Minister im Regen: Christian Schmidt (CSU) agiert nicht immer glücklich in Berlin. Foto: dpa

Agrarressort

Christian Schmidt: Ein Minister für Höfe und Häme

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Berlin - Für einen Tag steht ein Unscheinbarer im Mittelpunkt des Berliner Interesses. Minister Christian Schmidt legt den Agrarbericht vor. Der Inhalt ist in Ordnung. Bisher aber strahlt wenig auf den glücklosen CSU-Mann ab.

Er wollte doch nur unsichtbar sein, aber nicht mal das gelang ihm. Neulich bei der CSU-Klausur in Andechs schlich sich Christian Schmidt diskret hinten an Kollegin Ilse Aigner vorbei, sie gab ein Interview, er wollte nicht stören. Schmidt aber stolperte, stürzte mit einem Schrei auf den Steinboden, verlor Brille und Akten, blutend und benommen musste er versorgt werden.

Da drängelt sich ein CSUler einmal nicht in den Vordergrund und fliegt trotzdem auf die Nase. Wie ungerecht – aber symptomatisch für den Bundeslandwirtschaftsminister. Schmidt ist nun seit 15 Monaten im Amt und bekommt allenthalben bescheinigt, dort nicht recht angekommen zu sein. Wenig bleibt von seinen Initiativen hängen, kübelweise gibt es Häme und Kritik von den Medien. „Minister im Fettnapf“, titelte der Spiegel nach dem ersten Jahr.

Es ist ja auch eine seltsame Pannenbilanz. Kleine Patzer waren darunter, etwa als der Minister und ein Wachmann im US-Senat aneinandergerieten, und das beinahe handgreiflich. Im Streit („Ich bin der Minister!“ – „Mir ist egal, wer Sie sind“) behielt der Wachmann klar die Oberhand. Mittlere Pannen gab es, wie den kuriosen Fernsehauftritt mit einem Biss in den deutschen Apfel als Werbung für Bauern, die unter russischen Importverboten leiden. Oder die instinktlose Szene mit einem Plakat „Je suis Greußener Salami“, als die „Heute Show“ den Bundesminister aufs Kreuz legte. Auch große Missgriffe leistete sich Schmidt: In der aufgeladenen Debatte um das US-Freihandelsabkommen fachte er mit einer ungeschickten Äußerung Ängste an, TTIP zerstöre den Schutz regionaler Herkunftsbezeichnungen.

Vieles sind handwerkliche Fehler in der Kommunikation, der Pressesprecher wurde bereits ausgetauscht. Schmidt selbst fehlt allerdings das Talent zum gelungenen Auftritt. Das fällt in Berlin, wo Häme über vermeintlich provinzielle CSU-Politiker beliebt ist, auf besonders fruchtbaren Boden. Was, wenn er mal einen richtigen Fleischskandal zu überstehen hat?

Seine Positiv-Themen – etwa der Kampf für Hygiene in Kneipen, gegen die Wegwerfgesellschaft – dringen nicht genug durch. Wenig machen da wohlmeinende Medien wie die „Bild“ aus, die ihn fürs Foto flauschige Küken streicheln ließ, wenn auch nur welche aus gelbem Plastik.

Ein weiteres Grundproblem ist nicht zu leugnen: Der Jurist Schmidt ist fachfremd, sieht nur oberflächlich aus wie ein gemütlicher Bauernminister. Er ist gelernter Verteidigungspolitiker, einer der best-vernetzten in der CSU, kundig und gewitzt. In der Rochade nach dem Friedrich-Rücktritt rückte er aber vom ewigen Staatssekretär – was er aus Kompetenz, nicht aus Proporz fast ein Jahrzehnt war, eine Seltenheit in Berlin – auf zum Agrarminister. Dabei liegt ihm die Münchner Sicherheitskonferenz viel mehr als die Grüne Woche.

Rüben statt Raketen – das kann man lernen als fränkisches Dorfkind und Bäckersohn, ist aber ein weiter Weg. Tage wie dieser Mittwoch sollen Meilensteine dabei sein: In Berlin präsentiert der 57-Jährige den Agrarbericht der Bundesregierung. Er kann manch Gutes vermelden: das Höfesterben ist zurückgegangen, jährlich 1,6 Prozent auf 285 000 Betriebe, die Wertschöpfung bleibt mit 161 Milliarden Euro hoch, die Gewinne steigen sanft.

Typisch Schmidt ist allerdings ein Patzer dabei: Diesmal ist der Bericht, obwohl fest Vertraulichkeit zugesichert war, zu früh an die Presse durchgesickert. Die Abgeordneten bekamen ihn erst danach. „Schlechter Regierungsstil und eine Respektlosigkeit“, schimpft der grüne Agrarpolitiker Friedrich Ostendorff. Das hilft nicht beim Projekt, in der Hauptstadt das Fettnäpfchen-Image loszuwerden. Dabei wäre das wichtig für Schmidt: Der Verbleib im Amt ist über die Wahl 2017 hinaus sonst ungewiss – der Regionalproporz wird dem Mittelfranken kaum helfen, da stehen junge, aufstrebende Parteifreunde wie Stefan Müller oder Dorothee Bär jederzeit bereit.

Bundeskanzlerin Angela Merkel soll sich schon kritisch über seine Außenwirkung geäußert haben. Bei Horst Seehofer in Ungnade gefallen ist der Agrarminister bisher dem Vernehmen nach aber nicht. Viele rechnen sogar mit seiner Wiederwahl als Parteivize, Seehofer bastelt noch am Personaltableau. Schmidts Glück ist, dass der Söder-geplagte CSU-Chef derzeit eher mit hyperaktiven als mit zu unscheinbaren Franken ein Problem hat.

VON CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

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