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Ein schwieriges Verhältnis: Stewens und Seehofer. ms

Christa Stewens: Ein letzter Karrieresprung

München - Im Herbst scheidet Christa Stewens aus dem Parlament. Bis dahin könnte sie noch einmal in die erste Reihe rücken.

Der Termin hatte etwas Gespenstisches: Horst Seehofer bestellte Ende Juli 2009 drei Ehemalige in den vierten Stock der Staatskanzlei. Nur ein paar Monate vorher hatte er die Minister Thomas Goppel, Eberhard Sinner und Christa Stewens in einem kurzen Anfall von Jugendwahn aus dem Amt gekegelt, jetzt überreichte er ihnen das Bundesverdienstkreuz. Dank, Anerkennung, ein paar warme Worte. Es wirkte wie eine vorzeitige Verabschiedung in den Ruhestand.

Knapp vier Jahre ist das her. „Man muss das relaxed sehen“, erklärte Christa Stewens damals tapfer. Doch die rücksichtslose Art des frisch aus Berlin eingereisten Ministerpräsidenten Seehofer hatte sie tief getroffen. Statt in der Dienstlimousine fuhr die Ebersbergerin fortan wieder mit der S-Bahn ins Parlament. Dort saß sie nur zwei Reihen vor ihrem ehemaligen Pressesprecher Bernhard Seidenath, der seinerseits ins Maximilianeum eingezogen war. Früher hatte er ihr eifrig zugearbeitet.

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Bis heute fragen sich viele in der CSU, warum Seehofer diesen Prototyp einer Sozialministerin zu Beginn seiner Amtszeit aus dem Amt kegelte und durch die ungleich kühlere Christine Haderthauer ersetzte. Die sechsfache Mutter Stewens, die sich lange als Hausfrau um die Kinder gekümmert hatte, ehe sie 1994 ins Parlament einzog, verkörperte das S der CSU wie kaum eine Zweite. Sie galt als bundesweit geachtete Expertin, in Talkshows gern gesehener Gast.

Der Ruf war hart erarbeitet. 2001 fungierte sie gerade als Staatssekretärin im Umweltministerium, als sie mit dem Rücktritt von Barbara Stamm (BSE-Krise) unvermittelt ins Sozialministerium katapultiert wurde. Klar, in Sachen Familienpolitik brachte sie alle nötige Kernkompetenz mit – aber Rentenformel oder den Risikostrukturausgleich der Krankenkassen erforderten viel Eifer.

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Der war auch nötig, denn spätestens mit der Agenda 2010 und der Herzog-Kommission wurden in der Union die großen Sozialschlachten ausgefochten. An vorderster Front: ein gewisser Horst Seehofer, damals noch Vize-Vorsitzender der Unions-Fraktion. Der Ingolstädter hatte schon damals ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein und ein weniger ausgeprägtes Teamverständnis. Mehrfach rauschten die Münchner Ministerin und ihr Berliner Parteifreund zusammen. Zu unterschiedlich waren ihre Charaktere: Stewens bevorzugte das vertrauliche Gespräch hinter verschlossenen Türen, Seehofer den klaren Aufschlag über die Medien.

Vielleicht war die schwierige Beziehung ein Grund dafür, warum Seehofer Stewens nicht im bayerischen Kabinett haben wollte. Günther Beckstein hatte sie in seiner kurzen Amtszeit sogar noch zur stellvertretenden Ministerpräsidentin befördert. Die einfache Abgeordnete fand sich mit ihrer neuen Rolle ab, das Intrigieren gegen Seehofer überließ sie anderen Enttäuschten. Jetzt, mit 67 Jahren, könnte sich das relativ loyale Verhalten und ihre besonnene Art bezahlt machen – mit einem unverhofften, letzten Karrieresprung, bevor sie im Herbst aus dem Parlament ausscheidet.

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Mike Schier

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