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Haderthauer in Würzburg

Nach Besuch bei Flüchtlingen in Würzburg

Höchst unangenehme Minuten für Haderthauer

München - Was als versöhnliche Geste gedacht war, gerät zum PR-Fiasko. Der Besuch von Ministerin Haderthauer bei Flüchtlingen in Würzburg ist nun auch Thema im Landtag. Die Opposition versucht, die CSU-Politikerin vorzuführen.

Als die Redner ihr Eiseskälte vorwerfen, lächelt Christine Haderthauer. Sie blättert in ihren Unterlagen, irgendwelche Ministerialdokumente, unterstreicht, signiert, ordnet, dann nochmal von vorn. Ein paar SMS, demonstratives Desinteresse, keine weitere emotionale Regung. Es soll gelassen aussehen, aber verdeckt nicht: Die Sozialministerin erlebt höchst unangenehme Minuten.

Eine quälende Stunde lang debattiert der Landtag über die Ministerin, über ihre Art, ihr Auftreten. Als „schlechte Repräsentantin“ bezeichnet sie die SPD, sie zeige „nicht menschenwürdiges Verhalten“. Es ist eine dieser Debatten, die zu nichts führen außer einer rhetorischen Schlammschlacht. Am Ende steht diesmal allerdings eine Frage: Wie kam es dazu?

Vor einer Woche fing an, was sich zu einem PR-Desaster auswuchs. In Würzburg besuchte Haderthauer eine Asyl-Unterkunft, traf Kirchenvertreter und intern auch Bewohner. Eigentlich hatte sie eine gute Botschaft dabei: Es werde Geld geben für Deutsch-Kurse für die Asylbewerber. Vor Ort aber gab es Missverständnisse, die Stimmung schaukelte sich auf. Nach einer Woche Schlagzeilen wissen Millionen Zeitungsleser jetzt vor allem: Die Ministerin hat sich im Dienstwagen verschanzt, als weitere Asylbewerber draußen mit ihr reden wollten, sie steht im Kreuzfeuer der Opposition und des Journalistenverbandes. Die örtliche „Mainpost“ schreibt über den Besuch, die Ministerin habe „kalte Häme“ gezeigt und „aggressiv“ agiert. Die überregionale „SZ“ kommentiert, die Ministerin habe kein „Charisma“. Da ist was gravierend schiefgegangen.

Im Landtag am Mittwochabend rechtfertigt Haderthauer ihren Auftritt. Auch ihr Chef Horst Seehofer stützt seine Ministerin. „Ich habe absolut Verständnis für ihr Verhalten, weil sie sich bedrängt gefühlt hat“, sagt er dem Münchner Merkur. Er ließ sich von Haderthauer die Szene aber offenbar mehrfach schildern. Der Ministerpräsident schätzt es eigentlich nicht, oft mit solchem Kleinkram belästigt zu werden.

Auch in der CSU grummelt es. Offiziell stellt man sich hinter sie. Hinter vorgehaltener Hand aber heißt es, Haderthauer verströme für eine Sozialministerin sehr wenig Herzenswärme. Würzburg belege: Mehr Empathie sei nötig, trotz klarer Kante. Dass ihr tagelang kein führender Parteifreund öffentlich zur Seite sprang, obwohl hinter den Kulissen viele SMS hin und her flogen, spricht Bände.

Dabei war der Würzburger Eklat vermeidbar. Wohl ganz, indem Haderthauer ihren Dienstwagen verlassen und mit den Protestierenden geredet hätte. Zwei leitende Ministeriale waren in Würzburg dabei. Berieten sie die Chefin schlecht? Hörte sie nicht zu? Die Ministerin hätte den Ärger dann zumindest eindämmen können, hätte sie die folgenden Tage nicht forsch den Vorgang und die Zeitungsartikel auf ihrer Facebook-Seite kommentiert. Was sie dort an tröstlicher Unterstützung erfuhr, zum Teil auch von zweifelhafter Seite, macht die Schlagzeilen nie wett.

Sie sei eben eisern, sagen Wohlmeinende über die Ministerin. Wer jedermanns Liebling sein wolle, werde bald jedermanns Depp. Ein klares Profil schade in Bayern nicht. Ihre Vorgängerinnen allerdings, Barbara Stamm und Christa Stewens, legten ihre Rolle mütterlich und menschennah aus, und das sehr populär. Stamm übrigens war in Würzburg dabei, sie sprach mit den Bewohnern, während Haderthauer im Wagen auf die Polizei wartete.

Die Würzburg-Wut wird sich legen. Was bleibt, ist aber der Eindruck, dass recht vieles derzeit schlecht für die Ministerin läuft. Bemerkenswert viele skurrile Petitessen sind darunter. Manchmal sind flapsige Sätze schuld: Die Auskunft zum Beispiel, neulich sei unter ihr und dem Ehemann das Bett zusammengebrochen, schaffte es bis auf Seite 2 der „Zeit“. Ob das ihr Profil in der Bundespolitik geschärft haben dürfte? Manchmal ist es auch schlechte Planung: Neulich gab es Ärger, weil sie einen Termin bei McDonalds hatte, statt bei einem Pflegekongress im Landtag aufzutreten. Sie musste kurzfristig umplanen.

Einen ungewöhnlichen Warnschuss bekam Haderthauer im Februar auf dem Nockherberg. Im Singspiel wurde die ehrgeizige Ministerin nicht mehr gedoubelt, die ebenso ehrgeizigen Kollegen Markus Söder und Ilse Aigner aber sehr wohl.

CHRISTIAN DEUTSCHLÄNDER

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