Der philippinische Verteidigungsminister Delfin Lorenzana gestikuliert im Malacañang-Palast bei einer Pressekonferenz.
+
„Ich bin doch kein Dummkopf“: Der philippinische Verteidigungsminister Delfin Lorenzana hält angebliche Fischerboote Chinas für Marine-Miliz (Archivbild).

Südchinesisches Meer

„Brillanter“ chinesischer Trick in der Konfliktzone? Minister erzürnt: „Bin kein Dummkopf“

  • Christiane Kühl
    vonChristiane Kühl
    schließen

Seit Wochen ankern angebliche Fischerboote aus China an einem von den Philippinen kontrollierten Riff. Manila protestiert täglich in Peking. Ein US-Flugzeugträger ist bereits in der Region.

München/Peking - Ein unbewohntes Atoll sorgt für Ärger im Südchinesischen Meer. Was als Streit zwischen den Philippinen und China begann, birgt angesichts der internationalen Spannungen in der Region überregionales Konfliktpotenzial. Der US-Flugzeugträger USS Theodore Roosevelt fuhr nach Beobachtungen der South China Sea Strategic Situation Probing Initiative in Peking am Sonntag aus der nahen Straße von Malakka in das Gewässer ein. China ließ seinen eigenen Flugzeugträger Liaoning erstmals die Meerenge südlich von Japan passieren, in Richtung auf das Südchinesische Meer. Japan schickte daraufhin eine Beobachtungsmission seiner Marine hinterher.

Was war passiert? In der Bucht eines Bumerang-förmigen Atolls namens Whitsun Reef ankern seit Anfang März chinesische Schiffe. Erst waren es über 200, nun sollen es noch etwa 40 Boote sein. Die Philippinen kontrollieren bislang das Riff. Doch es gehört zu jenem riesigen Gebiet im Südchinesischen Meer, das China für sich beansprucht.

China erzürnt Philippinen: Minister fühlt sich hinters Licht geführt - „Bin kein Dummkopf“

Die Fischerboote hätten in der Lagune Schutz vor schlechtem Wetter gesucht, erklärte Pekings Außenamtssprecherin Hua Chunying zu Beginn der Kontroverse. Sie bezeichnete die Fischerei in der Region ebenso wie das Ankern als „normalen Vorgang“. Das Außenministerium in Manila sieht das anders und legt seit Wochen in Peking täglich Protest gegen die Anwesenheit der Boote ein. Diese gehören nach Ansicht der Philippinen zur People’s Armed Forces Maritime Militia (PAFMM) und sind mitnichten zum Fischen unterwegs. „Ich bin kein Dummkopf“, sagte Verteidigungsminister Delfin Lorenzana am Wochenende. „Das Wetter war bisher gut, daher haben sie keinen Grund, dort zu bleiben.“ China trachte vielmehr danach, immer mehr Gebiete im Südchinesischen Meer zu besetzen, teilte Lorenzana mit. Aus China kam am Dienstag prompt die Antwort: Manila solle die Sache nicht „hochspielen“.

Viele der Atolle im Südchinesischen Meer sind von Natur aus bei Hochwasser überflutet. Doch die Anrainerstaaten schufen aus manchen durch Landaufschüttung künstliche Inseln. Niemand war dabei so forsch wie China, das seit 2014 sogar Stützpunkte und Wohnhäuser auf einstigen Riffen errichtete, komplett mit Radar, Raketenbatterien, Hangars für Kampfflugzeuge - und Häfen für die angeblichen Fischerboote. Diese sind laut Andrew Erickson, Professor am China Maritime Studies Institute des U.S. Naval War College, viel größer und stärker als typische Fischereifahrzeuge der Region. Ihr Rumpf sei besonders robust, und sie hätten Wasserwerfer am Mast montiert, schreibt Erickson im US-Fachmagazin Foreign Policy. Das mache die Boote zu „mächtigen Waffen, die in der Lage sind, unterlegene zivile oder polizeiliche Gegner aggressiv zu bedrängen, zu rammen und zu bespritzen.“

Chinas Schiffe im Whitsun Reef: Fischereiflotte oder schlagkräftige Marine-Miliz?

Satellitenaufnahmen zeigten in der Lagune des Whitsun-Atolls nebeneinander angeleinte Schiffe. Beim Fischen wurden diese Boote nicht beobachtet, wohl aber mit hellem Licht bei Nacht. Es wäre nicht das erste Mal, dass China mithilfe solcher verstärkter Boote Fakten schaffen will. 2012 etwa gelang es China auf diese Weise, den Philippinen die Kontrolle über das nahe gelegene Scarborough Shoal zu entziehen. „China hackt langsam aber sicher am Status Quo“, beschrieb es Helena Legarda, Expertin für Chinas Sicherheits- und Außenpolitik beim Mercator Institute for China Studies (MERICS) kurz vor dem Whitsun-Vorfall gegenüber Merkur.de. „Aber es bleibt immer unter der Konfliktschwelle.“ Peking dränge immer weiter ins Südchinesische Meer vor, so Legarda - und habe „keinerlei Absicht, Kompromisse einzugehen.“

Ankernde Schiffe in der Lagune des Whitsun-Atolls: Fischereiflotte oder Marine-Miliz aus China?

Mit seiner so genannten „Neun-Strich-Linie“ reklamiert China auf Basis historischer Schriften rund 90 Prozent des strategisch bedeutsamen Gewässers für sich. „China kontrolliert noch nicht den gesamten Bereich innerhalb der ‚Neun-Strich-Linie‘, aber es beansprucht den gesamten Bereich“, sagte Legarda. Doch auch die Philippinen, Vietnam oder Malaysia haben dort teilweise überlappende Gebietsansprüche. China agiert zunehmend selbstbewusst in der Region. Helena Legarda glaubt aber nicht, dass Peking einen Krieg provozieren will.

Am Whitsun Reef spielten China und Vietnam seit den 1990er Jahren ein Katz-und-Maus-Spiel, schreibt Erickson - denn auch Vietnam beansprucht das Riff. China habe dabei versucht, seinen Anspruch etwa durch das Anbringen von Bojen zu bekräftigen. Vietnams auf dem benachbarten Sin Cowe-Insel stationiertes Militär sammelte diese Bojen dann wieder ein. Schiffe für längere Zeit in einer Lagune zu lassen, hat da aber schon eine andere Qualität. Es sei eine „brillante, wenn auch unehrliche Taktik“, urteilte Carl Schuster, ehemaliger Operations Director im Joint Intelligence Center des US-amerikanischen Pazifikkommandos gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. Niemand schütze seine Schiffe wochenlang vor einem Sturm, so Schuster: Wären die Boote wirklich Fischer, wäre dies eine absurde Geldverschwendung. „Es kostet Hunderte, wenn nicht Tausende von Dollar pro Tag, wenn die Boote untätig zusammengebunden daliegen. “ Schuster hält die Whitsun-Kampagne für einen Test, wie entschlossen die neue US-Regierung von Präsident Joe Biden tatsächlich ist: „Wie die USA reagieren, wird bestimmen, wie der nächste Test aussieht.“ Bisher haben die USA eher rhetorisch als substanziell reagiert, so Schuster.

USA: Unterstützung für die Philippinen und andere Anrainer im Südchinesischen Meer

US-Außenminister Antony Blinken etwa drückte auf Twitter seine Unterstützung für die Philippinen aus. „Wir werden immer zu unseren Verbündeten stehen und uns für die regelbasierte internationale Ordnung einsetzen.“ Ob die Fahrt der USS Roosevelt tatsächlich eine Reaktion auf die Vorfälle ist, blieb zunächst unklar. US-Schiffe führen im Südchinesischen Meer regelmäßig Operationen zur „Freiheit der Navigation“ durch.

Und auch Europa zeigt zunehmend Flagge. Im August wird die Fregatte Bayern aus Wilhelmshaven nach Fernost aufbrechen und auf dem Rückweg das Südchinesische Meer passieren. Frankreich hatte im Februar ein Atom-U-Boot in die Region geschickt, Großbritannien will Ende 2021 den Flugzeugträger HMS Queen Elizabeth für ein paar Monate im Indopazifik stationieren. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) deutete kürzlich auf Twitter an, dass solche Einsätze der Bundeswehr in der Region durchaus mit der Eindämmung Chinas zu tun haben. Noch ist offen, wie es weiter geht. Eine einfache Lösung ist aber nicht in Sicht. (ck)

Auch interessant

Kommentare