Chinas Präsident Xi Jinping winkt den Bewohnern zu, als er ein Dorf der Gemeinde Shaliuhe im Kreis Gangcha der tibetischen Autonomen Präfektur Haibei im Nordwesten der chinesischen Provinz Qinghai besucht.
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Chinas Präsident Xi Jinping winkt den Bewohnern zu, als er ein Dorf der Gemeinde Shaliuhe im Kreis Gangcha der tibetischen Autonomen Präfektur Haibei im Nordwesten der chinesischen Provinz Qinghai besucht.

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„Wolfskrieger“ zerstören Chinas Großen Plan – Gefahr für den Rest der Welt

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Merkmal des chinesischen Verhaltens heute ist nicht mehr der Große Plan, sondern ein kriegerischer, defensiver Nationalismus, der ohne Rücksicht auf die Konsequenzen ausgelebt wird.

  • Die Volksrepublik China hat ihre Bemühungen lange auf die nationale Sicherheit ausgerichtet.
  • In letzter Zeit hat China diese Zielstrebigkeit – eines der Markenzeichen des Großen Plans – jedoch verloren.
  • Das ist bedrohlich für China selbst und den Rest der Welt: Denn eine Macht, die wie ein streitlustiger Betrunkener um sich schlägt, ist ein Problem.
  • Dieser Artikel liegt erstmals in deutscher Sprache vor – zuerst veröffentlicht hatte ihn am 28. Mai 2021 das Magazin „Foreign Policy“.

Peking - Irgendwann im Jahr 2020 hat sich China von seinem Großen Plan verabschiedet. Bis dahin waren Pekings diplomatische, militärische und wirtschaftliche Bemühungen fast ausschließlich auf die nationale Sicherheit ausgerichtet. Erfahrene Beobachter könnten darüber streiten, ob Peking Sicherheit als untrennbar von dem Streben nach Weltherrschaft ansieht, und sie könnten darüber diskutieren, wie erfolgreich Chinas Politik war. Aber eins konnte bisher niemand in Abrede stellen: die Zielstrebigkeit, die China in seinem Verhalten zeigte.

In letzter Zeit hat China diese Zielstrebigkeit – eines der Markenzeichen des Großen Plans – jedoch verloren. Das vorherrschende Merkmal des chinesischen Verhaltens heute ist nicht mehr der Große Plan, sondern ein kriegerischer, defensiver Nationalismus, der ohne Rücksicht auf die Konsequenzen ausgelebt wird. Warum es zu dieser Abkehr gekommen ist, ist ungewiss, aber es ist klar, dass der Wandel sowohl China als auch die Welt in Gefahr bringt. China riskiert, alles rückgängig zu machen, was es seit der Machtübernahme durch die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) zu erheblichen Kosten erreicht hat. Und der Rest der Welt, insbesondere die USA, sieht sich nicht mehr mit der schwierigen Aufgabe konfrontiert, sich mit einer aufstrebenden, einigermaßen berechenbaren Macht auseinanderzusetzen, sondern mit einer strauchelnden Macht, was unendlich viel schwierigerer ist.

Chinas Großer Plan wird ersetzt durch kriegerischen, defensiven Nationalismus

Merkmal eines Großen Plans ist es, verschiedene Arten von Macht zu kombinieren, um ein übergreifendes Ziel zu erreichen. Wie ein Staat dieses Ziel definiert und wie er Diplomatie, militärische Macht und Wirtschaftspolitik miteinander verknüpft, um es zu erreichen, kann unterschiedlich sein, aber bestimmte Merkmale sind in der Regel klar erkennbar. Erstens: Ein Großer Plan ist immer langfristig ausgelegt. Es geht darum, nicht nur jetzt oder morgen sicher zu sein, sondern auch noch in zehn Jahren. Zweitens: Er ist allumfassend. Ob Iran oder Umweltveränderungen, die Kosten für Kartoffeln oder die militärische Modernisierung – Große Pläne betrachten solche Punkte nie isoliert, sondern im Zusammenhang mit einem übergreifenden Ziel. Drittens: Er ist flexibel. Wirkliche Strategen sind in der Lage, die Richtung zu ändern, frei nach dem Motto: Dieser spezielle Weg bringt mich nicht dorthin, wo ich hin will, deshalb muss ich einen anderen Weg versuchen.

Im Falle Chinas wurde das Verhalten der Kommunistischen Partei für den größten Teil ihrer Zeit an der Macht durch einen Großen Plan bestimmt. Von Mao Zedong bis Xi Jinping hat China versucht, den Staat durch die Verknüpfung von diplomatischer, wirtschaftlicher und militärischer Macht zu schützen. Diplomatisch strebte das Land ein Kräfteverhältnis an, das es, soweit möglich, näher an andere Mächte in der Welt heranrücken ließ als diese Mächte aneinander. Für ein unsicheres Land war es sinnvoll, wo immer möglich Freunde zu haben – und das bedeutete, auch bei Meinungsverschiedenheiten weiter miteinander zu reden. China strebte nach einer produktiven Wirtschaft, die mehreren Zwecken diente: Sie ermöglichte Hilfe für fremde Länder, die in Zeiten der Not zu Freunden werden konnten, sie hielt die Bürger auf der Seite der KPCh und sie finanzierte die militärische Modernisierung.

Sicherlich gab es Zeiten, in denen der Große Plan zu einer unvergleichlich törichten Politik führte (man erinnere sich an den „Großen Sprung nach vorn“), und Zeiten, in denen China sein Ziel zu vergessen schien (die ersten beiden Jahre der Kulturrevolution oder Deng Xiaopings Krieg in Vietnam). Aber zum größten Teil hat China einen vernünftigen Job gemacht, indem es sich an seinen Plan gehalten hat. Die Vision des Landes war immer auf die Zukunft ausgerichtet: Ein Blick auf die chinesische Entscheidungsfindung, sei es beim Koreakrieg oder bei den jüngsten Militärausgaben, legt ein langfristiges Sicherheitskalkül nahe. Es gab ein Gefühl der Verbundenheit – wie man die Diplomatie mit Indien betrieb, beeinflusste zum Beispiel, wie man die Diplomatie mit Pakistan betrieb, und so weiter. Und schließlich gab es Raum, um die Situation neu zu bewerten, wenn die Dinge schief liefen. Die Auslandshilfe der Mao-Jahre wurde zurückgeschraubt, um China unter Deng auf eine stabilere finanzielle Basis zu stellen. Die jüngere Diplomatie unter Xi gegenüber Japan war geprägt von einer extremen Eskalation der Spannungen, der Einsicht, dass die Dinge zu weit gegangen waren, und einer anschließenden Entwicklung hin zu einer fast schon freundschaftlichen Beziehung.

China unter Xi Jinping: Reihe von kontraproduktiven Maßnahmen, die Scheitern des Großen Plans beschleunigten

Ein jahrzehntelanger Großer Plan stirbt nicht plötzlich. Sein Tod ist ein Prozess, und es gibt Warnzeichen auf dem Weg dorthin. Im Falle Chinas gab es in der Xi-Ära eine Reihe von eher kontraproduktiven Maßnahmen, die das Scheitern beschleunigt haben.

Xinjiang war wahrscheinlich die erste dieser Maßnahmen. Jiang Zemin verfolgte die Strategie, mit den religiösen und ethnischen Unterschieden zu leben, die dieses ferne Territorium kennzeichneten. Das würde zwar gelegentlich Probleme schaffen, aber es gehörte zu einem großen Reich einfach dazu. Für Xi hingegen müssen Unterschiede ausgerottet und unter vollständige Kontrolle gebracht werden. Das führte zu einer Politik, die schließlich im Genozid mündete. Xinjiang mag zwar unter strenger Kontrolle sein, aber die langfristigen Folgen – der geschädigte Ruf Chinas bei den Muslimen im Ausland und der Unmut unter Chinas Gläubigen im Inland – sind noch nicht absehbar.

Und dann kam Hongkong. Deng scheint es mit „ein Land, zwei Systeme“ vollkommen ernst gemeint zu haben. Es bestand keine Notwendigkeit, Hongkong mit dem Rest Chinas in Einklang zu bringen, den Hongkong funktionierte. Ein funktionierendes Hongkong war gut für China, und das Land ist schließlich groß genug, um mehrere Wirtschaftssysteme zu beheimaten. Für Xi musste Hongkong jedoch wie ganz China aussehen – und das führte zu einer Reihe von Versuchen, die Autonomie, die das Gebiet genossen hatte, zu untergraben. Das Ergebnis war eine unzweifelhaft vermeidbare Welle von Wut und Protest in Hongkong, die immer noch nicht abebbt. Und dadurch wurde auch die letzte Aussicht darauf zerstört, Taiwan davon zu überzeugen, dass eine Vereinigung mit China in seinem langfristigen Interesse sei.

Sonderverwaltungszone Hongkong, Xinjiang und Taiwan - Doch „Wolfskrieger“-Diplomatie markiert bedeutende Veränderung

Diese Fehltritte könnten immer noch einfach als ein schlechter Großer Plan angesehen werden. Sicher wollte Xi Xinjiang so sicher wie möglich und Hongkong so ruhig wie möglich machen, um China durch eine engere Einbindung der Peripherie zu schützen, aber er hatte nicht das beste Gespür dafür, wie er das tun sollte. Sicher wollte er Taiwan auf friedliche Weise für sich gewinnen, aber er dachte, Chinas Gewicht in die Waagschale zu werfen, würde die geplagten Inselbewohner in Angst und Schrecken versetzen und sie somit zwingen, sich zu unterwerfen. Im Umgang mit anderen Angelegenheiten – etwa den Beziehungen zu Australien oder Japan oder dem Engagement in Afrika – schlug sich seine Regierung einigermaßen gut, wenn auch nicht perfekt. Xi verfolgte den chinesischen Großen Plan mit mehr Vehemenz, und dabei gab es Erfolge und Misserfolge.

Aber die sogenannte „Wolfskrieger“-Diplomatie markiert eine bedeutende Veränderung. Wer versucht, das chinesische Verhalten zu erklären, wird um diesen Begriff heute nicht mehr herumkommen. Er wird oft missbraucht, um alle Formen des chinesischen Nationalismus zu beschreiben. Aber man muss hier unterscheiden, weil verschiedene Arten von Nationalismus ihre Ursache in verschiedenen Problemen beim Verhalten von China haben. Zwei Dinge zeichnen die Wolfskrieger-Diplomatie aus.

Erstens: Es gibt keinen offensichtlichen Grund dafür. Der aggressive Auftritt des chinesischen Diplomaten Yang Jiechi in Alaska war ungeschickt und unerträglich, aber er erfüllte einen Zweck. Den Chinesen ging es darum, ihr Gesicht zu wahren, nachdem sich Yang Jiechi gegen (wenn auch gerechtfertigte) Vorwürfe verteidigen musste. Die Idee – die übrigens nicht nur für China gilt – ist, dass man zunächst zeigen muss, dass man sich nicht einschüchtern lässt, bevor man sich an die harte Arbeit macht, Differenzen zu lösen – oder eben nicht zu lösen. Yangs Verhalten war also keine Wolfskrieger-Diplomatie. Im Gegensatz dazu war es völlig sinnlos, dass die Sprecher des Außenministeriums, Zhao Lijian und Hua Chunying, Verschwörungstheorien über COVID-19 twitterten oder dass China einen Handelskrieg mit Australien anzettelte, nur weil die Australier die Frechheit besaßen, eine Untersuchung von Chinas Umgang mit der Pandemie zu fordern. Das sind reflexartige Reaktionen. Ihnen fehlt das berechnende Kalkül, das einen Großen Plan auszeichnet.

Zweitens: Es gibt keinen Versuch, diese Wutanfälle zu zügeln. Als Jiang zu Protesten gegen die Bombardierung der chinesischen Botschaft in Jugoslawien durch die USA aufrief, gab es vorsichtige Weisungen, dass der Nationalismus nicht zu weit gehen dürfe. Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass es solche Weisungen in der aktuellen Situation gibt. Schlimmer noch: Es scheint wahrscheinlich, dass solche Weisungen, selbst wenn sie erlassen würden, nur schwer durchzusetzen wären, da der ziellose Nationalismus inzwischen außer Kontrolle geraten ist.

„Wolfskrieger“ in China - Nationalismus um seiner selbst willen zum vorherrschenden Motiv des chinesischen Verhaltens

Sicherlich hat China schon immer eine nationalistische Ader gehabt, die (wie bei vielen anderen Ländern auch) manchmal kontraproduktiv war. Einige von Chinas diplomatischen Schachzügen waren ungeschickt: den Tourismus nach Südkorea zu unterbinden, als dieses Land darauf bestand, das von den USA hergestellte THAAD-Raketenabwehrsystem zu stationieren, oder indischen Diplomaten mitzuteilen, dass Menschen aus Arunachal Pradesh kein Visum benötigten, um China zu besuchen, da Arunachal Pradesh chinesisches Territorium sei.

Aber insgesamt gesehen erschien das Verhalten Pekings immer noch größtenteils als das eines berechnenden, zielstrebigen Akteurs. Was sich im Jahr 2020 änderte, war, dass der Nationalismus um seiner selbst willen zum vorherrschenden Motiv des chinesischen Verhaltens wurde. Seit diesem Jahr geht es bei Chinas Diplomatie darum, wilde Gerüchte über COVID-19 zu verbreiten, sich mit Australien zu streiten und jedem, der sich für einen Boykott der Olympischen Winterspiele 2022 in Peking entscheidet, mit schlimmen Konsequenzen zu drohen. Eine Hypothese, warum Peking auf den Großen Plan zu verzichten scheint, besagt, dass China Amerika im Niedergang sieht und meint, dass dies eine gute Gelegenheit sei, mehr Macht an sich zu reißen und die Rolle als führende Weltmacht zu übernehmen.

Aber das Verhalten scheint nicht darauf ausgerichtet zu sein, den Niedergang der USA auszunutzen. Tatsächlich hat China 2020 keine der Möglichkeiten genutzt, die sich boten, als die Vereinigten Staaten im Chaos unterzugehen drohten. Eine andere Vermutung ist, dass China inzwischen das Gefühl hat, mit seiner Kriegslust davonzukommen, weil es stärker geworden ist. Das könnte ein Teil der Erklärung sein, aber dabei stellt sich die Frage, warum das Land seine Kraft für wahnwitzige Aktionen vergeuden möchte.

Die Volksrepublik China hat sich durch seine Rhetorik selbst vergiftet

Die überzeugendste Erklärung ist, dass China sich durch seine eigene Rhetorik selbst vergiftet hat. Nach dem Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens 1989 wurde der Nationalismus als Mittel gesehen, um die Bürger auf die Linie der Partei zu bringen. Er war nicht wirklich als Praxisgrundlage der Außenpolitik gedacht. Aber wie die Vereinigten Staaten in den Jahren von Donald Trump gelernt haben, kann man ein nationalistisches Feuer nicht schüren, ohne dass es irgendwann unkontrollierbar lodert. Im Laufe der Jahre wurde immer wieder kolportiert, dass Taiwan dankbar sein müsse, dass die Proteste in Hongkong ein Produkt des westlichen Einflusses seien, dass die westliche Welt China gegenüber aggressiv sei, dass Japan sich nie für den Zweiten Weltkrieg entschuldigt habe, dass die Partei rechtschaffen und die chinesische Regierung unfehlbar sei und dass das chinesische Volk in seinen Gefühlen verletzt werde – und mit der Zeit wurde diese Rhetorik zur Überzeugung. All das schwächte Chinas Großen Plan.

Zwei Dinge sind erwähnenswert: Auch wenn Chinas Politik strategisch fragwürdig ist, so bedeutet das nicht, dass Pekings Ängste vor der Außenwelt völlig unberechtigt sind. Die Trump-Administration war geprägt von einer tiefen Ablehnung gegenüber China, die sich in der Ära Biden fortzusetzen scheint. Das US-Verteidigungsbudget ist immer noch stark auf die Bekämpfung Chinas ausgerichtet. Das Quad-Bündnis mit Indien, Australien und Japan wurde wohl für denselben Zweck wiederbelebt. Es wäre aus Sicht der chinesischen Führung unverantwortlich, diese Entwicklungen nicht ernst zu nehmen. Das Problem ist nicht Chinas Einschätzung der Bedrohung. Vielmehr scheinen die Wolfskrieger nicht aus einer sachlichen Einschätzung dieser Bedrohung und wie man ihr am besten begegnet heraus zu reagieren, sondern einfach aus Groll.

Zweitens: Auch wenn kaum noch wahrnehmbar, so ist das große strategische Denken noch nicht ganz erloschen. Es gibt immer noch Stimmen, die sich auf Chinas älteren Stil der Außenpolitik berufen. Die lebhafte Debatte über die Kürzung der Projekte der Belt and Road Initiative (BRI, bekannt als „Neue Seidenstraße“) deutet darauf hin, dass es in Chinas politischen Kreisen ein Segment gibt, das sich auf die Abwägung von Vor- und Nachteilen konzentriert. China hat es geschafft, die Beziehungen zu Japan seit 2015 zu verbessern. Selbst die Scharmützel mit Indien waren nicht das Produkt eines stumpfsinnigen Nationalismus, sondern einer überlegten Politik, die bereit ist, bei der Sicherung verwundbarer Grenzgebiete auch Gewalt zu riskieren. All dies deutet darauf hin, dass es in Peking noch berechnende Köpfe gibt. Vielleicht werden sie sich doch noch durchsetzen.

China und die Welt sollte hoffen, dass sich die berechnenden Köpfe in Peking durchsetzen

Sowohl China als auch der Rest der Welt sollten hoffen, dass sie es tun. Für China sind die Risiken der derzeitigen Entwicklung immens. Nicht nur wurden durch die übertriebene Rhetorik Ressentiments geschürt. Auch wird die Entfremdung Chinas von einem Großteil des Rests der Welt nicht dazu führen, dass sich das Land in eine riesige Version von Nordkorea verwandelt. Die wirkliche Gefahr besteht darin, dass man nicht weiß, was das Gift anrichtet, wenn es sich erst einmal im System ausgebreitet hat. In Chinas eigener Vergangenheit führte eine ähnliche Blindheit zu den Gräueltaten der Kulturrevolution. Wenn Zhao oder Hua heute Unsinn über Außenstehende twittern können, dauert es nicht mehr lang, bis auch bedächtigere Politiker offen verleumdet werden. Letztlich bedeutet das den Tod für eine solide Politik.

China kann den Weg zurück finden, aber es braucht Leute innerhalb des politischen Entscheidungsapparates, die wissen, dass die Wolfskrieger-Diplomatie zu weit gegangen ist. Sie werden den blinden Nationalismus im Namen der nationalen Sicherheit eindämmen müssen. Und sie werden sich zu einem Großen Plan verpflichten und eine Politik durchsetzen müssen, die diesen unterstützt. Das würde zum Beispiel heißen, dass man in Sachen Xinjiang und Hongkong nachgibt, Taiwan die Unabhängigkeit gewährt, die BRI zurückfährt und eventuelle Fehltritte bei COVID-19 einräumt. Eine große Aufgabe, aber so könnte sich China auf eine stabilere Basis stellen, Kosten senken und Freunde gewinnen. Abgesehen davon würde schon ein einfaches Zurückfahren der schärfsten Rhetorik, das Einstellen von Desinformationskampagnen und ein Nachlassen der Aktivitäten in der Straße von Taiwan Geld sparen und es dem Rest der Welt erschweren, weiterhin eine feindliche Haltung gegenüber China einzunehmen.

Kurskorrekturen in China sind notwendig - Denn Chinas Verzicht auf den Großen Plan stellt Problem dar

Kurskorrekturen sind schwierig, aber es gibt zwei Beispiele, an denen sich die chinesische Führung orientieren könnte: den Versuch, die nationale Stärke wiederherzustellen, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, den Qing-Staatsmänner wie Li Hongzhang anführten, und Dengs Versuch, die Reste der Kulturrevolution zu unterdrücken, als er an die Macht kam. Die Qing-Restauration, bei der es darum ging, Technologie, moderne Rüstung und militärische Methoden sowie wissenschaftliche Erkenntnisse aus dem Westen nach China zu bringen, ging letztlich nicht weit genug und das Reich zerfiel. Dengs Rücksichtslosigkeit beim Ausmerzen derjenigen, die mit den schlimmsten Exzessen der Kulturrevolution sympathisierten, schaffte jedoch ein intellektuelles Klima, das seiner Strategie von „Öffnung und Reform“ förderlich war. (Es ist eine der grausamen Ironien der chinesischen Geschichte, dass das Tian’anmen-Massaker auf dem Platz des Himmlischen Friedens und die darauf folgende „patriotische Erziehung“ auch unter Deng stattfanden.)

Für den Rest der Welt stellt Chinas Verzicht auf einen Großen Plan ein Problem dar. Es ist eine Sache, sich mit einer Macht auseinanderzusetzen, die ein klares Ziel hat. Man mag zwar unterschiedliche Ansichten haben, aber wenigstens weiß man, woran man ist. Eine Macht, die wie ein streitlustiger Betrunkener um sich schlägt, ist ein wesentlich größeres Problem. Erstens: Die USA werden zwischen vitalen Interessen unterscheiden müssen, bei denen sie China die Stirn bieten müssen, und solchen, bei denen es keinen Schaden anrichten würde, wenn man China tun lässt, was es will. Es gibt zum Beispiel einen echten Grund, sich einem chinesischen Versuch zu widersetzen, Taiwan zu erobern. Für die Vereinigten Staaten steht aber weniger auf dem Spiel, wenn China sich in Entwicklungsprojekten in Ländern wie Pakistan oder Kenia engagiert. Zweitens: Wenn China etwas tut, das hilfreich ist – indem es zum Beispiel Impfstoffe zur Verfügung stellt oder etwas Konstruktives in Bezug auf den Klimawandel unternimmt –, kann es nicht schaden, dieses Verhalten zu loben, anstatt hier in ein Konkurrenzverhalten zu verfallen (wie es die USA mit der Quad zu tun scheinen). Und der letzte Punkt: Wenn Konkurrenz unvermeidbar ist, sollte dies leise geschehen. Imponiergehabe oder aggressive Äußerungen rufen in Peking vergleichbare Reaktionen hervor, und das ist selten nützlich.

Eine Politik der leisen Schritte würde China nicht zu einer friedliebenden Demokratie machen. Aber sie würde die Wolfskrieger der Aufmerksamkeit berauben, die sie in erster Linie suchen. Und sie könnte die Chancen erhöhen, einen Modus Vivendi mit China zu erreichen, während das Land versucht, seine eigenen internen Probleme in Ordnung zu bringen.

von Sulmaan Wasif Khan

Sulmaan Wasif Khan ist Inhaber des Denison-Lehrstuhls für internationale Geschichte und Diplomatie an der Fletcher School der Tufts University. Er ist der Autor von Haunted by Chaos: China’s Grand Strategy From Mao Zedong to Xi Jinping.

Dieser Artikel war zuerst am 28. Mai 2021 in englischer Sprache im Magazin „ForeignPolicy.com“ erschienen – im Zuge einer Kooperation steht er nun in Übersetzung auch den Lesern von Merkur.de zur Verfügung.

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