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Christian Schneider, Chef von Unicef Deutschland, spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über den Syrien-Konflikt.

Großes Interview mit Unicef-Chef

"Vier Millionen Kinder von Syrien-Konflikt betroffen"

München - Christian Schneider, Chef von Unicef Deutschland, spricht im Interview mit dem Münchner Merkur über den Syrien-Konflikt.

Herr Schneider, wie viele syrische Kinder sind derzeit auf der Flucht?

Insgesamt sind vier Millionen Kinder in Syrien und in den Nachbarländern direkt vom Konflikt betroffen. Zum Vergleich: Diese Zahl entspricht allen Kindern in Deutschland unter fünf Jahren! Wir gehen davon aus, dass in den nächsten Tagen in den Lagern außerhalb Syriens das einmillionste Kind eintreffen wird. Für die UN ist das die größte Flüchtlingskrise weltweit. Das syrische Flüchtlingslager Saatari in Jordanien ist mit geschätzten 120.000 bis 150.000 Menschen derzeit das zweitgrößte Flüchtlingslager der Welt.

Dieses Lager war 2012 für 30 000 Menschen konzipiert worden, jetzt lebt dort die fünffache Zahl an Flüchtlingen. Wie ist dort die Situation?

Dort ist innerhalb weniger Monate eine riesige Zelt- und Containerstadt mitten in der Wüste entstanden, der Krieg ist nur 15 Kilometer entfernt. In der Hochzeit kamen dort 2000 bis 3000 Leute jede Nacht an. Jeden Tag müssen wir mit unseren Partnern bis zu vier Millionen Liter Wasser mit Lkw ins Lager fahren. Die Lebensbedingungen bei großer Hitze im Sommer und Kälte im Winter sind schwer, und es gibt kaum etwas zu tun außer auf das Ende des Konflikts zu warten. Die Atmosphäre ist sehr angespannt.

Syrien-Konflikt: Bilder aus dem Flüchtlingslager

Syrien-Konflikt: Bilder aus dem Flüchtlingslager in Damiz im Norden Iraks

Das Lager in Domiz/ Irak ist kleiner, kämpft aber mit ähnlichen Problemen.

Die Wasserversorgung in Domiz ist gut. Jedoch verläuft im Moment die Abwasserentsorgung überirdisch, mitten durch das Camp. Vor allem Kinder, die im Flüchtlingslager draußen spielen und dabei auch in Kontakt mit Abwasser kommen, stecken sich leicht mit Krankheiten an. Im schlimmsten Fall droht ein Cholera-Ausbruch.

Wie hilft Unicef?

Zum einen sorgen wir für sicheres Trinkwasser, Duschen und soweit möglich für eine funktionierende Abwasserentsorgung. Wir impfen die Menschen, versorgen sie medizinisch. Da zukommt die Bildung und psycho-soziale Versorgung der Kinder, die teilweise schwer traumatisiert sind.

Wie kann man Kindern helfen, die Bombenangriffe, Tod und Flucht erlebt haben und nun in Zelten leben?

Den meisten dieser Kinder ist schon geholfen, wenn man ihnen einen geregelten Alltag ermöglicht. Wir geben ihnen die Chance, in die Schule zu gehen, zu spielen – einfach wieder Kind zu sein. Notschulen haben deshalb für uns eine genauso hohe Priorität wie sauberes Trinkwasser oder Medikamente. Einige hundert Kinder in Domiz nutzen zusätzlich die Freizeit-Angebote unter geschulter Betreuung und können zum Beispiel beim Zeichnen Erlebtes verarbeiten. Kinder, die schwer traumatisiert und verhaltensauffällig sind, werden an Psychologen weitervermittelt. Das alles ist sehr teuer. Alleine für dieses Jahr braucht UNICEF für die Nothilfe in Syrien und der Region rund 470 Millionen Dollar.

In den Medien ist selten die Rede von syrischen Flüchtlingen. Schlägt sich das auf die Spendenbereitschaft nieder?

Wir haben in Syrien selten Kameras, die den Blick auf die katastrophale humanitäre Lage lenken können. Zudem verunsichert der verworrene Konflikt unsere Spender. Dabei ist die Not der Zivilisten groß – und die Hälfte von ihnen sind Kinder und Jugendliche. Diese Situation muss man sichtbar machen und den Menschen in Deutschland erzählen. Viele wissen auch gar nicht, dass trotz der schwierigen Umstände Hilfe möglich ist. Deshalb ist es mir wichtig zu betonen: Die Hilfe kommt an. Und sie wird dringend benötigt.

Das Gespräch führte Patrick Wehner

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