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Corona-Pandemie und „unsäglicher kultureller Rassismus“: Junge Menschen in China verlieren das Vertrauen in den Westen

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Von: Foreign Policy

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Chinesen unterstützen die Olympischen Spiele und protestieren gegen anti-chinesische Berichterstattung in den Medien
Chinesen unterstützen die Olympischen Spiele und protestieren gegen anti-chinesische Berichterstattung in den Medien © Xinhua / IMAGO

Junge Chinesen sind nicht nur über die US-Außenpolitik verärgert – sie bringen zunehmend Verachtung für die sozialen und politischen Ideen des Westens zum Ausdruck.

Peking - Seit dem Sturz der Qing-Dynastie vor mehr als hundert Jahren haben junge Chinesen die Führungskräfte ihres Landes immer wieder dazu gedrängt, vom Westen zu lernen. 1919 forderte die von Studenten angeführte Bewegung des 4. Mai eine Abkehr von der alte konfuzianischen Ordnung und eine Hinwendung zu Frauenrechten und individualistischen gesellschaftlichen Werten. Protestierende Studenten errichteten 1989 auf dem Tian’anmen-Platz eine Freiheitsstatue aus Pappmaché und forderten die Kommunistische Partei Chinas zu demokratischen politischen Reformen auf.

Noch vor Kurzem gab es eine Generation chinesischer Absolventen ausländischer Universitäten, die nach Hause zurückkehrte und virtuelle private Netzwerke nutzte, um ausländische Nachrichten zu lesen, auf Facebook zuzugreifen und mit der Außenwelt verbunden zu bleiben. Heute allerdings sind viele junge Chinesen nicht nur über die US-Außenpolitik verärgert – sie bringen auch zunehmend Verachtung für die grundlegendsten sozialen und politischen Ideen des Westens zum Ausdruck. Hierbei handelt es sich um einen epochalen Wandel, der tiefgreifende Auswirkungen auf Chinas Zukunft und auf die amerikanisch-chinesischen Beziehungen haben wird.

Die chinesische Jugend brachte zwei Hauptkritikpunkte am westlichen Modell an. Erstens, dass die jüngste Flut von Hassverbrechen gegen ethnische Chinesen in den Vereinigten Staaten, die in China große Aufmerksamkeit erregt hat, die White-Supremacy-Ideologie im Zentrum der angelsächsischen Kultur offenbart, die sich in Angst vor ethnisch chinesischen Menschen und Verachtung für chinesische Werte widerspiegelt. Und zweitens, dass das klägliche Versagen westlicher Länder bei der Eindämmung der COVID-19-Pandemie beweist, dass die liberale Demokratie der chinesischen leistungsorientierten Einparteienherrschaft unterlegen ist. Dies ist eine starke Kombination.

China und USA: Anti-asiatischer Rassismus in den Vereinigten Staaten sorgt für Spannungen

„In ihren Knochen tragen [die Angelsachsen] einen unsäglichen kulturellen Rassismus“, schreibt der Blogger Chairman Rabbit, ein Absolvent der Harvard-Universität und Enkel von Ren Zhongyi, einem berühmten chinesischen Staatsmann, der sich in der Ära von Mao Zedong und Deng Xiaoping für politische Reformen einsetzte. „Sie glauben, dass die westliche Zivilisation besser und fortschrittlicher und die chinesische Zivilisation rückständig ist.“ Letzten Monat schrieb der NBA-Star Jeremy Lin auf Facebook, dass ein anderer Spieler ihn auf dem Spielfeld „Coronavirus“ genannt habe. Die Meldung erregte in den USA kaum Aufmerksamkeit, aber in den chinesischen sozialen Medien wurde sie zum Top-Thema. „Systemische, rassistische Diskriminierung ist in den Vereinigten Staaten allgegenwärtig“ lautete eine Schlagzeile.

In China werden die Begriffe „westlicher Imperialismus“ und „White Supremacy“ (weiße Vorherrschaft) verwendet, um historische Episoden wie das „Jahrhundert der Erniedrigung“ oder die Vereinigten acht Staaten, die Peking während des Boxeraufstandes besetzten, zu beschreiben. Inzwischen führen junge Chinesen den Begriff der „White Supremacy“ an, um aktuelle Ereignisse zu erklären, insbesondere Berichte über Übergriffe auf ethnische Chinesen im Ausland und das harte Vorgehen der US-Regierung gegen Professoren und Doktoranden an der Harvard-Universität, am Massachusetts Institute of Technology (MIT) und an anderen Institutionen, die ihre Verbindungen zu China nicht offengelegt hatten. In einer Meldung wird berichtet: „54 amerikanische Wissenschaftler wurden gezwungen, ihre Stelle zu verlassen und die meisten von ihnen waren Asiaten und Chinesen. „Diese Untersuchungen zielen bewusst auf Chinesen und ihre Verfolgung ab.“

Für mehr als hundert Jahre sind viele der wichtigsten Intellektuellen Chinas ins Ausland gegangen, um zu studieren, zu unterrichten und zu arbeiten. Schlagzeilen wie diese könnten dafür sorgen, dass sich das ändert. Es könnte sich eine unheilvolle Entkopplung in den chinesisch-amerikanischen Beziehungen und das Ende einer Ära, in der eine westliche Ausbildung Prestige und berufliche Chancen in China bedeutete, ankündigen.

Corona-Pandemie in westlichen Ländern: Überzeugung der Überlegenheit des chinesischen Systems

In der Zwischenzeit überzeugte die verpfuschte Reaktion der westlichen Länder auf die COVID-19-Pandemie viele chinesische Bürger davon, dass liberal-demokratische politische Institutionen keine großen Probleme lösen können. Zhang Weiwei, Dekan des China-Forschungsinstituts an der Fudan-Universität und ein prominenter öffentlicher Intellektueller, fasste den Zeitgeist letzten Monat im Fernsehen zusammen. Anfänglich verspottete Zhang die Vereinigten Staaten für ihre Scheinheiligkeit, China über Menschenrechte belehren zu wollen, während täglich etwa 3000 US-Bürger an COVID-19 sterben. „Wenn das Recht, nicht an einem tödlichen Virus zu sterben, keine Menschenrechtsfrage ist, was dann?“, fragte er. Er brachte vor, dass die chinesische Regierung das Virus im Frühjahr 2020 vollständig ausgerottet habe, und forderte das amerikanische Volk auf, auf die Straße zu gehen und zu verlangen, dass ihre Regierung dasselbe tut. „American lives matter!“, stieß er hervor.

Zhang behauptete, die Vereinigten Staaten würden Chinas Regierungsmodell angreifen, um von ihren eigenen Unzulänglichkeiten abzulenken. Gesellschaften und politische Institutionen im Westen würden eigennützige und häufig inkompetente Führungskräfte in hohe Positionen bringen, argumentierte er, und diese würden die Bürger dazu motivieren, egoistisch zu handeln und sich in antagonistische parteiische Lager aufzuteilen. Er argumentiere weiter, dass das „chinesische Modell“, das der pekingfreundliche kanadische Wissenschaftler Daniel Bell als Theorie entwickelt hat,, im Gegensatz dazu die fähigsten Menschen in verantwortungsvolle Positionen bringt und es diesen ermöglicht, entschieden im Interesse der Allgemeinheit zu handeln. Die globale Pandemie beweise die Überlegenheit des chinesischen Modells, so Zhang. Liberal-demokratische Regierungen könnten ihre Bevölkerungen nicht dazu bringen, das kleine individuelle Opfer zu bringen, sich an eine strengen, aber vorübergehenden Lockdown zu halten, selbst wenn das Ergebnis ein massiver kollektiver Nutzen wäre. (Zhang ging nicht auf Taiwan, Neuseeland, Südkorea und Australien ein, die alle Mehrparteiendemokratie sind und das Virus mindestens genauso schnell angingen wie China.)

Die Pandemie wird auch benutzt, um Einschränkungen des Rechts auf freie Meinungsäußerung zu rechtfertigen. „Die Vereinigten Staaten treten in eine ‚postfaktische Ära‘ ein“, so Zhang. „Etwa die Hälfte der Bevölkerung glaubt nicht an die Regierung, und ein großer Teil der Menschen glaubt nicht an die Wissenschaft oder die maßgeblichen wissenschaftlichen Institutionen. Infolgedessen“, erklärte er, „ist alles politisiert und kontrovers.“ Er charakterisierte Chinas Internetzensur als positiv und wies darauf hin, dass die chinesischen Internetzensoren seit dem ersten Ausbruch in Wuhan vor mehr als einem Jahr die öffentliche Meinungsäußerung über die Pandemie in den sozialen Medien streng kontrolliert haben. Das Entfernen von „irreführenden oder falschen Informationen“, so argumentierte er, würde dabei helfen, die soziale Stabilität und Harmonie zu bewahren.

Natürlich gibt es zahlreiche Gerüchte, dass westliche Länder die öffentliche Debatte in ähnlicher Weise zensieren würden, allerdings ohne die sozialen Vorteile. „Wenn es um das Thema China und die COVID-19-Pandemie geht, wird die ‚freie Meinungsäußerung‘ in den Vereinigten Staaten immer mehr zurückgefahren“, schrieb ein Journalist in China. „Die Stimmen der normalen Nutzer sind schwach im Angesicht der Giganten“ – nämlich Amazon und Twitter.

Chinas Bekämpfung der Corona-Pandemie: Nationalistische Richtung im politischen Diskurs

Kurz gesagt, nach den schmerzhaften frühen Erfahrungen in Wuhan hat Pekings relativer Erfolg bei der Bekämpfung der Pandemie viele junge, im Ausland ausgebildete Chinesen davon überzeugt, dass Chinas politische und soziale Werte bessere Ergebnisse bringen als die des Westens.

Ob man Zhangs Ansichten zustimmt oder nicht, sie sagen etwas darüber aus, in welche Richtung sich die chinesische Außenpolitik und öffentliche Meinung entwickelt. Selbstverständlich decken diese Beispiele nur eine kleine Auswahl der Debatten in den chinesischen sozialen Medien ab. Zudem ist das chinesische Internet eine streng kontrollierte Umgebung: Bürger, die anderer Meinung sind, können nicht antworten und den Westen verteidigen. Mehrere Umfragen bestätigen jedoch, dass die nationalistische Richtung im politischen Diskurs in China tatsächlich eine Veränderung der Einstellungen widerspiegelt und nicht nur eine Aufstockung der Propaganda der Kommunistischen Partei Chinas. In einer im April 2020 durchgeführten Umfrage unter fast 20.000 chinesischen Bürgern gab fast die Hälfte der Befragten an, dass ihr Vertrauen in die nationale Regierung gestiegen ist. Nur 3,3 Prozent der Befragten gaben an, dass sie nach der Epidemie weniger Vertrauen in die Führungskräfte haben. Die Zustimmungswerte der chinesischen Führung lagen während des Ausbruchs bei mehr als 90 Prozent.

Diese Trends haben langfristige Auswirkungen auf die chinesische Innenpolitik und die amerikanisch-chinesischen Beziehungen.

US-amerikanisch-chinesisches Verhältnis: Junge, gut ausgebildete Chinesen kehren nach China zurück

Die Angst vor COVID-19, Hassverbrechen und rassistischer Diskriminierung haben bereits viele begabte und weltoffene chinesische Studenten an ausländischen Universitäten dazu gebracht, lieber nach Hause zurückzukehren, als sich im Westen niederzulassen. Das jährliche Wachstum der Zahl chinesischer Studenten, die in den Vereinigten Staaten eingeschrieben sind, sank auf weniger als 1 Prozent, ein deutlicher Tiefpunkt in den letzten zehn Jahren. Vor allem deshalb könnte die heutige Generation der chinesischen Jugend die erste seit der Kulturrevolution sein, die patriotischer und ideologisch engagierter ist als ihre Eltern. Dies wird die chinesische Politik unweigerlich in eine nationalistischere und von kultureller Bestimmung geprägte Richtung lenken. Wie Peter Hays Gries schon vor mehr als zehn Jahren feststellte, kann die Kommunistische Partei Chinas die nationalistische Stimmung anheizen, wann sie will, aber sie herunterzufahren ist weniger einfach.

Liberal-demokratische Regierungen haben kein Patentrezept, um die chinesische Jugend davon zu überzeugen, dass ihre politischen Werte besser sind als autokratische Werte. Aber sie können und müssen mehr tun, um der Epidemie von antiasiatischen Hassverbrechen und Belästigungen entgegenzutreten. Die Interessengruppe „Stop AAPI Hate“ erhielt im vergangenen Jahr mehr als 2800 Berichte über hasskriminalistische Vorfälle gegenüber asiatischen Amerikanern in den Vereinigten Staaten. Unzählige mehr wurden nie gemeldet. Dieses Problem anzugehen ist nicht nur eine moralische Pflicht für jede offene Gesellschaft, es ist auch eine außenpolitische Frage mit langfristigen Auswirkungen auf die nationale Sicherheit.

Ein chinesischer Beobachter zog in seinem Kommentar zur heutigen Situation in den Vereinigten Staaten eine Parallele zu den frühen Tagen des Kalten Krieges. In den 1930er Jahren, so der Autor, ging ein chinesischer Student namens Qian Xuesen zum Studium in die Vereinigten Staaten. Er machte seinem Abschluss am MIT und am California Institute of Technology und arbeitete als Luftfahrtingenieur in den Vereinigten Staaten. Doch in den 1950er Jahren wurde Qian Xuesen vom McCarthy-Mob des Kommunismus bezichtigt und kehrte nach China zurück.

Bis Mitte der 1960er hatte er Chinas Raketenprogramm begründet.

von Eyck Freymann, Brian Y.S. Wong

Eyck Freymann ist der Autor von One Belt One Road: Chinese Power Meets the World (Harvard University Press 2020) und Direktor für den Indopazifik bei Greenmantle, einer makroökonomischen Beratungsfirma.

Brian Y.S. Wong ist Rhodes-Stipendiat aus Hongkong und Gründungsherausgeber der Oxford Political Review.

Dieser Artikel war zuerst am 22. März 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern von Merkur.de zur Verfügung.

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In China und im Westen wächst die Abneigung gegenüber der jeweils anderen Seite. Auch die kulturelle Bewunderung für den Westen in China geht zurück. Das hat Konsequenzen für die Politik.

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