuversichtlich anzugehen. Je mehr sie sich darauf konzentrieren, eine offene und gerechte Gesellschaft voranzubringen, ihre demokratischen Institutionen wiederherzustellen und ihre Initiative auf der Weltbühne aufrechtzuerhalten, indem sie die Anstrengungen zur Bewältigung transnationaler Herausforderungen bündeln, desto besser werden sie in der Lage sein, die Stärke des eigenen Systems zu demonstrieren. Prestige rührt letztlich von Leistung her. Die Verbesserung der Leistungen der USA im In- und Ausland sollte der allumfassende Fokus der amerikanischen Politik sein.

von Ali Wyne und Ryan Hass

Ali Wyne ist Senior Analyst im Bereich Global Macro bei der Eurasia Group. Er schreibt gerade ein Buch über den Wettbewerb der Großmächte, das nächstes Jahr bei Polity erscheinen wird.

Ryan Hass ist Senior Fellow und Inhaber des „Michael H. Armacost“-Lehrstuhls im außenpolitischen Programm an der Brookings Institution. Er ist der Autor von Stronger: Adapting America’s China Strategy in an Age of Competitive Interdependence.

Dieser Artikel war zuerst am 9. Juni 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern von Merkur.de zur Verfügung.

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Lesen Sie auch: Die Behauptung, dass die Rivalität zwischen den Vereinigten Staaten und China rein geopolitisch sei, hat weder Hand noch Fuß.

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