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Christian Ude (SPD) und Peter Gauweiler (CSU) kennen und schätzen sich seit vielen Jahren.

Politiker ziehen Bilanz

Ude und Gauweiler über die oberlehrerhafte Lust der 68er

Christian Ude (SPD) und Peter Gauweiler (CSU) standen bei den Studentenprotesten auf verschiedenen Seiten – und ziehen heute Bilanz.

München - 1968 in München: Die Studentenproteste erreichen die Landeshauptstadt. Links steht damals Christian Ude, SPD, Zeitungsredakteur und 25 Jahre später Oberbürgermeister von München, auf der anderen Seite Peter Gauweiler, gerade in die CSU eingetreten, später bayerischer Umweltminister und stellvertretender Parteivorsitzender. Heute sind beide Politrentner. Gemeinsam erinnern sich die beiden an das Revoltejahr.

Ude und Gauweiler kennen sich lange, traten unter anderem bei der Oberbürgermeisterwahl 1993 gegeneinander an. Gauweiler und Ude gelten in ihren Parteien als Querköpfe. Sie haben sich über die Jahre in vielen Positionen angenähert.

“Irrationale Bewunderung“ für Ho Chi Minh oder Mao

Im Rückblick auf 1968 findet Ude, damals SZ-Redakteur für Schulen und Hochschulen, manches peinlich. Etwa die „irrationale Bewunderung“ für Ho Chi Minh oder Mao Tse-tung: „Wie kann eine Generation, die derartig für sich in Anspruch nimmt, die sensibelste in Fragen der Diktatur und ihrer Früherkennung zu sein, derartige Diktatoren und Tyrannen mit einer Blutspur der Millionen Toten so unkritisch sehen und sogar feiern“, fragt er sich. „Das ist mir im Nachhinein peinlich, wobei ich selber nie mit einem Mao-Plakat rumgelaufen bin, aber eben auch keinen Anstoß daran genommen habe, dass andere es taten.“

Er habe sich damals in einem Zwiespalt befunden, sagt Ude, heute 70 Jahre alt. Als SPD-Mitglied habe er sich im Umfeld linker Jungsozialisten bewegt, sei als SZ-Redakteur aber vom Sozialistischen Deutschen Studentenbund „nur als Scheißliberaler oder – noch schlimmer – Repräsentant der bürgerlichen Presse“ betitelt worden.

„Mir tut überhaupt nichts leid“

„Zwischen den Stühlen“ sah sich damals auch Gauweiler, und „immer als hochpolitisch und als kontra“. Fehler in der 1968 so aufgeheizten Atmosphäre bedauert Gauweiler, heute 68, nicht: „Mir tut überhaupt nichts leid.“ Auch seine Fehler nicht. „Das ist halt mein Leben, und ich bin dankbar, dass ich’s hab’ leben dürfen.“

Ude übt dagegen deutliche Selbstkritik: „Was mich befremdet – und an dieser späten Einsicht ist der Rundfunk schuld – ist der Ton, den wir damals angeschlagen haben. Es gibt da eine Parteitagsreportage mit Originalton, und über meine Rede kann ich nur sagen: So einen Kerl würde ich heute nicht mehr ertragen. Diese oberlehrerhafte Lust an der Unterweisung, diese naseweise Rechthaberei mit soeben erst aufgeschnappten Soziologensprüchen, diese verletzende Aggressivität...“

Ude relativiert auch das damalige politische Engagement der Studenten: „Wenn man Politischsein daran misst, ob man einen Rudi-Dutschke-Wortschatz beherrscht oder nicht und auch ständig im Munde führt oder nicht, dann waren wir damals, und selbst damals nur eine Minderheit an den Universitäten, sicher politischer, als es heute klingt.“

Die heutige Jugend will Ude aber deswegen nicht als unpolitisch abtun: „Wenn man sich anschaut, was junge Leute heutzutage tatsächlich machen, ob früher in irgendwelchen Initiativen als Kernkraftgegner oder ganz aktuell in der Flüchtlingshilfe, dann sind die an realen politischen Verhältnissen vielleicht sogar näher dran.“

Was haben die 68er positiv verändert?

Und wo bitte bleibt das Positive an 1968? „Sie haben bestimmte Verkrampfungen mit sich rumgeschleppt, aber haben auch der Gesellschaft das Tanzstundenhafte, das Verzopfte genommen“, räumt Gauweiler ein. Und die Gleichberechtigung? Die 68er seien „ganz schöne Chauvis“ gewesen, findet Ude. „Ihr Verhältnis zur Sexualität war eigentlich ein Wunsch nach freier Verfügbarkeit attraktiver Kommilitoninnen.“ Erst die Frauen selbst hätten eine Wende bewirkt.

Gauweiler fällt zu dem Thema eine Anekdote ein, die an heutige Femen-Auftritte erinnert: „Der Adorno, der hat in Frankfurt einen Herzanfall bekommen, als sich die Frauen ausgezogen haben in der Vorlesung.“ Ude hat Verständnis für den Soziologen, der damals an der Universität Frankfurt lehrte: „Es war halt auch nicht seine Kommunikationsebene.“

Gauweiler vermisst auch die früher intensiv geführten Debatten zwischen politischen Gegnern und das „Ringen um den richtigen Weg“ in der aktuellen Politik. „Große Kontroversen, die Sie zuhause in der Familie haben, die wir haben, die die ganze Gesellschaft hat – Bundeswehreinsatz im Ausland, Bankenrettung, Grenzen schützen ja oder nein, Russland-Boykott ja oder nein – in unserer Großen Koalition oder in diesem Berliner Politbiotop, da unterscheiden die sich ja nur auf dem Millimeterpapier.“

Genauso wie 1968 sitzen auch 2018 Politiker von Union und SPD im Bundestag gemeinsam auf der Regierungsbank. Eine Konstellation, die die Ränder stärkt, findet Sozialdemokrat Ude, der mit seinem Buch „Macht endlich Politik!“ unter anderem CDU und SPD die Leviten las: „Das ist ein nahezu physikalisch notwendiger, gesetzmäßiger Vorgang. Wenn beide Volksparteien sich unterhaken für eine gemeinsame Regierung, tun sie beide einen Schritt zur Mitte und lassen an den Rändern einen Schritt breit frei.“

Ude und Gauweiler kritisierten in ihrer Kolumne im Münchner Merkur bereits vor vier Jahren die damalige Große Koalition, und heute wie damals urteilt Gauweiler: „Eine Große Koalition ist nicht dazu da, um politische Niederlagen von Parteiführern, egal von wem, zuzukitten.“

Lesen Sie auch: Ex-Oberbürgermeister Ude im Interview: „Sandkastenspiele bringen uns nicht weiter“

Und: Gauweiler im Interview: So schnell kann die CSU weg vom Fenster sein

Martina Scheffler

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