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Christian Lindners Ziel: Die FDP quasi im Alleingang zurück in den deutschen Bundestag führen.

Bundestagswahl 2017

Christian Lindner, der Spitzenkandidat der FDP: Was ist seine Strategie?

Er führte seine Partei aus der Krise - doch der alles entscheidende Etappensieg steht noch aus. Gelingt dem FDP-Spitzenkandidaten Christian Lindner die Rückkehr in den Bundestag bei der heutigen Wahl? 

Berlin - Sonntag, 22. September 2013: Ein Datum, das sich für immer ins Gedächtnis zahlreicher FDP-Mitglieder und (ehemaliger) Abgeordneter eingebrannt hat. Denn an diesem Tag erlebten die Liberalen das wohl schmerzhafteste Wahldebakel ihrer Parteigeschichte: Erstmals nach 65 Jahren im deutschen Bundestag verpassten sie mit einem sensationell schlechten Wahlergebnis von 4,8 Prozent den Wiedereinzug - und mussten unter den hämischen Blicken der übrigen Bundestagsabgeordneten ihre Büros räumen. 

In einer mehr als verkorksten Legislaturperiode als Teil der schwarz-gelben Koalition hatte die FDP mit Projekten wie der umstrittenen Steuersenkung für Hoteliers und etlichen nicht erfüllten Wahlversprechen den tiefen Fall teil selbst verschuldet.

Wie die Bundestagswahl 2017 ausgeht, können Sie in unserem Live-Ticker verfolgen.

Die ersten Tests vor der Bundestagswahl 2017 stimmten die FDP-Mitglieder hoffnungsvoll

Doch obwohl die FDP die gezwungene Verbannung in die außerparlamentarische Opposition zu Beginn spürbar frustrierte, kämpfte sie sich in den Folgejahren mit erstaunlicher Beharrlichkeit und Moral in die Riege der Volksparteien Deutschlands zurück. Denn heute, fast vier Jahre später, scheinen die „Freien Demokraten“ das Vertrauen ihrer Wähler zumindest in Ansätzen zurückgewonnen zu haben: Bei den Landtagswahlen in NRW und Schleswig-Holstein legte die FDP stark zu und erreichte jeweils12,6 Prozent (+4 Prozent) und 11,5 Prozent (+3,3 Prozent). In aktuellen Umfragen kurz vor der Bundestagswahl konkurrierte die FDP nicht selten mit der AfD um den drittstärksten Platz - nach Union und SPD.

Speziell im Jahr 2017, das laut der BILD vom Parteichef höchstpersönlich zum Schicksalsjahr der FDP auserkoren wurde, sind diese ersten Erfolge lebenswichtig für die längst verloren geglaubte Partei. Denn sollten sie den Einzug in den Bundestag im September erneut nicht schaffen, würden die Liberalen endgültig in politischer Bedeutungslosigkeit versinken - dessen ist sich neben der Süddeutschen Zeitung auch Christian Lindner längst sicher.

Christian Lindner: Das Aushängeschild der Partei

Schon bald nachdem der charismatische 38-Jährige die Nachfolge von Philipp Rösler als Parteivorsitzender angetreten hatte, krempelte er die Partei deshalb in seinem Sinne um und modifizierte sie zu einer Art One-Man-Show: Lindner war, ist und bleibt aktuell der einzige, der sich um so gut wie alle Wahlkämpfe kümmert und in diversen Talk-Shows den bissigen Fragen seiner Kollegen und Journalisten stellt. In dem Stück, das den Titel „Das Comeback der FDP“ tragen könnte, spielt er als Aushängeschild der Parteidie tragende Rolle. 

Christian Lindner: Das Leben des FDP-Hoffnungsträgers

Nicht zu Unrecht also hat Lindner mittlerweile fast alle wichtigen politischen Ämter bei der FDP inne und fungiert nicht nur auf Bundesebene, sondern auch auf Landesebene in NRW als Fraktionsvorsitzender. Doch welchen Hintergrund hat dieser Politiker, dem bereits in jungen Jahren ein politischer Aufstieg in schwindelerregenden Höhen gelang? Und der schon mit 18 Jahren als Jungunternehmer unterwegs war?

Lindners vom Ehrgeiz geprägter Lebensweg begann 1979 in seiner Heimatstadt Wuppertal. Der heutige FDP-Chef studierte Politikwissenschaften im Hauptfach, Staatsrecht und Philosophie in den Nebenfächern in Bonn. Gleichzeitig war er freiberuflich als Unternehmensberater und im Stromhandel tätig, zur Uni fuhr er mit dem Porsche. Schon in jungen Jahren war der heutige Hoffnungsträger der Liberalen auch politisch aktiv: Mit 16 Jahren trat er der FDP bei, mit 19 Jahren saß er bereits im Landesvorstand in Nordrhein-Westfalen. Als 21-Jähriger zog er in den Düsseldorfer Landtag ein - und durfte sich laut Frankfurter Allgemeine Zeitung jüngster Abgeordneter aller Zeiten nennen.

Christian Lindner: Schatten einer goldenen Vergangenheit

Doch Christian Lindner glückte nicht alles: Mit einem Internet-Start-Up ging er während seines Studiums pleite. Bis heute muss sich Christian Lindner in diesem Fall verteidigen: Kritiker bemängeln, das Unternehmen habe öffentliche Gelder in Millionenhöhe verprasst. Der Hintergrund: Das Start-Up bekam indirekt Geld aus einem Kredit eines Technologie-Beteiligungsprogramms für kleine Unternehmen der KfW-Bank. Diese ist eine Anstalt öffentlichen Rechts, wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtet.

Ein weiteres Mal machte Lindner negative Schlagzeilen, als anonyme Änderungen an seiner Wikipedia-Seite vorgenommen wurden. Viele der „beschönigenden“ Änderungen sollen laut der TAZ von IP-Adressen stammen, die Lindner und seinen Mitarbeitern gehörten.

Lindners Karriere als Berufspolitiker taten all dieser Affären jedoch keinen Abbruch - für ihn ging es in der FDP immer weiter nach oben: 2009 wurde er erstmals in den Bundestag gewählt und zum FDP-Generalsekretär ernannt, 2011 trat er wieder zurück. Er wolle den Weg für eine neue Dynamik frei machen, erklärte er damals. Dennoch blieb Lindner weiterhin in der FDP aktiv, wurde erst Fraktionsvorsitzender der FDP in Nordrhein-Westfalen, 2013 zunächst stellvertretender und schließlich erster FDP-Bundesvorsitzender. Lindner gelang es, die Partei zumindest in Ansätzen aus der Krise zu führen; unter anderem weil er weiß, wie Medien funktionieren - schließlich ist er mit der Journalistin Dagmar Rosenfeld-Lindner verheiratet, die beim Nachichtensender N24 tätig ist. Das Ehepaar hat keine Kinder. 

Wofür steht der Spitzenkandidat der FDP?

Neben der Rückbesinnung auf den liberalen Kern seiner Partei plädiert Lindner seit seiner Amtsübernahme als erster Vorsitzender und unangefochtener Spitzenkandidat bei der kommenden Bundestagswahl auch für deren Neuerfindung und -orientierung. Zumindest nach außen hat sich das Auftreten der FDP tatsächlich verändert: 

Offensichtlich ist beispielsweise das neue Logo, das sich die Liberalen Anfang 2015 zugelegt haben. Die traditionellen FDP-Farben gelb und blau ergänzte die Partei durch ein durchdringendes Magenta: Die Partei wollte moderner und sympathischer auf die potenziellen Wähler wirken. Auch bezeichnen sich die FDPler nun nicht mehr als „Liberale“, sondern als „Freie Demokraten“ - höchstwahrscheinlich, um sich vermehrt von den immer lauteren Vorwürfen zu distanzieren, der vermeintlich freigeistige Liberalismus sei nur eine hübsche Maske für exzessiven Neo-Kapitalismus. 

Trotz dieser Entwicklung betonte Lindner unter anderem auf dem Dreikönigstreffen 2015, dass sich die liberalen Grundfesten der FDP niemals erschüttern lassen. Für die Bundestagswahlen 2017 kündigte er dort eine „FDP-Pur“-Strategie an.

Bundestagswahl 2017: So tritt der Spitzenkandidat auf

Schon im Wahlkampf vor dem letzten großen Stimmungstest in NRW stieß Lindners strategische Selbstinszenierung auf überwältigende Resonanz. Seine Anhänger feierten den 38-Jährigen für seinen unermüdlichen Kampfgeist: Dieser hatte sich offenbar quasi im Alleingang der Rettung seiner Partei verschrieben, und reiste wochenlang jeden Tag kreuz und quer durch Nordrhein-Westfalen. 

Im Bundestagswahlkampf ließ er sich nun als eine Art Pop-Politiker von Starfotograf Olaf Heine ablichten und wirbt allein mit seinem Gesicht samt Slogans wie „Die Digitalisierung ändert alles. Wann ändert sich die Politik?“ oder „Ungeduld ist auch eine Tugend“ für eine Repolitisierung der Menschen. 

Seine Wahlplakate zeigen, dass Lindner auch das Internet verstanden hat - es wirkt zumindest so, als hätte er den so genannten „Plendid“-Trend aufgegriffen. Dieser Trend aus dem Netz meint das bewusste nach unten oder aus dem Bild schauen. So soll der Eindruck vermittelt werden, dass das Foto zufällig entstanden ist.

Das Wahlprogramm der FDP für die Bundestagswahl 2017

Um bei derBundestagswahl im September 2017 nun den Wiedereinzug und damit das einzige seit Wochen, Monaten und Jahren anvisierte Ziel nicht erneut zu verfehlen, setzen Lindner und die FDP auf moderne Themen.

In ihrem Wahlprogramm legen die „Freien Demokraten“ besonderen Wert auf moderne Themen, wie die Digitalisierung, Bildung und mehr Flexibilität in der Arbeitswelt. Zu den Kernzielen zählen außerdem das Vorankommen durch eigene Leistung und Selbstbestimmtheit sowie ein unkomplizierter Staat.

FDP setzt in ihrem Wahlprogramm für 2017 auf eine starke Bildungspolitik

Gemäß diesen Zielen will die FDP vor allem in Bildung investieren: So wollen sie die Ausgaben für Bildung auf bundesstaatlicher Ebene an den fünf führenden Ländern der OECD-Staaten orientieren, um deutsche Bildungsstandards langfristig zu erhöhen. Schulen sollen dabei selbst in der Lage sein, über ihren Haushalt und Investitionen zu entscheiden. Jedes Kind soll sogenannte „Bildungsgutscheine“ vom Staat erhalten, die die Eltern bei den Bildungseinrichtungen einlösen können, die das Kind besucht. Staatliche und freie Schulen erhalten dabei die gleiche finanzielle Unterstützung pro Bildungsgutschein.

Auch für Universitäten soll es finanzielle Zuschüsse je nach Anzahl der Studierenden geben. Damit will die FDP einen fairen Wettbewerb aller Studierenden in ganz Deutschland fördern.

Kernthema der FDP für die Bundestagswahl 2017: Digitalisierung

In sämtlichen Ausbildungsstätten soll auch die Digitalisierung eine größere Rolle spielen und Medienkompetenz verstärkt vermittelt werden. Hierfür müssen Lehrer dementsprechend geschult werden.

Im Bereich der Ausbildung wollen die Liberalen vor allem duale Angebote fördern, die Berufserfahrung und Ausbildung verknüpfen.

Digitalisierungsmaßnahmen sollen genauso auch in arbeitsmarktpolitischen Entscheidungen stärker berücksichtigt werden. So wollen die Freien Demokraten einen „europäisch digitalen Binnenmarkt“ ohne weitreichende Regulierungen durch den Staat.

Asylpolitik der FDP: Einführung eines Einwanderungsgesetzes

Die Liberalen möchten Flüchtenden die Möglichkeit geben, Asylanträge bereits im Ausland zu beantragen, um ihnen die Flucht zu ersparen. Ein Visum aus humanitären Gründen soll erteilt werden, wenn bei einer einzelnen Person offensichtlich ist, dass Leib und Leben konkret gefährdet sind. Gleichzeitig will die FDP Länder, die vermehrt Flüchtlinge aufnehmen, mit europäischer Hilfe finanziell unterstützen.

Prognosen und mögliche Koalitionen der FDP bei der Bundestagswahl

Aktuell ist es durchaus realistisch, dass die FDP den Wiedereinzug in den deutschen Bundestag bei der Bundestagswahl 2017 schafft. Im Interview mit dem Münchner Merkur betonte Christian Lindner allerdings, dass er sich nicht in der Rolle des Mehrheitsbeschaffers für eine Wiederauflage von Schwarz-Gelb sehe: „Es kann sein, dass es nach der Bundestagswahl 2017 eine schwarz-gelbe Mehrheit, aber keine schwarz-gelbe Regierung geben wird“. 

Auch für die Jamaika-Koalition - ein Bündnis aus CDU, Grünen und FDP - könnte es zahlenmäßig aktuell reichen. Eine “Ampel“-Konstellation, also ein rot-gelb-grünes Bündnis aus SPD, FDP und Grünen ist laut Prognosen allerdings eher unwahrscheinlich. Und obwohl sich der konservativere Rand der SPD eine solche Koalition durchaus vorstellen könnte, lehnte Lindner sie im Interview klar ab: „Für eine Ampel-Regierung sehe ich aber nach dem SPD-Linksruck und der Grünen-Steuererhöhungspolitik gar keine Schnittmengen.“ Auch für eine gemeinsame Koalition mit der AfD sieht der Parteichef keine Zukunft: „Wer die AfD wählt, muss sich ihre Positionen zurechnen lassen: Rassismus, Antisemitismus und Hass. Wir sind das genaue Gegenteil der AfD.“

Über aktuelle Umfragen der FDP und Prognosen zur Bundestagswahl halten wir Sie auf dem Laufenden.

sl

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